Abschnitt: Netzwerke und Übergänge → Übergang in die Grundschule
 

Empfehlung der Kultusminister: weniger Zurückstellungen!

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Eine weitere Einschulungsvariante ist die Zurückstellung vom Schulbesuch. Die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zum Schulanfang (1997) zielen auf eine Verringerung der hohen Zurückstellungsquoten und deren negative Auswirkungen (z.B. Selektion) sowie auf ein Sinken des Schulaustrittsalters. In den Schulgesetzen der Bundesländer steht allgemein, dass ein Kind bei nicht hinreichender körperlicher, geistiger oder sozialer Entwicklung vom Schulbesuch zurückgestellt werden kann. In manchen Bundesländern ist eine Zurückstellung rechtlich nicht möglich, andere gestatten sie nur in Ausnahmefällen, etwa aus gesundheitlichen Gründen. Dann kann sie von den Eltern beantragt werden. Die Entscheidung darüber trifft dann die Schulleitung.

Der Verbleib zurückgestellter Kinder ist je nach Bundesland unterschiedlich. Entweder gehen sie in den bisherigen Kindergarten oder besuchen eine Vorklasse (Hessen), die an der Grundschule angesiedelt ist. Gegebenenfalls kommen sonderschulische Einrichtungen, wie der Schulkindergarten in Baden-Württemberg oder in Bayern die Diagnose- und Förderklasse in Frage. Die Entscheidung darüber trifft die Schulleitung, abhängig von der notwendigen Förderung des Kindes, möglichst in Absprache mit den Erziehungsberechtigten sowie weiteren Fachkräften (pädagogische Fachkräfte des Kindergartens, schulpsychologische Stellen).

In einigen Bundesländern (Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen) gibt es eine flexible Schuleingangsphase, wenn auch je unterschiedlich benannt. Sie basiert auf gesetzlich vorgegebenen Ausgestaltungsmöglichkeiten, nach denen Grundschulen den ersten und zweiten Schuljahrgang jahrgangsübergreifend als pädagogische Einheit führen können und/oder, dass die Schulkinder die Schuleingangsphase flexibel in einem, zwei oder drei Schuljahren durchlaufen können.1 In Schulen mit dieser Schulanfangsform werden Kinder nicht zurückgestellt, sondern alle Kinder werden regulär (oder auf Antrag noch jünger) eingeschult.

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Forschungsergebnisse zur Zurückstellung vom Schulbesuch:

  • Die Entwicklung von Kindern mit gleichen Defiziten verläuft positiver, wenn sie fristgerecht eingeschult werden, als wenn sie in den Kindergarten zurückgestellt werden.2

  • Kinder ziehen aus dem zusätzlichen Jahr keinen substanziellen Nutzen im Vergleich zu den nicht zurückgestellten Risikokindern.3

  • Ein höheres Lebensalter beim Schuleintritt führt nicht zu besseren Schulleistungen bei Erreichen der Sekundarstufe.4

  • Die psychischen Belastungen durch die Zurückstellung sind nachteilig: Motivationsverlust, Verschlechterung der Grundstimmung und erhöhte Ängstlichkeit.5

  • Eine bereits an der ersten verpflichteten Bildungsstufe stattfindende Auswahl und die Verwendung der Schulfähigkeitsbeurteilung als Selektionsinstrument werden seit langem kritisiert.6

  • Die Zurückstellung kann durchaus bedeuten, dass die Grundschule sich nicht in der Lage sieht, sich an das individuelle Kind anzupassen. Dies berührt das Recht des Kindes auf inklusive Bildung.

Tipp

Beschaffen Sie sich Hintergrundwissen bei der zuständigen Kooperationsbeauftragten Ihrer Bezugsgrundschule: über die gültigen gesetzlichen Einschulungsregelungen, die Fach-Lehrpläne,7 den Rahmenplan, das Schulkonzept, das Curriculum (s. auch Abschnitt »Kooperationen zwischen Kindertageseinrichtungen, Schulen und Familien«).

Literatur

Burgener-Woeffray, A. (1996): Grundlagen der Schuleintrittsdiagnostik: Kritik traditioneller Verfahren und Entwurf eines umfassenden Konzepts. Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik: Bd. 19. Bern: Haupt.

Einsiedler, W. / Martschinke, S. / Kammermeyer, G. (2008): Die Grundschule zwischen Heterogenität und gemeinsamer Bildung. In: Cortina, K. et al. (Hrsg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Ein Bericht des Max-Planck-Instituts. Neuauflage. S. 325–374.

Lehmann, R.H. / Peek, R. / Gänsfuß, R. (1997): Aspekte der Lernausgangslage von Schülerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen. Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, Amt für Schule.

Schümer, G. / Tillmann, K.-J. / Weiß, M. (2002): Institutionelle und soziale Bedingungen schulischen Lernens. In: Baumert, J. / Neubrand M. (Hrsg.): PISA 2000 – die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.

Wildgruber, A. / Griebel, W. (2016): Erfolgreicher Übergang vom Elementar- in den Primarbereich. Empirische und curriculare Analysen. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. WiFF Expertisen, Band 44. München.

Ergänzende Arbeitshilfen

Übersicht: Fristgemäße Einschulung

Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gibt es beim Schuleintritt zu beachten und wie sieht die gesetzliche Lage hierzu in den einzelnen Bundesländern aus? Hier eine Übersicht, die Ihnen Aufschluss gibt. Dokument herunterladen

Wildgruber/Griebell 2016, S. 47 f.


Lehmann/Peek/Gänsfuß 1997.


Einsiedler/Martschinke/Kammermeyer 2008, S. 340.


Schümer/Tillmann/Weiß 2002, S. 473 ff.


Einsiedler 1988.


Z.B. Burgener-Woeffray 1996.


Für alle curricularen Grundlagen der Grundschulen werden hier die Begriffe »Lehrplan« bzw. »Lehrpläne« verwendet. In den verschiedenen Bundesländern werden Begriffe gebraucht wie z.B. »Kerncurriculum«, »Rahmenlehrplan«.


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