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Die formlose (erzieherische) Beratung – Wie erfolgt die Beratung in familiären Krisensituationen?

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Beispiel

Seit die 16-jährige Christa mit ihrem volljährigen Freund zusammen ist, hat ihre Mutter, Frau Zucker, kaum noch einen Einfluss auf sie. Christa macht gerade was sie will. Sie hilft nicht mehr im Haushalt, aber gravierender ist, dass sie zum Teil schon die Schule schwänzt. Wird sie kritisiert, zeigt sie sich verstockt, brüllt herum und wirft mit Gegenständen um sich. Ihre jüngeren Geschwister sind zum Teil sehr erschrocken über das Verhalten ihrer Schwester, auch der 5-jährige Tim fängt nun an, nicht mehr zu gehorchen. Im Kindergarten hat er bereits mit Holzklötzchen um sich geworfen, wenn ihm etwas nicht passte.

Die Beratungen werden in der Regel durch den Bezirkssozialdienst beim Jugendamt, u.a. auch Sozialer Dienst (SoDi), Kommunaler Sozialer Dienst (KSD) oder Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) genannt, geleistet. Die Beratung kann von allen Bürgerinnen und Bürgern auf freiwilliger Basis in Anspruch genommen werden, so haben auch Kinder und Jugendliche ein eigenes grundsätzliches Beratungsrecht nach § 8 Abs. 3 SGB VIII, da sie entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidung zu beteiligen sind.

In Notlagen und Krisensituationen dürfen sich Kinder und Jugendliche auch ohne das Wissen ihrer Personensorgeberechtigten an das Jugendamt wenden, wenn sich bei der Einbeziehung der Eltern eine Gefährdung für das Kind ergeben würde.1

Die rechtliche Grundlage für die sogenannte formlose Beratung ergibt sich aus § 16 Abs. 2 Nr. 2 SGB VIII. »Formlos« deshalb, da sich aus dieser Beratung keine weitere Leistung, wie zum Beispiel eine Hilfe zur Erziehung, ergeben muss. Der ASD soll in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen beraten.

Mit der Regelung soll deutlich gemacht werden, dass das Arbeitsfeld von »Erziehungsberatung« sich auch auf den präventiven Bereich erstreckt und nicht nur im Rahmen von Hilfe zur Erziehung (§ 28 SGB VIII) von Bedeutung ist. Vorbeugende Arbeit gehört seit jeher zum Selbstverständnis von Beratungsstellen und -diensten. Die Früherkennung schädigender Faktoren beim einzelnen und im sozialen Umfeld sind wichtige Aufgaben des ASD im Sinne präventiver Kinder und Jugendhilfe.

Aus § 16 Abs. 1 SGB VIII ergibt sich darüber hinaus, dass Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte dazu befähigt werden sollen, ihre Erziehungsverantwortung besser wahrzunehmen. Explizit geht es auch darum, Wege aufgezeigt zu bekommen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können.

Ist eine längerfristige Beratung erforderlich, findet teilweise eine Weitervermittlung an eine Erziehungs- bzw. Familien- und Jugendberatungsstelle statt. Auch wenn es nicht zwangsläufig zu einer weiteren Leistungsgewährung kommen muss, entsteht diese häufig aus dieser Form der Beratung und dem Erarbeiten von geeigneten weiterreichenden Hilfen.

Die Trennungs- und Scheidungsberatung

Beispiel

Leo wird gerade nur noch durch seine Oma in den Kindergarten gebracht. Er hat vieles von seiner Fröhlichkeit verloren, lächelt nur noch wenig und hat Rückschritte in seiner Entwicklung gemacht. Zum schwer zu terminierenden Entwicklungsgespräch kam nur die Mutter. Diese sieht sehr müde aus und wirkt verbittert. Auf Nachfrage, wie es ihr zu Hause mit Leo gehe, bricht sie in Tränen aus und berichtet von der Trennung und den heftigen Auseinandersetzungen mit ihrem Mann. Sie würden es auch nicht schaffen, im Beisein von Leo nicht zu streiten, wenn ihr Mann ihn zum Umgang abholt. Sie habe große Sorgen und wolle ihm Leo schon nicht mehr mitgeben, damit dieser die Streitgespräche nicht mehr mitbekomme.

