Abschnitt: Internet und Social Media → Kindheit und digitaler Wandel
 

Wie Kinder mit Medien umgehen

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Die Zahlen der Mediennutzung von Kindern bis sechs Jahren entwickeln sich seit dem Aufkommen von Internet- und Kommunikationstechnologien dynamisch nach oben. Für den nordamerikanischen Raum stellt die Studie Common Sense Census (Rideout 2017) fest, dass sich die tägliche mobile Mediennutzung der 0- bis 8-Jährigen seit 2013 (15 Minuten) verdreifacht hat (2017: 48 Minuten). Dazu drei ausgewählte Befunde für den deutschsprachigen Raum: (1) Hinsichtlich der Ausstattung der Familienhaushalte mit technischen Geräten sticht die quasi Vollausstattung mit internetfähigen, mobilen Geräten (Smartphones) ins Auge. Hinzu kommt: Eltern von Kleinst- und Kleinkindern verfügen im Vergleich zu Familien mit älteren Kindern am häufigsten über ein Tablet. Bei mehr als der Hälfte der 3- bis 5-Jährigen steht ein entsprechendes Gerät im Haushalt zur Verfügung (Guth/Schäffner 2016, S. 3). Ein eigenes Endgerät besitzen Kinder bis zum Alter von sechs Jahren nur selten. Dies ändert sich mit dem Eintritt in die Schule. Nach der Kinder-Medien-Studie 2017 besitzt ein Viertel der 6-Jährigen ein eigenes Mobiltelefon (Kinder-Medien-Studie 2017, S. 16). (2) Ungebrochen spielt das Fernsehen (TV-Gerät) eine zentrale Rolle. Die 2- bis 3-Jährigen schauen ca. eine halbe Stunde täglich, die 4- bis 5-Jährigen ca. eine Stunde täglich fern (mpfs 2014, S. 10). Insgesamt erfolgt die Mediennutzung von Kindern jedoch zunehmend mobil. Touchscreen-Technologie funktioniert bei Kindern ab ca. 1,5 Jahren und der Markt an Kinder-Apps in den Stores wird auf ca. 200.000 geschätzt (Maroldt 2015). (3) Es bestehen mittlerweile zahlreiche Zugänge für Kinder zu medialen Inhalten. Neben dem Fernseher mit einer linearen Programmstruktur stehen Mediatheken der Sender, diverse Streaming-Dienste (bei denen sich Profile für Kinder einrichten lassen) und Videoplattformen zur Verfügung – als Webangebot oder gleich als App. Die Zugänge sind vielfach auf die Zielgruppe der Erwachsenen ausgerichtet mit auch für Kinder interessanten Angeboten oder sie sind direkt an die Zielgruppe der Kinder, auch der Vorschulkinder gerichtete Angebote. Auch Kleinkindern steht heutzutage eine enorme Bibliothek und Videothek mit einem Fingertipp zur Verfügung.

Vor dem Hintergrund des digitalen Wandels und neuerer Forschungsergebnisse zu Zusammenhängen von Medien und kindlicher Entwicklung hat die American Academy of Pediatrics (AAP) 2016 ihre Richtlinien und Empfehlungen hinsichtlich der kindlichen Mediennutzung angepasst. Die Hinweise der AAP werden im Feld der Kinder- und Jugendhilfe auch auf internationaler Ebene beachtet; nicht nur Kinderärzte, auch pädagogische Fachkräfte orientieren sich vielerorts an deren Empfehlungen. Während der Verband für die bis 2-Jährigen auch weiterhin zu einer eher medienabstinenten bis sehr engen elterlichen Begleitung bei der Mediennutzung rät, werden die Hinweise für die 2- bis 5-Jährigen weitreichend ausdifferenziert. So empfiehlt die AAP, die Nutzung digitaler Medien von Kindern im Alter von 2 bis 5 Jahren auf eine Stunde pro Tag zu begrenzen. Kindern fehle ansonsten die Zeit, andere Aktivitäten zu betreiben wie etwa zu spielen, zu schlafen oder zu sprechen. Neben zeitlichen Angaben nimmt die AAP aber auch weitere Variablen in den Blick, wie digitale Technologien die kindliche Entwicklung positiv begleiten können. Insbesondere betont die AAP die Bedeutung von qualitätsvollen, pädagogisch hochwertigen Angeboten für jüngere Kinder sowie von Eltern-Kind-Interaktionen und Gesprächen mit Kindern rund um deren Mediennutzung. Die Rolle der Eltern wird als zentral beschrieben: »Realistically, pediatric providers will need to know how to help parents find resources finding appropriate content, tools for monitoring or limiting child use, ideas for play or activities in which to engage rather than digital play, and how parents can limit their own media use« (AAP 2016, S. 3).

