Abschnitt: Grundlagen des Bildungs- und Erziehungsauftrags → Bildungspläne
 

Bildungsprogramme in den Ländern – was sie auszeichnet

germany-2962958_1920.jpg

Im Gemeinsamen Rahmen der JMK/KMK (2004) sind verschiedene Anforderungen an die Bildungspläne formuliert. So soll der zugrundeliegende Bildungsbegriff dargelegt und der eigenständige Bildungsauftrag in Beziehung zu Erziehung und Betreuung beschrieben werden. Entwicklungspsychologische Erkenntnisse sollen Berücksichtigung finden sowie eine Grundlage für frühe, individuelle und ganzheitliche Förderung geschaffen werden. Durch Kindertageseinrichtungen zu erbringende Aufgaben und Leistungen sowie Förderbereiche sind zu benennen. Darüber hinaus soll die inhaltliche und methodische Anschlussfähigkeit an die Schule gesichert sowie die Vernetzung und Gemeinwesenorientierung berücksichtigt werden. Fachkräften, Eltern und Lehrkräften soll Orientierung geboten werden. Ihre Rolle sowie die der Peers soll reflektiert werden und in die pädagogisch-konzeptionelle Ausrichtung einfließen. Zudem sind verschiedene Querschnittsaufgaben wie die Förderung lernmethodischer Kompetenz, Beteiligung von Kindern, interkulturelle Bildung, geschlechterbewusste Arbeit, Förderung von Kindern mit Entwicklungsrisiken sowie die Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen festgehalten (JMK/KMK, 2004).

Als verbindlich werden im Gemeinsamen Rahmen sechs Bildungsbereiche angeführt:

  • Sprache, Schrift, Kommunikation

  • Personale und soziale Entwicklung, Werteerziehung/religiöse Bildung

  • Mathematik, Naturwissenschaft, (Informations-)Technik,

  • Musische Bildung/Umgang mit Medien

  • Körper, Bewegung, Gesundheit und

  • Natur und kulturelle Umwelten (JMK/KMK, 2004).

Die Wahrnehmung der kindlichen Fragen und Interessen wird als grundlegend für die Umsetzung der benannten Bildungsbereiche erachtet. Sie sollen im Mittelpunkt der Bildungs- und Lernangebote stehen (JMK/KMK, 2004).

Bei der Ausdifferenzierung und Umsetzung der Anforderungen sollen die Bundesländer eigene, den jeweiligen Gegebenheiten angemessene Wege gehen. Infolge dieser Gestaltungsfreiräume weisen die 16 Bildungspläne Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede auf. Nachfolgend wird dies näher beleuchtet anhand der inhaltlich-strukturellen Kriterien (1) Aufbau, Umfang und Gestaltung sowie (2) Geltungsbereich. Mit dem Kriterium (3) Verbindlichkeit wird anschließend auf die gesetzliche Verankerung der Pläne fokussiert.

