Abschnitt: Schutz, Gesundheit und Sicherheit von Kindern → Übergriffe, Gewalt oder sexueller Missbrauch durch Mitarbeiter
 

Stellen Sie bei vermuteter Kindeswohlgefährdung ein korrektes Vorgehen sicher!

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Neben der Strafbarkeit der unmittelbaren Täter/innen kann auch eine strafrechtliche Verantwortung der Kita-Leitung bestehen: Besteht innerhalb einer Einrichtung Kenntnis von wiederholten sexuellen Übergriffen oder körperlicher Gewalt, sodass die Gefahr von weiteren Straftaten naheliegt, und werden keine Schutzmaßnahmen ergriffen, kann sich auch die Leitung aufgrund einer Garantenpflicht wegen Unterlassen strafbar machen, wenn weitere Straftaten begangen werden und deren Verhinderung möglich und zumutbar war.

Anforderungen im Strafverfahren

Ob es zu einer tatsächlichen Verurteilung kommt, wenn eine grundsätzlich strafbare Handlung vorliegt, hängt von der Beweislage ab. Der Täterin/dem Täter muss die Tat in einem Strafverfahren nachgewiesen werden. Das kann durch Zeugenaussagen geschehen, wenn Zeugen die Tat beobachtet haben, oder auch durch dokumentierte Verletzungen. Bei körperlichen oder sexuellen Übergriffen gibt es jedoch oftmals keine objektiven Beweismittel. Die Taten werden im Verborgenen begangen, auch sexuelle Übergriffe haben häufig keine nachweisbaren Verletzungen (mehr) zur Folge, Spuren, wie z.B. DNA, können nur kurzfristig sichergestellt werden. Die Aussage der geschädigten Mädchen und Jungen ist deshalb häufig das einzige Beweismittel und muss daher von besonderer Qualität sein. Insbesondere bei jungen Kindern mit eingeschränkten verbalen Ausdrucksmöglichkeiten scheitern hier strafrechtliche Verurteilungen oftmals an den qualitativ sehr hohen Anforderungen, die in der Konstellation »Aussage gegen Aussage« an die Schilderung der Geschädigten und die Rekonstruktion der Aussageentstehung gestellt werden.

Kinder-Aussagen im Strafverfahren und Aufdeckung

In einem Strafverfahren gilt der Grundsatz »im Zweifel für den Angeklagten«. Wenn nach Prüfung aller zur Verfügung stehenden Beweise nicht ohne vernünftigen Zweifel feststeht, dass der Täter/die Täterin die Tat begangen hat, muss das Gericht freisprechen. Auch wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass an den Tatvorwürfen »etwas dran ist«, reicht das für eine Verurteilung nicht aus. Das Gericht darf nicht abwägen, ob es wahrscheinlicher ist, dass die Tat stattgefunden hat als dass sie nicht stattgefunden hat, sondern muss positiv feststellen, welche Tat durch wen begangen wurde. Wenn das Gericht diese Feststellung nicht treffen kann, muss es freisprechen.

Weiter kann ein Gericht in einem Strafverfahren nur wegen einer konkreten Tat verurteilen. Es muss feststellen, in welchem eingrenzbaren Zeitraum welche konkrete Handlung begangen wurde. Das bringt häufig dann Nachweisschwierigkeiten mit sich, wenn über einen längeren Zeitraum verschiedene Taten stattgefunden haben, die oftmals nur schwer voneinander abgrenzbar sind, wenn kleine Kinder zu solchen konkreten Angaben noch nicht in der Lage sind oder die Taten schon längere Zeit zurückliegen.

Der gleiche Maßstab gilt für die Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft kann nach Abschluss der Ermittlungen nur dann Anklage erheben, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung besteht. Wenn die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis kommt, dass die Beweise voraussichtlich für einen Nachweis einer konkreten Tat nicht ausreichen, muss sie das Verfahren einstellen. Eine Verfahrenseinstellung bedeutet deshalb nicht unbedingt, dass die Staatsanwaltschaft davon überzeugt ist, dass die Tat sich nicht ereignet hat, sondern lediglich, dass die Beweise nicht ausreichen, um eine Tat nachzuweisen. Genauso wenig heißt ein Freispruch zwingend, dass kein Missbrauch stattgefunden hat, sondern oftmals lediglich, dass er nicht nachweisbar ist.

Eine Vermutung, dass ein Mädchen oder Junge von Gewalt oder einem sexuellen Übergriff betroffen ist, entsteht in der Regel entweder aufgrund von Beobachtungen grenzverletzenden Verhaltens des Mitarbeiters/der Mitarbeiterin, Verhaltensauffälligkeiten eines oder mehrerer Kinder, sexualisierten Übergriffen von Kindern untereinander oder Andeutungen bzw. Angaben eines Kindes. Da eine Anklage und eine Verurteilung, wie oben ausgeführt, den Nachweis einer konkreten Tat verlangen, kommt den Angaben des Kindes eine zentrale Bedeutung zu. Nur wenn ausgeschlossen werden kann, dass die Aussage des Kindes beeinflusst wurde, kann sie in einem Strafverfahren verwertet werden.

