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Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Kitas – ein breiter Strauß an Möglichkeiten

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Im Auftrag des Kooperationsverbundes Gesundheitsziele.de wurde 2015 eine Erfolgsabschätzung der Umsetzung des nationalen Gesundheitsziels »Gesund aufwachsen« vorgenommen (Geene et al., 2015), in den vorliegenden Daten zur Gesundheit in Kitas im Überblick zusammengetragen und analysiert. Im Ergebnis zeigt sich, dass GF im Setting Kita im vergangenen Jahrzehnt überwiegend deutlich vorangekommen ist, was insbesondere durch vermehrte Aktivitäten der Krankenkassen erklärt werden kann, aber auch über die Vielzahl von Programmen der Träger sowie normative Regelungen der Landesbildungspläne.

Allerdings erscheint die Versorgungslage trotz der deutlichen Zunahme an Aktivitäten und praxisfähigen Handlungsansätzen in Quantität und Qualität intransparent, unsystematisch und heterogen. Insgesamt sind hohe Varianzen in Verbreitung, Nutzung und Umsetzungsgüte gesundheitsbezogener Struktur- und Prozessmerkmale in Kitas zu konstatieren. Ungesichert sind Distribution und Nutzung der verfügbaren Handreichungen und Angebote. Geschuldet sind diese Varianzen einerseits den unterschiedlichen Landesgesetzen, andererseits der Schlüsselrolle der Träger, die sich u.a. ausdrückt durch die Gewährung von Freistellungen und Personalersatz für Qualifizierungsmaßnahmen, Übernahme von BGF-Maßnahmen, Schaffung von Spielräumen für altersgerechte Arbeitsgestaltung sowie Steuerung der Rahmenbedingungen wie Vereinbarungen mit externen Essensanbietern. Idealerweise, so die Schlussfolgerung der Evaluation, bedarf es hier eines laufenden Monitorings und einer nationalen Koordinierung für GF in Kitas.

Bundesgesundheitsbericht zu Gesundheit in Kitas

Zu analogen Ergebnissen kommt auch der Bundesgesundheitsbericht in seinem Überblick zu GF in Kitas. Durch Einführung der Bildungsrahmenpläne seit 2004 sind inzwischen im überwiegenden Teil aller Kitas Maßnahmen umgesetzt, insbesondere »wenn die Einrichtungen in eine überregionale Trägerschaft eingebunden sind« (RKI, 2015). Als zentrale Akteure haben sich dabei die Krankenkassen profiliert.

Unter Bezug auf die BeGKi-Studie (Kliche et al., 2009) wird darauf verwiesen, »dass weniger als die Hälfte der Projekte auf strukturierten Programmen mit expliziter Zielsetzung, Methodik und Dauer sowie Qualitätssicherung beruhen«. So sind Steuerungskreise nur in 13 % der Settings integriert. Insgesamt wird kritisiert, dass »der Setting-Ansatz häufig nicht konzeptionell umgesetzt« wird (RKI, 2015).

Herausgestellt werden auch flankierende Maßnahmen anderer Politikbereiche – hier insbesondere das Bundesprogramm Frühe Hilfen sowie Modellprogramme auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, die jedoch insgesamt eher vereinzelt realisiert werden.

Schlussfolgernd empfiehlt der Bericht, den Setting-Ansatz in Kitas und Schulen als »partizipative Organisationsentwicklung« im Sinne von »Mehr-Themen-Interventionen« möglichst flächendeckend umzusetzen. Eine gemeinsame Handlungsstrategie solle dabei auch Qualitätssicherungs- und Evaluationsmaßnahmen für Kitas und Schulen sowie Integration von GF in Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte anstoßen und insgesamt stärker auf Verringerung sozial ungleicher Gesundheitschancen orientieren.

Perspektiven der Gesundheitsförderung in Kitas

Die hier skizzierte Dynamik wird sich im Zuge der Erhöhung der Finanzmittel und der Verpflichtung zur kassenübergreifenden Leistungserbringung und Koordination noch weiter verstärken. Zwar wurde schon eine Vielzahl an Aktivitäten entwickelt, es mangelt jedoch an flächendeckender Umsetzung und nachhaltiger Verankerung. So fehlen vielen Projekten finanziell, organisatorisch oder rechtlich stabile Grundlagen. Hier wird häufig von »Projektitis« gesprochen; als Schlagwort bezeichnet es die Problematik, dass Projekte oft nur kurzfristig finanziert werden und vor ihrer Etablierung schon wieder enden. Mangels Ausdauer und Qualitätsstandards sind Projekte so oft eher an kurzfristigen Erfolgen statt an nachhaltigem Strukturaufbau orientiert (Geene et al., 2013).

Schließlich fehlt es mitunter an kritischer Reflektion des normativen Anspruchs, der sich in sein Gegenteil verkehren kann (im Sinne des »blaming the victims«), wie sich deutlich bei Familien zeigt, deren Autonomie keinesfalls eingeschränkt werden darf (Geene/Rosenbrock, 2012). Hier ist der Blick auf die Beteiligten (Kinder, Eltern, pädagogische Fach- und Führungskräfte, Träger) konzeptionell, methodisch und strukturell zu schärfen. Sowohl Methoden der Kooperation mit den Eltern wie auch Strategien des Personalmanagements sollten verstärkt mit GF verknüpft werden.