(1) Aufbau, Umfang und Gestaltung

Bezogen auf den Aufbau der Bildungspläne finden sich weitestgehend Ähnlichkeiten. Zu Beginn werden i.d.R. gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Leitgedanken und das zugrundeliegende Bild vom Kind beschrieben. Anschließend werden Bildungs- und Erziehungsziele bzw. die von den Kindern zu erwerbenden (Basis-)Kompetenzen erläutert. In den zentralen Teilen wird auf Inhalte der Bildungsarbeit Bezug genommen. Trotz verschiedener Begriffsverwendungen wie Bildungsbereich (u.a. Sachsen-Anhalt, Saarland, Hamburg), Bildungs- und Entwicklungsfelder (Baden-Württemberg), Bildungs- und Erziehungsziele (Hessen) sowie einer variierenden Anzahl kann hier von einem Kernelement gesprochen werden, das allen Bildungsplänen gemeinsam ist. In der Gestaltung dieses Kernelements zeigen sich jedoch Unterschiede. Didaktische Anleitungen, methodische Hinweise, Praxisbeispiele, Reflexionsfragen und (Qualitäts-)Kriterienkataloge werden in unterschiedlicher Form und Ausführlichkeit integriert. Den letzten Teil der Bildungspläne bilden zumeist Aussagen über Anforderungen an die pädagogischen Fachkräfte, die Qualitätsentwicklung und -sicherung, die Selbst- und Fremdevaluation sowie die Aufgaben des Trägers (Diskowski, 2009). Hinsichtlich des Umfangs der Bildungspläne zeigen sich klarere Unterschiede. Zwar wurde ein Großteil der Bildungspläne in Form von Broschüren (z.B. Niedersachsen) oder Büchern (z.B. Bayern, Rheinland-Pfalz) veröffentlicht. Deren Umfang reicht allerdings von 19 bzw. 24 Seiten (Saarland bzw. Nordrhein-Westfalen) bis 488 Seiten (Bayern). Bei den kürzer gefassten Plänen wurden oftmals ergänzende Materialien veröffentlicht (Vossen, 2013). Aufwändige Zusatzmaterialien liegen z.B. in Brandenburg vor. Praxisbeispiele, Konkretisierungen zu den Bildungsbereichen, Beobachtungsmaterialien und Handreichungen stehen zur Vertiefung zur Verfügung und werden kontinuierlich fortentwickelt (MBJS Brandenburg, 2004) Ferner liegen in einigen Bundesländern (z.B. Bayern, Rheinland-Pfalz) mittlerweile Ergänzungen für Kinder unter 3 Jahren vor.

(2) Geltungsbereich

Der Geltungsbereich wird in den Plänen auf unterschiedliche Altersspannen festgelegt. Sie können grob drei Gruppen zugeordnet werden:

  • Geburt bis Schuleintritt (z.B. »Berliner Bildungsplan für Kitas und Kindertagespflege«)

  • Geburt bis 10 Jahre (z.B. »Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindergärten und weiteren Kindertageseinrichtungen«, »Grundsätze elementarer Bildung in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung im Land Brandenburg«)

  • Geburt bis 14 Jahre (z.B. »Leitlinien zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein«, »Bildungsprogramm für Kindertageseinrichtungen in Sachsen-Anhalt«)

Wie sich zeigt, lassen die Benennungen der Pläne nicht immer Rückschlüsse auf ihren Geltungsbereich zu.

Die Schnittmenge über alle Bildungspläne ist die Gruppe der 3- bis 6-Jährigen. In den Bildungsplänen, die in den letzten Jahren überarbeitet wurden, wird vermehrt auch das Krippenalter mit einbezogen (Vossen, 2013). Eine bisher einzigartige Erweiterung des Geltungsbereichs fand in Thüringen statt. Dieser Bildungsplan bezog sich ursprünglich auf die Altersspanne 0–10 Jahre. Darauf aufbauend wurde im Jahr 2015 der Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre vorgelegt. Das institutionsübergreifende Bildungskonzept strebt an, Bildungsorte und Bildungsansprüche aller Kinder und Jugendlichen bis zum Erreichen der Volljährigkeit miteinander zu verbinden. Die Ausweitung des Geltungsbereichs bedingt ein unterschiedlich breites Spektrum an Institutionen und Personengruppen, für welche die jeweiligen Bildungspläne von Bedeutung sind (TMBJS, 2015).

(3) Verbindlichkeit

Der Bayrische Bildungs- und Erziehungsplan, das Berliner Bildungsprogramm, die Hamburger Bildungsempfehlungen für die Bildung und Erziehung, die Leitlinien zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen in Schleswig-Holstein – anhand der verschiedenen Benennungen lassen sich bereits Unterschiede hinsichtlich der Verbindlichkeit der Bildungspläne erahnen. Ihr Verbindlichkeitsgrad variiert in Abhängigkeit davon, ob die Umsetzung im jeweiligen Bundesland gesetzlich festgeschrieben wurde (hohe Verbindlichkeit) oder auf einem Konsens mit den öffentlichen, privaten und kirchlichen Trägerverbänden basiert (geringere Verbindlichkeit) (Diskowski, 2009).

Die folgenden beispielhaften Auszüge aus Kindergartengesetzen bzw. Vereinbarungen einzelner Bundesländer veranschaulichen, auf welche Art und Weise der Verbindlichkeitsgrad explizit gemacht wird.

