Abschnitt: Netzwerke und Übergänge → Übergang in die Grundschule
 

So erfüllen Sie Ihren gesetzlichen Auftrag in Sachen Förderung und Bildung am Übergang in die Grundschule

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Nach den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Schuleintritts erfolgt nun der Blick auf die Aufträge für Kindertageseinrichtungen, die sich aus den folgenden Rahmenbedingungen ergeben:

  • Ebene des Bundes: Sozialgesetzbuch – Achtes Buch (SGB VIII) – Kinder- und Jugendhilfe

  • Ebene der Bundesländer: landesspezifische Ausführungsgesetze zum SGB VIII,1 Bildungs- und Erziehungs-, Rahmen- bzw. Orientierungspläne

  • Regionale und trägerspezifische Vorgaben

Die Ebene des Bundes: SGB VIII

Die zentralen rechtlichen Grundlagen ergeben sich aus dem SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe). Es sind dort die §§ 1 und 22 SGB VIII:

Nach § 1 Abs. 1 SGB VIII hat jeder junge Mensch ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

In § 22 SGB VIII werden die Grundsätze der Förderung des Kindes in Tageseinrichtungen erläutert. Demnach sollen Tageseinrichtungen für Kinder die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit fördern und die Erziehung und Bildung in der Familie unterstützen und ergänzen. Der Förderungsauftrag umfasst die Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes (§ 22 Abs. 3 S. 1 SGB VIII). Die Förderung bezieht sich hierbei auf das einzelne Kind und hat sich an dessen jeweiligem Alter und Entwicklungsstand, den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, der Lebenssituation, den Interessen und Bedürfnissen sowie der ethnischen Herkunft zu orientieren (§ 22 Abs. 2 S. 3 SGB VIII). Die Verwirklichung dieser Ziele erfordert eine ganzheitliche Förderung des Kindes. Die Interpretation der zentralen Begriffe Erziehung, Bildung und Betreuung muss pädagogische, psychologische Forschungsbefunde berücksichtigen.2 Das SGB VIII ist allgemein gehalten und enthält den Verweis auf die bundeslandspezifische Gesetzgebung. Wie die Aufträge der Förderung und Bildung in der Praxis umgesetzt werden, muss vom Träger und der jeweiligen Kindertageseinrichtungen selbst mit Inhalten gefüllt werden.

Tipp

Üblicherweise verfasst ein Träger daher eigene Beschlüsse/Empfehlungen zum Förderauftrag. Beispielsweise können Verfahren zur Beobachtung und Dokumentation oder die Entwicklung und Umsetzung eines Kooperationskalenders vorgegeben oder empfohlen werden. Wahrscheinlich gibt es ein Qualitätshandbuch oder ein Handbuch für Leitungskräfte des Trägers mit einem entsprechenden Kapitel. Fragen Sie danach!

Alle 16 Bildungspläne der Bundesländer für den Kita-Bereich weisen bestimmte Themenschwerpunkte auf, in denen Kinder im Kindergarten gefördert werden sollen. Diese gehen im Wesentlichen zurück auf die sechs Bildungsbereiche im Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen (Jugendministerkonferenz/Kultusministerkonferenz 2004, S. 4 f.):

  1. 1.

    Sprache, Schrift, Kommunikation

  2. 2.

    Personale und soziale Entwicklung, Werteerziehung / religiöse Bildung

  3. 3.

    Mathematik Naturwissenschaft, (Informations-)Technik

  4. 4.

    Musische Bildung / Umgang mit Medien

  5. 5.

    Körper, Bewegung, Gesundheit

  6. 6.

    Natur und kulturelle Umwelten

Die genannten Bildungsbereiche gelten als Aufforderung an alle Kindertageseinrichtungen und das pädagogische Personal, die Bildungsmöglichkeiten des Kindes in diesen Bereichen zu beachten und zu fördern.

Förderung der Bildung am Beispiel der »Qualifizierten Schulvorbereitung« in Hessen

Unter Federführung des Hessischen Sozialministeriums wurde in enger Kooperation mit dem Hessischen Kultusministerium ein Modellprojekt zur Qualifizierten Schulvorbereitung (QSV) entwickelt. Es basiert auf den Grundsätzen und Prinzipien des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder von 0 bis 10 Jahren (HE BP 2016) und berücksichtigt den gegenwärtigen pädagogisch-psychologischen Forschungsstand. In zwei umfangreichen kostenlosen und im Internet frei verfügbaren Publikationen können Details, insbesondere zur praktischen Umsetzung, nachgelesen werden (Hessisches Sozialministerium 2012; Hessisches Sozialministerium 2014). Auszugsweise werden nun Grundlagen und Methoden der Qualifizierten Schulvorbereitung vorgestellt.