Flächendeckende Strukturen und Netzwerke

Heute schon wird die Praxis der GF durch engagierte Netzwerkakteure gestützt. Auf lokaler Ebene kommt diese Rolle meist dem öffentlichen Gesundheitsdienst zu, der dies trotz des engen Personal- und Finanzbudgets vielerorts mit hohem Engagement ausfüllt, wie die Aktivitäten im Rahmen des Gesunde-Städte-Netzwerks und des Kommunalen Partnerprozesses aufzeigen. Hier werden (insb. kommunale) integrierte Konzepte entwickelt, die gesundheitsförderliche Settings kohärent verbinden und stabilisieren (Kilian/Lehmann, 2014).

In fast allen Bundesländern bestehen Landesvereinigungen für Gesundheitsförderung, die sich für Vernetzung engagieren. Auf Bundesebene sind sie im »Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit« sowie in der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) zusammengeschlossen und tauschen sich laufend aus auf Koordinierungstreffen sowie innerhalb zahlreicher Fachtagungen, Netzwerktreffen und Regionalkonferenzen und dem jährlichen Bundeskongress »Armut und Gesundheit«. Diese Strukturen bieten gute Anschlussmöglichkeiten für eine koordinierte GF auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, die von den Krankenkassen in ihrem Gestaltungsauftrag im Setting Kita genutzt werden sollten (Geene et al., 2013).

Im PrävG (insbesondere in den Änderungen des SGB V) sowie in den BRE sind die zentralen Zugänge und Strukturanforderungen für eine tragfähige GF in Kitas prinzipiell richtig benannt. Die feldspezifischen Inhalte des Settings Kita (Bildungsprogramme, Arbeitsplatzgestaltung, Zusammenarbeit mit Eltern, Qualitätsentwicklung) und ihre Anforderungen an Nachhaltigkeit sind aber noch kaum aufgegriffen.

Es fehlt an Klärung der Zuständigkeit und einem gemeinsamen »Start« hin zu einer Offensive für Qualität, Nachhaltigkeit und Flächendeckung/»Roll-Out«. Dazu bedarf es eines expliziten Auftrags an Koordinierungsstellen, insb. bei der BZgA, aber auch in den Ländern und v.a. den Kommunen hinsichtlich ihrer Funktion als »Dach-Setting«. Die Koordination muss auf den jeweiligen Ebenen mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet werden. Zudem sollte sie die Kooperation mit den Trägern suchen und sich den Anforderungen an Qualitätsentwicklungen und Bedarfsermittlungen/Monitoring widmen, um den bestehenden »Flickenteppich« aus Einzelprojekten zu überwinden (Geene et al., 2015).

Ungeachtet aller organisatorischen und strukturellen Probleme, die in der Umsetzung des Gesetzes in den nächsten Jahren entstehen werden, zeigt der Überblick deutlich: Das Präventionsgesetz hat die Rahmenbedingungen für die GF in Kitas wesentlich verbessert.

Literatur

Geene, R. / Kliche, T. / Borkowski, S. (2015): Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung im Setting Kita. Erfolgsabschätzung der Gesundheitsziele im Setting Kita und Ableitung eines Evaluationskonzepts. Expertise im Auftrag des Kooperationsverbundes gesundheitsziele.de. GVG, Köln.

Geene, R. / Lehmann, F. / Höppner, C. / Rosenbrock, R. (2013): Gesundheitsförderung – Eine Strategie für Ressourcen. In: Geene, R. / Höppner, C. / Lehmann, F. (Hrsg.): Kinder stark machen: Ressourcen, Resistenz, Respekt. Bad Gandersheim: Verlag gesunde Entwicklung. S. 19–68.

Kilian, H. / Lehmann, F. (2014): Präventionsketten. Journal Gesundheitsförderung 2. S. 42–45.

Kliche, T. / Töppich, J. / Koch, U. (2009): Leistungen und Bedarf von Kitas für Prävention und Gesundheitsförderung. In: Bitzer, E. / Walter, U. / Lingner, H. et al. (Hrsg.): Kindergesundheit stärken. Vorschläge zur Optimierung von Prävention und Versorgung. Heidelberg: Springer. S. 252–259.

Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit (2013): Factsheet »Integrierte Kommunale Strategien als Beitrag zur Verbesserung gesundheitlicher Chancengleichheit bei Kindern und Jugendlichen«. Verfügbar unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/integrierte-kommunale-strategien [18.9.16].

RKI Robert-Koch-Institut (2015): Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin: RKI.

Ergänzende Arbeitshilfen

Übersicht: Der Setting-Ansatz

In einem vereinfachten Schema umfassen Setting-Interventionen drei zentrale Aspekte. Wenn Sie diesen Ansatz anwenden, können Sie das Gesundheitsmanagement in Ihrer Einrichtung besser steuern. Die Übersicht zeigt, was der Ansatz umfasst. Dokument herunterladen

Prüffragen: Gesundheitssituation in der Kita

Mithilfe der in der Arbeitshilfe zusammengestellten Prüffragen nehmen Sie eine Bestandsanalyse der aktuellen Gesundheitssituation in Ihrer Kita vor. Dokument herunterladen

Muster: Gesundheitsfragebogen bei Aufnahme eines Kindes

Holen Sie bei der Aufnahme eines Kindes Informationen bei den Eltern über ggf. vorliegende chronische Erkrankungen ein, um im Bedarfsfall angemessen reagieren zu können. Verwenden Sie dazu diesen Gesundheitsfragebogen. Dokument herunterladen

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