Bezogen auf die Kindertagesgesetze wird ersichtlich, dass die rechtliche Bindung in einigen Bundesländern in den Jahren nach Einführung der Bildungspläne erfolgte. Ebenso wird eine graduelle Abstufung des Verbindlichkeitsgrades deutlich. Nur in Bayern findet sich die eindeutige Formulierung, dass der Gesetzgeber die Möglichkeit hat, landesweit verbindliche Standards zu setzen. In Bayern und Berlin besteht eine Verbindung zwischen den Qualitätsstandards und der Finanzierungsvereinbarung. Andere Kindergartengesetze sehen vor, dass der Bildungsplan nur in Kooperation mit den Trägern herausgegeben werden kann. In mehreren Bundesländern gibt es offizielle Vereinbarungen mit den Trägern oder es finden sich zu Beginn des jeweiligen Bildungsplans von allen Beteiligten (u.a. zuständige/s Ministerien/Ministerium, freie und kommunale Spitzenverbände, Landeselternausschüsse) unterschriebene Erklärungen oder Präambeln. In Kontrast zur rechtlichen Bindung entsprechen diese Vereinbarungen oftmals eher einer Selbstverpflichtung und weisen als Orientierungsrahmen oder Empfehlung eine deutlich geringere Verbindlichkeit auf (Hebenstreit, 2008).

§

Rechtliche Bindung

Brandenburg: Die Grundsätze wurden im Jahr 2005 mit einer gemeinsamen Erklärung des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport und der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege allen Kindertageseinrichtungen zur Verfügung gestellt. Seit der Kita-Gesetzes Novelle im Jahr 2007 sind sie der verbindliche Rahmen für die Bildungsarbeit in allen Einrichtungen der Kindertagesbetreuung: »Die gemäß § 23 Abs. 3 vereinbarten Grundsätze über die Bildungsarbeit in Kindertagesstätten bilden den für alle Einrichtungen verbindlichen Rahmen.« (§ 3 Abs. 1 Kindertagesstättengesetz – KitaG).

Sachsen: »Der Sächsische Bildungsplan ist die Grundlage für die pädagogische Arbeit in den Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege. Dieser wird vom Staatsministerium für Kultus und Sport erstellt und weiterentwickelt.« (§ 2 Abs. 1 SächsKitaG)

Schleswig-Holstein: Mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen (WeitEntwKiTaG) wurde der Rahmen des ganzheitlichen Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsauftrages entsprechend den Leitlinien zum Bildungsauftrag konkretisiert und verbindlich gemacht. Die den Bildungsauftrag betreffenden Teile des Gesetzes traten zum 01.08.2006 in Kraft: »Bei der Wahrnehmung dieses eigenen Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsauftrages nach Absatz 1 sowie der Unterstützung und Weiterentwicklung der Fähigkeiten nach Absatz 2 sollen folgende Bildungsbereiche berücksichtigt werden: […]« (§ 4 Abs. 3 Kindertagesstättengesetz – KiTaG)

Thüringen: »Grundlage für die gesamte Arbeit ist ein von dem für Kindertageseinrichtungen zuständigen Ministerium erarbeiteter Bildungsplan, der für Kindertageseinrichtungen, für Tagespflege und für Schulen pädagogische Schwerpunkte festlegt und zu einem aufeinander aufbauenden Bildungssystem zusammenführt […] In Umsetzung der im Bildungsplan aufgeführten Ziele und Aufgaben erstellt jede Einrichtung eine für sie verbindliche pädagogische Konzeption, die fortzuschreiben ist.« (§ 6 Abs. 1 und 3 ThürKitaG)

Bayern: In der Ausführungsverordnung zum Bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (AVBAyKiBiG) finden sich die im Bildungs- und Erziehungsplan dargestellten Bildungs- und Erziehungsziele als verbindliche Grundlage für die pädagogische Arbeit in den staatlich geförderten bayerischen Kindertageseinrichtungen. Das Staatsministerium ist ermächtigt, »die Bildungs- und Erziehungsziele für förderfähige Kindertageseinrichtungen« (Art. 13 Abs. 3 BayKiBiG) festzulegen.