Grundlagen

Die QSV wurde zwischen 2011 und 2014 an ca. 30 Modellstandorten in Hessen in Tandems durchgeführt. Dabei schlossen sich immer mindestens eine Schule und mindestens eine der abgebenden Kindertageseinrichtung zusammen. In gemeinsamen Fortbildungen arbeiteten die Teilnehmenden darauf hin, ihre pädagogische Arbeit am Bildungs- und Erziehungsplan Hessen auszurichten. Ziel der QSV ist es, während der letzten beiden Kindergartenjahre die kindlichen Kompetenzen, die für den späteren Erfolg und eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes besonders wichtig sind, gezielt in den Blick zu nehmen und zu stärken. Diese sind insbesondere:

  • Sprach- und Literacykompetenzen

  • Bewegung und motorische Kompetenzen

  • Soziale, emotionale Kompetenzen und Alltagskompetenzen

  • Lernmethodische Kompetenz (das Lernen lernen)

  • Übergangskompetenzen

Im hessischen Bildungsplan werden fünf Dimensionen kindlicher Entwicklung und Bildung definiert, die zugleich die Begründung für pädagogisches Handeln und für die thematische Festlegung von Bildungsbereichen im Kindergarten und in der Grundschule liefern: starke Kinder, kommunikations- und medienkompetente Kinder, kreative, fantasievolle und künstlerische Kinder, lernende, forschende und entdeckungsfreudige Kinder sowie verantwortungsvoll und wertorientiert handelnde Kinder. Bildungsprozesse erfolgen ko-konstruktiv, eingebettet in den Einrichtungsalltag und mit ganzheitlichen und kindgerechten Methoden. Spezielle »Trainingsprogramme«, die einzelne »Skills« oder isolierte Fähigkeiten der Kinder trainieren (wie bspw. Trainings zur Steigerung der Konzentrationsleistung oder phonologischen Bewusstheit der Kinder), sind dabei nicht vorgesehen.3 Die QSV legt ihr Augenmerk auf die letzten beiden Kindergartenjahre der Kinder, also auf die Altersspanne von vier bis sechs Jahren. Mit dem Beobachtungsbogen KOMPIK (Bertelsmann Stiftung 2014) werden die kindlichen Kompetenzen und Interessen in einem breiten Spektrum erfasst, um daran ressourcenorientierte pädagogische Angebote zu entwickeln.

Methoden

Die empfohlenen Methoden zur Umsetzung sollen nicht nur in der individuellen pädagogischen Arbeit mit dem Kind in der Kita eingesetzt werden, sondern auch die Eltern einbeziehen. Zudem soll gemeinsam mit der Schule darüber reflektiert werden, wie die Förderung der Bildungsprozesse in der Schule weitergeführt werden kann (Hessisches Sozialministerium 2012):

  • Eine lernende Gemeinschaft bilden

  • Dialog und kommunikativer Austausch

  • Dokumentation – Lernprozesse sichtbar machen und Gesprächsanlässe schaffen

  • Spiel als elementare Form des Lernens

  • Lernen in Alltagssituationen

  • Lernen in Projekten

Im Rahmen der Implementierung des Hessischen Bildungsplanes können Tandems aus Kindertagespflege, Kindergärten, Grundschulen, Schulkindbetreuung/Hort über ein bis zwei Jahre hinweg mehrtägige prozessbegleitende Fortbildungen zu den 14 Modulen (aktuell vom hessischen Sozialministerium finanziert) in Anspruch nehmen (www.bep.hessen.de). Im Modul »Gemeinsame Übergänge im Bildungsverlauf gestalten – Qualifizierte Schulvorbereitung« kann der Übergang von der eigenen Kindertageseinrichtung in die Grundschule weiterentwickelt werden.

Literatur

Bertelsmann Stiftung (2014): KOMPIK – begleitendes Handbuch für pädagogische Fachkräfte. URL: www.KOMPIK.de

Hessisches Sozialministerium (2012): Qualifizierte Schulvorbereitung (QSV). Bildungsprozesse gemeinsam gestalten. Das Rahmenkonzept zum Modellprojekt. Wiesbaden. URL: bep.hessen.de

Hessisches Sozialministerium (2014): Qualifizierte Schulvorbereitung (QSV). Erfolgreiche Bildungspraxis in Kindertageseinrichtungen. Eine Handreichung zum Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren. URL: bep.hessen.de

Jugendministerkonferenz/Kultusministerkonferenz (2004): Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.5.2004, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 3./4.6.2004.

Jedes Bundesland muss das SGB VIII in Ausführungsgesetzen näher ausgestalten und konkretisieren. Diese landesrechtlichen Kita-Gesetze dürfen dabei dem Bundesgesetz SGB VIII nicht widersprechen. Aufgrund begrenzter Seiten dieses Buches kann hierauf leider nicht weiter eingegangen werden. Eine Übersicht der Ausführungsgesetze in den einzelnen Bundesländern finden Sie auf den Internetseiten des Deutschen Bildungsservers unter dem Stichwort »Übergang Kindergarten – Grundschule«.


Meysen/Beckmann 2013, S. 38.


Hessisches Sozialministerium 2012, S. 6.


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