Viele Kinder reagieren auf die Trennung ihrer Eltern mit verändertem Verhalten, teilweise in verbaler oder tätlicher aggressiver Form oder aber mit Rückzug und Interesselosigkeit. Gerade jüngere Kinder haben Schuldgefühle, da sich ihre Eltern um sie streiten und sich deshalb nicht mehr liebhaben. Häufig entstehen auch Loyalitätskonflikte, da Eltern einerseits offensiv erwarten, dass sich die Kinder für sie entscheiden. Andererseits glauben Kinder, sich für eine Seite entscheiden zu müssen, obgleich Eltern dies nicht fordern, da sie Angst haben, diesen Elternteil zu verlieren oder von ihm nicht mehr geliebt zu werden.

Auch wenn die Eltern gemeinsam sorgeberechtigt sind, so müssen sie nach dem Gesetz nach der Trennung nur noch über einen bestimmten engeren Kreis von Angelegenheiten, die das Kind betreffen, gemeinsam entscheiden.

§

§ 1687 BGB sieht vor:

»(1) Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so ist bei Entscheidungen in Angelegenheiten, deren Regelung für das Kind von erheblicher Bedeutung ist, ihr gegenseitiges Einvernehmen erforderlich.

Der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, hat die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens.

Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.

Solange sich das Kind mit Einwilligung dieses Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung bei dem anderen Elternteil aufhält, hat dieser die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten der tatsächlichen Betreuung.

(2) Das Familiengericht kann die Befugnisse nach Absatz 1 Satz 2 und 4 einschränken oder ausschließen, wenn dies zum Wohl des Kindes erforderlich ist.«

Gemeinsam sorgeberechtigte Eltern behalten diese auch nach der Trennung. Selbst wenn ein Elternteil einen Antrag beim Familiengericht auf vollständige Übertragung der alleinigen elterlichen Sorge stellt, werden in der Praxis oftmals im erforderlichen Fall nur Teile der elterlichen Sorge auf einen Elternteil übertragen, wie zum Beispiel das Aufenthaltsbestimmungsrecht oder die Gesundheitsfürsorge. Dies bedeutet andererseits, dass sich Eltern grundsätzlich auch nach der Trennung in wichtigen Belangen der Kinder austauschen und gemeinsam entscheiden müssen.

Nach § 17 SGB VIII haben Mütter und Väter das Recht, sich bei Fragen der Partnerschaft, also auch bei Trennung und Scheidung an das Jugendamt zu wenden, wenn sie für ein Kind oder Jugendlichen zu sorgen haben. Diese Beratung hat einerseits zum Ziel, ein partnerschaftliches Zusammenleben in der Familie aufzubauen oder wiederherzustellen, sowie Konflikte und Krisen in der Familie bewältigen zu können. Andererseits im Fall einer Trennung oder Scheidung die Eltern darin zu beraten, eine förderliche Wahrnehmung der Elternverantwortung zu erarbeiten. Dies bedeutet die Eltern darin zu unterstützen, ein einvernehmliches Konzept zur Wahrnehmung der elterlichen Sorge nach der Trennung zu erarbeiten. Hierbei sind die Kinder und Jugendlichen entsprechend ihrer Entwicklung daran zu beteiligen. Es sollen Bedingungen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen förderlich gestaltet werden und Loyalitätskonflikte für diese vermieden werden.

Literatur

Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (Hrsg.) (2010): Der Allgemeine Soziale Dienst – Aufgaben, Zielgruppen, Standards. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

Der Gesetzentwurf zum Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (BKJG) zur Novellierung des SGB VIII sieht eine weitreichendere Beratungsberechtigung von Kindern und Jugendlichen ohne ausdrückliche Not- oder Konfliktlage vor.


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