Eltern betrachten Medien nicht zwangsläufig als eine Gefährdung für ihre Kinder, wie eine Studie für den nordamerikanischen Raum belegt (Wartella et al. 2014). Für sie gehören Technologien zum Alltag und damit auch zum Familienleben unabdingbar dazu. Medien zählen zu den Herausforderungen, die Eltern in ihrer Elternschaft sehen, aber rangieren recht weit unten auf der Liste, die eher von Sorgen um die Gesundheit, Sicherheit, Ernährung und Bewegung ihrer Kinder angeführt wird. Die Mehrheit der Eltern gibt an, dass die Mediennutzung ihrer Kinder kein Konfliktherd in der Familie sei, und immerhin knapp zwei Drittel gaben an, dass sie nicht in Sorge seien, dass ihre Kinder süchtig nach Medien werden könnten (ebd., S. 4 ff.). In Deutschland scheinen die Bedenken gegen digitale Angebote offenbar stärker zu sein, worauf die DIVSI U9-Studie hinweist. Danach erkennen Eltern zwar die künftige Bedeutung digitaler Medien für ihre Kinder, zuvorderst steht aber die Sorge Risiken. Wenn Kinder dazu befragt wurden, antworteten sie, dass sie von Erwachsenen vornehmlich lernen, das Internet sei »gefährlich« (DIVSI 2015, S. 134). Darüber hinaus zeigt sich beim Medienumgang und der Internetnutzung der Kinder ein Unterschied entlang der formalen Bildungsgrade der Eltern. Für Kinder von Eltern mit geringer formaler Bildung steht bei der Internetnutzung Unterhaltung im Fokus wohingegen Kinder von Eltern mit formal höherer Bildung das Internet deutlich häufiger für Informations- und Lernzwecke nutzen. Dies spiegelt sich auch im Verhalten der Eltern wider: »Je geringer die formale Bildung der Eltern, desto weniger engagiert sind sie, ihre Kinder in die digitale Welt aktiv zu begleiten; sie sind vielmehr der Meinung, man bräuchte Kinder beim Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien nicht anzuleiten, da sie dies von allein lernen würden« (ebd., S. 17). So zeigen sie auch ein gewisses Desinteresse und eine Distanz zum Thema Kinder und digitale Medien. Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern nimmt der Informationsbedarf der Eltern zu allen abgefragten Themen- und Informationsbereichen ab, je älter die eigenen Kinder sind (ebd., S. 129 f.). »Der abnehmende Informationsbedarf der Eltern bei zunehmendem Alter ihrer Kinder kann sicher bis zu einem gewissen Grad als ein Vertrauen in die eigenen Erziehungsmaßnahmen, aber auch als ein ›Hinnehmen der Situation‹ und ein Vertrauen darauf, ›dass schon nichts passieren wird‹, interpretiert werden« (ebd., S. 132).

Literatur

AAP Council on Communications and Media (2016): Media and Young Minds. In: Pediatrics, 138 (5). URL: http://pediatrics.aappublications.org/content/pediatrics/early/2016/10/19/peds.2016-2591.full.pdf (Zugriff am 23.10.2017).

Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (2015): DIVSI U9-Studie: Kinder in der digitalen Welt. URL: https://www.divsi.de/publikationen/studien/divsi-u9-studie-kinder-der-digitalen-welt/5-kinder-und-das-internet/5-1-wann-und-wie-kinder-das-internet-wahrnehmen-und-nutzen/ (Zugriff am 23.10.2017).

Guth, B. / Schäffner, R. (2016): Von großen und kleinen Screens. Basisdaten kindlicher Mediennutzung. Hrsg. von iconkids & youth im Auftrag der Medienforschung SuperRTL. URL: https://www.ip.de/loadfile.cfml?file=M9P.HPH%5B%23I%3BKXUWQE%3D%22Y3O%3A5 %26J%2FR7GJB%3FE0*%3AC%3A%20TM8R%3AFI%25J%3C%223)_9.6 %27 %40N_%0A%2279D%20 %0A&type=application%2Fpdf&sendcontent=true.

Kinder-Medien-Studie (2017): Kinder-Medien-Studie 2017. Präsentation zur Pressekonferenz. URL: http://www.kinder-medien-studie.de/wp-content/uploads/2017/08/KMS_Pra %CC %88sentation_PK_Final_Handout.pdf.

Maroldt, K. (2015): Krabbeln und daddeln. Seite 2/3: »Diese Technik wird nicht mehr weggehen«. URL: http://www.zeit.de/2015/42/spiele-tablets-kleinkinder-verena-pausder/seite-2

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2014): miniKIM 2014. Kleinkinder und Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 2- bis 5-Jähriger. URL: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/miniKIM/2014/Studie/miniKIM_Studie_2014.pdf

Rideout, V. (2017): The Common Sense Census: Media use by kids age zero to eight. San Francisco, CA: Common Sense Media.

Wartella, E. et al. (2014): Parenting in the Age of Digital Technology. A National Survey. Report of the Center on Media and Human Development, School of Communication, Northwestern University. REVISED. URL: http://cmhd.northwestern.edu/wp-content/uploads/2015/06/ParentingAgeDigitalTechnology.REVISED.FINAL_.2014.pdf

Ergänzende Arbeitshilfen

Informationsblatt: Mediensozialisation

Dieses Informationsblatt hebt die Bedeutung und den Einfluss verschiedener Medien für das Kindesalter hervor und gibt eine Antwort auf die Frage: Wie implementiere ich die Nutzung digitaler Medien im Kita-Alltag? Dokument herunterladen

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