Eine Beeinflussung von Kinderangaben kann sich bereits aus der Art der Befragung des Kindes ergeben. Eine derartige Suggestion kann dann vorliegen, wenn Kinder mit einer bestimmten Erwartungshaltung befragt werden, weil die Person, die mit dem Kind spricht, bereits davon ausgeht, »dass etwas passiert ist«. Eine suggestive Befragung kann es auch sein, wenn dem Kind Formulierungen angeboten werden, die es nur bejahen oder verneinen muss, oder wenn ihm in der Befragung konkrete Handlungsvorschläge gemacht werden (»Musstest du auch…?«, »Hat er/sie…?«). Es ist dann oftmals nicht auszuschließen, dass Kinder in dem Bemühen, die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen und die vermeintlich »erwünschte« Antwort zu geben, ihre Angaben anpassen und sich in der Folge ihre Erinnerung verändert. Das hat dann zur Folge, dass – unabhängig davon, ob Gewalt oder Übergriffe tatsächlich stattgefunden haben – die Aussage des Kindes in einem Strafverfahren nicht mehr verwertbar ist.

Die Staatsanwaltschaft und das Gericht werden deshalb prüfen, wie die Angaben des Kindes zustande gekommen sind und wie die Befragungssituation gewesen ist. Auch hier gilt der Grundsatz »im Zweifel für den Angeklagten«. Wenn eine – auch unbeabsichtigte – Beeinflussung der Angaben des Kindes nicht ausgeschlossen werden kann, ist die Aussage kein ausreichender Tatnachweis. Die Folge ist in der Regel ein Freispruch oder eine Einstellung des Verfahrens.

In Strafverfahren werden Angaben von Kindern häufig aussagepsychologisch begutachtet. Damit soll festgestellt werden, ob das Kind bereits in der Lage ist, Erlebtes von Fantasie zu unterscheiden und Erinnerungen wiederzugeben. Außerdem wird geprüft, ob eine Verfälschung der Kinderaussage durch – auch unabsichtliche – Beeinflussung ausgeschlossen werden kann. Auch hier gilt: Es wird nicht geprüft, wie wahrscheinlich eine Beeinflussung ist, sondern ob sie ausgeschlossen werden kann. Das Ergebnis einer aussagepsychologischen Untersuchung ist nicht eine Feststellung darüber, ob ein Kind die Wahrheit sagt oder eine Tat stattgefunden hat. Das Gutachten kann nur die Frage beantworten, ob ausgeschlossen werden kann, dass es eine andere Erklärung für die Angaben des Kindes gibt, als die, dass es die Tat genauso so erlebt hat.

Tipp

Wichtig ist es deshalb, die Angaben der Kinder möglichst wortgetreu zu dokumentieren und zu differenzieren, was Aussage des Kindes, was Beobachtung und was Schlussfolgerung oder Interpretation ist. Es sollte ebenfalls möglichst genau dokumentiert werden, welche Fragen die Person, die mit dem Kind gesprochen hat, gestellt hat, wer bei dem Gespräch noch dabei war, wie das Setting und die Stimmung des Kindes gewesen ist.

Je mehr »Aufdeckungsarbeit« geleistet wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beeinflussung des Kindes nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Andererseits haben sowohl die Eltern der betroffenen Kinder als auch die Kita-Fachkräfte im Falle einer Vermutung sexueller Übergriffe oder anderer Grenzverletzungen ein hohes Bedürfnis, aufzudecken, was geschehen ist und Fantasien darüber, was geschehen sein könnte. Sie sind in der Regel selbst bereits durch die Vermutung von Übergriffen hochgradig belastet und verunsichert und stehen unter einem starken Handlungsdruck.

Tipp

Um in einer derartig belasteten Situation handlungsfähig zu sein, ist es notwendig, dass sich jede Einrichtung ein Interventionskonzept (Notfallplan) als Teil eines umfassenden Schutzkonzeptes erarbeitet. Dieser Notfallplan darf nicht nur – womöglich vom Träger vorgegeben – in einer Schublade liegen, sondern er muss – wie das ganze Schutzkonzept – im gesamten Team bekannt und verinnerlicht sein, damit bereits bei den ersten Beobachtungen oder Angaben eines Kindes angemessen und fachgerecht reagiert werden kann.

Ergänzende Arbeitshilfen

Merkblatt zur Mitteilung an das Jugendamt bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung

Worauf Sie achten müssen, wenn Sie aufgrund eines Verdachts auf Kindeswohlgefährdung eine Mitteilung an das Jugendamt machen müssen, ist in dieser Arbeitshilfe zusammengefasst. So vergessen Sie keinen wichtigen Sachverhalt. Dokument herunterladen

Leitfaden: Ablauf der Kollegialen Beratung in Kinderschutzfällen

Dieser Leitfaden hilft Ihnen, eine kollegiale Beratung bei Kinderschutzfällen zu organisieren und durchzuführen. Dokument herunterladen

Leitfaden: Gespräche im Kontext von Kindeswohlgefährdung

Es ist wichtig, dass die Fachkräfte sich gemeinsam auf ein klärendes Elterngespräch vorbereiten. Dieser Leitfaden unterstützt Sie dabei. Dokument herunterladen

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