Bindung durch Konsens

Niedersachsen: »Die Unterzeichner betrachten den Orientierungsplan als Grundlage für die Bildungsarbeit in den niedersächsischen Einrichtungen des Elementarbereichs. Sie akzeptieren ihn als Rahmen für die Erarbeitung der einrichtungsspezifischen Konzeptionen. Der Plan hat empfehlenden Charakter. Die Verantwortung der Träger für die konkrete Ausgestaltung der Bildungsarbeit bleibt davon unberührt.«1

Hamburg: »Die Bildungsempfehlungen sind gedacht als ein Orientierungsrahmen, der zur systematischen Weiterentwicklung der bereits erreichten Qualität beiträgt. » (BASFI Hamburg, 2012, S. 6)

Hessen: »Die Grundsätze und Prinzipien, die dem Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan zugrunde liegen, bilden die gemeinsame Grundlage für die Kindertageseinrichtung und die Grundschule. Darüber hinaus gelten sie für alle weiteren Orte, in denen Bildungs- und Erziehungsprozesse für Kinder von Geburt an bis zum Ende der Grundschulzeit stattfinden. Sie stellen somit den Orientierungs- und Bezugsrahmen für das pädagogische Handeln aller Beteiligten dar.«2

Baden-Württemberg: Es besteht eine Vereinbarung der Landesregierung mit den kommunalen Landesverbänden und weiteren Trägerverbänden. Im Sinne von § 9 Abs. 2 KGaG werden im Orientierungsplan die Zielsetzungen für die Elementarerziehung festgelegt: »Das Kultusministerium entwickelt im Benehmen mit dem jeweils berührten Ministerium mit Beteiligung der Trägerverbände und den kommunalen Landesverbänden Zielsetzungen für die Elementarerziehung, die in dem Orientierungsplan für Bildung und Erziehung festgelegt werden.«

Saarland: »Die Landesregierung, die kommunalen Spitzenverbände, die christlichen Kirchen und die Liga der freien Wohlfahrtspflege haben vor dem Hintergrund der im Grundgesetz und in der Landesverfassung niedergelegten Werte das vorlegte Bildungsprogramm für saarländische Kindergärten vereinbart, an dem sich die inhaltliche Arbeit der Tageseinrichtungen ausrichten soll. Bei dieser gemeinsamen Entscheidung werden die Prinzipien der Pluralität, der Trägerautonomie und der Konzeptionsvielfalt ausdrücklich bestätigt und berücksichtigt. Die Umsetzung des Bildungsprogramms in den saarländischen Tageseinrichtungen erfolgt in der Verantwortung der Träger.«3

Literatur

Diskowski, D. (2009): Bildungspläne für Kindertagesstätten – ein neues und noch unbegriffenes Steuerungsinstrument. In: Roßbach, H.-G./Blossfeld, H.-P. (Hrsg.): Frühpädagogische Förderung in Institutionen. Wiesbaden: VS Verlag. S. 47–61.

Hebenstreit, S. (2008): Bildung im Elementarbereich. Die Bildungspläne der Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland. Bericht über mein Forschungssemester im WS 2006/07 für das Kuratorium der Ev. FH R-W-L. URL: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1869.pdf

Jugendministerkonferenz/Kultusministerkonferenz (JMK/KMK) (2004): Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen: Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.05.2004/Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004. URL: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_04-Fruehe-Bildung-Kitas.pdf

Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg (MBJS) (Hrsg.) (2004): Grundsätze elementarer Bildung in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung im Land Brandenburg. URL: https://mbjs.brandenburg.de/media/lbm1.c.312232.de

Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS) (Hrsg.) (2015): Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre. Bildungsansprüche von Kindern und Jugendlichen. URL: http://www.thueringen.de/th2/tmbjs/bildung/bildungsplan/

Vossen, C. M. (2013): Zur Beurteilung der Umsetzung des Bildungsauftrages in Kindergärten. Konzeption eines Selbstevaluationsinstruments für Erzieherinnen in Baden-Württemberg. Dissertation. URL: https://phfr.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/399

Niedersächsisches Kultusministerium, 2005, S. 4.


HMAFG/Hessisches Kultusministerium, 2016, S. 20.


MBK Saarland, 2006, S. 6 f.


Nach oben

Anmelden