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Warum das Reflektieren über Machtverhältnisse für erfolgreiche Partizipation wichtig ist

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Ob Kinder in der Kindertageseinrichtung Beteiligung erfahren, liegt in der Verantwortung der pädagogischen Fachkräfte. Vor welchen Herausforderungen pädagogische Fachkräfte stehen, wenn sie Partizipation in der Kita ermöglichen wollen, hat das Forschungsprojekt »Schlüsselkompetenzen pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen für Bildung in der Demokratie« untersucht (Bartosch et al., 2015). In Befragungen von Kindern, Fachkräften und Eltern haben sie folgende Merkmale eines Demokratieerfahrungen unterstützenden Fachkrafthandelns herausgearbeitet:

  • »Anerkennung: Demokratiebildung wird unterstützt, wenn Fachkräfte Kindern Selbständigkeit und Rechte zugestehen, an ihrem Handeln Anteil nehmen und sie wertschätzen

  • Pädagogische Gestaltung: Demokratiebildung wird unterstützt, wenn Fachkräfte Handlungs- und Entscheidungsräume für Kinder didaktisch-methodisch eröffnen und begleiten

  • Transparenz: Demokratiebildung wird unterstützt, wenn Fachkräfte Strukturen und Prozesse für Kinder transparent gestalten und Kindern damit ermöglichen, sich selbständig in demokratische Prozesse einbringen zu können

  • Demokratie in der ganzen Einrichtung: Demokratiebildung wird unterstützt, wenn auch die gesamte Kita durch demokratisches Handeln gekennzeichnet ist

  • Präsentation nach außen: Demokratiebildung wird unterstützt, wenn die Fachkräfte demokratisches Handeln in der Kita auch in der Öffentlichkeit nach außen darstellen können und mit Müttern und Vätern kooperieren« (Bartosch et al., 2015).

Hier wird deutlich, dass die Anforderungen an das Fachkrafthandeln sehr komplex sind. Wie Kindertageseinrichtungen ihren Alltag nach und nach demokratischer gestalten können, wird u.a. durch die beiden Konzepte »Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita« (Hansen/Knauer, 2015) und »Die Kinderstube der Demokratie« (Hansen/Knauer/Sturzenhecker, 2011) beschrieben. Im Folgenden werden vier zentrale Aspekte dieser Konzepte skizziert: Partizipation bedarf einer Reflexion von Macht, einer Klärung der Rechte der Kinder in der Einrichtung, der Gestaltung verlässlicher Beteiligungsverfahren sowie der Unterstützung in Meinungsbildungsprozessen.

Reflexion von Macht in der Pädagogik

Jede Pädagogik ist immer auch ein Machtverhältnis. Die Erwachsenen üben täglich auf vielerlei Arten und Weisen Macht über Kinder aus. Zur Macht der pädagogischen Fachkräfte gehört:

  • Körperliche Macht: Erwachsene sind Kindern körperlich überlegen. Vor allem junge Kinder sind auf diese körperliche Überlegenheit auch angewiesen und darauf, dass die Erwachsenen diese behutsam und die Kinder unterstützend anwenden, z.B., wenn sie Kinder hochheben, sie in den Arm nehmen oder wickeln.

  • Gestaltungsmacht: Die Fachkräfte entscheiden über die Gestaltung der Räume, der Zeitstrukturen in der Kita, der Einkäufe u.v.m. Über ihre Gestaltungsmacht beeinflussen sie die Handlungsmöglichkeiten, die Kinder in der Kindertageseinrichtung haben.

  • Verfügungsmacht: Die pädagogischen Fachkräfte haben auch Macht über die zur Verfügung-Stellung verschiedener Materialien. Sie können Dinge für Kinder nutzbar machen oder sie wegschließen bzw. die Nutzung von bestimmten Voraussetzungen abhängig machen.

  • Definitionsmacht: Täglich werden Kinder durch Erwachsene beurteilt, sei es ein Bild oder ein Gegenstand, den sie hergestellt haben (‚das ist schön, das ist hässlich‘), ihr Verhalten, das gelobt oder kritisiert wird, bis hin zu diagnostischen Einschätzungen (z.B. ob ein Kind einen Förderbedarf hat oder nicht).

  • Mobilisierungsmacht: Kinder sind in hohem Maße abhängig von Erwachsenen. Damit gelingt es den Fachkräften in der Regel die Kinder davon zu überzeugen, dass ihre Perspektive die richtige ist (Hansen/Knauer/Sturzenhecker, 2011).

Macht ist ein konstitutives Moment jeder Pädagogik. Kinder sind auch in Kindertageseinrichtungen auf Erwachsene angewiesen, die ihre Macht verantwortlich wahrnehmen und nicht missbrauchen. Um einen Missbrauch von Macht zu vermeiden, bedarf es auf Seiten der Erwachsenen einer Klarheit darüber, dass sie Macht haben und wie sie diese im Sinne der Kinder gestalten wollen. Nur wer sein machtvolles Handeln reflektiert, ist in der Lage Machtübergriffe auf andere wahrzunehmen und zu verhindern.

Literatur

Bartosch, U./Knauer, R./Bartosch, C./Bleckmann, J./Grieper, E./Maluga, A./Nissen, I. (2015): Schlüsselkompetenzen pädagogischer Fachkräfte für Bildung in der Demokratie. Kiel: Fachhochschule Kiel.

Hansen, R./Knauer, R. (2015): Das Praxisbuch: Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Wie pädagogische Fachkräfte Partizipation und Engagement von Kindern fördern. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Hansen, R./Knauer, R./Sturzenhecker, B. (2011): Partizipation von Kindern in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Weinheim, Berlin: Verlag das Netz.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zur Partizipation

Nutzen Sie die Reflexionsfragen zur Partizipation, um Ihr Beteiligungskonzept zu evaluieren und Ihre Konzeption in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Dokument herunterladen

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