Abschnitt: Grundlagen des Bildungs- und Erziehungsauftrags → Bildungspläne
 

Der PISA-Aufschrei und seine Folgen

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Anfang der 2000er Jahre erfuhr der frühpädagogische Bereich infolge der Bildungs- und Leistungsdebatte nach PISA auch in der Öffentlichkeit und Politik wieder erhöhte Aufmerksamkeit. Die anhaltende Debatte um die nur als mittelmäßig beurteilte pädagogische Qualität in deutschen Kindertageseinrichtungen (Tietze et al., 1998) sowie das schlechte Abschneiden Deutschlands bei internationalen Vergleichsstudien bildeten den Ausgangspunkt für eine grundlegende Neuorientierung im Elementarbereich (Roßbach/Blossfeld, 2008). Zudem wurden bestehende Steuerungsmängel im frühkindlichen Bereich als Innovationshemmnis kritisiert und vermehrt eine stärkere Steuerung insbesondere auf Landesebene gefordert (Diskowski, 2009).

Zu den zentralen Neuerungen zählte die Einführung von Bildungsplänen, die durch den Beschluss der Jugend- und Kultusministerkonferenz (JMK/KMK) zum »Gemeinsamen Rahmen für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen« im Jahr 2004 bundesweit1 in die Wege geleitet wurde. Seinem Selbstverständnis zufolge stellt der Rahmen »eine Verständigung der Länder über die Grundsätze der Bildungsarbeit der Kindertageseinrichtungen dar, der durch die Bildungspläne auf Landesebene konkretisiert, ausgefüllt und erweitert wird« (JMK/KMK, 2004). Bis zum Jahr 2006 wurden in allen 16 Bundesländern Pläne für frühpädagogische Einrichtungen erarbeitet und veröffentlicht. Ziel der damit verbundenen Neuausrichtung war es, die pädagogische Qualität sowie die Entwicklung elementarer Bildungsprozesse in Kindertageseinrichtungen zu fördern und damit den Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen zu stärken (Röhner, 2014; Smidt/Schmidt, 2012).

Während Bildungspläne im formalen Bildungssystem eine lange Tradition haben, war der Ansatz einer fachlichen Steuerung und Standardsetzung für den frühpädagogischen Bereich zum damaligen Zeitpunkt überwiegend neu.2 Dies geht auf die Rechts- und Organisationsstrukturen der Kindertagesbetreuung zurück. § 26 SGB VIII besagt: »Das Nähere über Inhalt und Umfang der in diesem Abschnitt [Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Kindertagespflege, Anmerkung der Verf.] geregelten Aufgaben und Leistungen regelt das Landesrecht.« Über die inhaltliche Ausgestaltung hinaus liegen auch die organisatorischen und finanziellen Regelungen in der Kompetenz des jeweiligen Bundeslandes (Hebenstreit, 2008). Durch § 22a SGB VIII hat der örtliche Träger der Jugendhilfe neue Steuerungsaufgaben für Kindertageseinrichtungen seines Jugendamtsbezirkes erhalten. Die Kommunen wurden dadurch gestärkt. Die Abhängigkeit von gesetzlichen Regelungen, Prioritätensetzungen und Fachimpulsen des jeweiligen Bundeslandes bleibt jedoch bestehen. Eine landesweite und trägerübergreifende Festlegung von Standards für den Elementarbereich ist zudem vor dem Hintergrund der gesetzlich festgeschriebenen Priorität der elterlichen Erziehung zu betrachten. Ferner ergibt sich aus der Tradition der Jugendhilfe eine starke Stellung der freien Träger (Braun, 2009).

Literatur

Braun, U. (2009): Qualität von Kindertageseinrichtungen – beliebig oder verbindlich? In: Altgeld, K./Stöbe-Blossey, S. (Hrsg.): Qualitätsmanagement in der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.77–94.

Diskowski, D. (2009): Bildungspläne für Kindertagesstätten – ein neues und noch unbegriffenes Steuerungsinstrument. In: Roßbach, H.-G./Blossfeld, H.-P. (Hrsg.): Frühpädagogische Förderung in Institutionen. Wiesbaden: VS Verlag. S. 47–61.

Hebenstreit, S. (2008): Bildung im Elementarbereich. Die Bildungspläne der Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland. Bericht über mein Forschungssemester im WS 2006/07 für das Kuratorium der Ev. FH R-W-L. URL: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1869.pdf

Jugendministerkonferenz/Kultusministerkonferenz (JMK/KMK) (2004): Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen: Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.05.2004/Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004. URL: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_04-Fruehe-Bildung-Kitas.pdf

Röhner, Ch. (2014): Bildungspläne im Elementarbereich. In: Braches-Chyrek, R. et al. (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit. Opladen: Budrich. S. 601–613.

Roßbach, H.-G./Blossfeld, H.-P. (2008): Editorial. In: Roßbach, H.-G./Blossfeld, H.-P. (Hrsg.): Frühpädagogische Förderung in Institutionen. Wiesbaden: VS Verlag. S. 7–10.

Smidt, W./Schmidt, T. (2012): Die Umsetzung frühpädagogischer Bildungspläne: eine Übersicht über empirische Studien. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik, 10. Jg. (3). S. 244–256.

Tietze, W. et al. (1998): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Neuwied/Kriftel/Berlin: Luchterhand.

In einigen Bundesländern (z.B. Bayern, Bremen) hatten erste Bemühungen, einen Bildungsplan zu erstellen, schon in den Jahren zuvor eingesetzt (Hebenstreit, 2008).


Bereits in den 1960er und 1970er Jahren wurden in einigen Bundesländern Pläne und Richtlinien veröffentlicht, die intendierten, den Bildungsauftrag von Vorschulklassen und auch des Kindergartens herauszustellen und inhaltlich auszugestalten. Ebenso lagen in der DDR Bildungspläne für den Kindergartenbereich vor (Smidt/Schmidt, 2012).


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