Abschnitt: Wege zur Qualität → Qualität durch Beobachtung
 

Wie Sie Alltagssituationen analysieren – Beispiel Garderobensituation

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Der pädagogische Alltag in Krippen und Kindertagesstätten ist geprägt von einer Vielzahl an Aktivitäten, die sich jeden Tag wiederholen und pädagogische Fachkräfte und Kinder vor besondere Herausforderungen stellen. Ebendiese Situationen sollen im vorliegenden Beitrag Ausgangspunkt werden, um die Qualität der pädagogischen Arbeit durch Beobachtung, Reflexion und Erprobung an ganz konkreter, erlebter Alltagspraxis zu entwickeln.

Häufig sind Aktivitäten, die als besonders stressig oder nicht zufriedenstellend in ihrer Gestaltung erlebt werden, mit einem Übergang im Tagesablauf verbunden und werden als sogenannte Mikrotransitionen bezeichnet (Gutknecht, 2013). Nicht selten beinhalten Mikrotransitionen, neben der Herausforderung des Übergangs, eine oder mehrere weitere Aktivitäten z.B. der Übergang vom Essen zum Schlafen bzw. Ruhen beinhaltet die Aktivitäten sich säubern und sich ausziehen (Kramer/Gutknecht, 2016). Diese Kombination stellt für alle Beteiligten, Kinder und pädagogische Fachkräfte, eine hohe Komplexität dar. Außerdem handelt es sich i.d.R. um wiederkehrende alltägliche aber bedeutsame Situationen (An- oder Ausziehen in der Garderobe oder vor dem Schlafen, Händewaschen, Essen, Wickeln usw.), für die es handlungsleitende Orientierung braucht und die auf Grund ihrer Häufigkeit und Bedeutsamkeit für das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder als besonders beachtenswert einzustufen sind. In der Gestaltung dieser kleinen Übergänge und den darin enthaltenden, wichtigen Alltagssituationen, zeigt sich deren Stellenwert in der pädagogischen Arbeit. Nicht zuletzt ist es eine Frage der Qualität der pädagogischen Arbeit, wie Mikrotransitionen und alltägliche Aktivitäten wie Händewaschen, An- Ausziehen, Wickeln, Schlafen usw. gestaltet werden. Wie gut sind Abläufe aufeinander abgestimmt? Wie viel Beteiligungsmöglichkeiten werden den Kindern eingeräumt? Wie gut gelingt die Abstimmung der pädagogischen Fachkräfte in der Interaktion mit einem Kind oder einer Kindergruppe?

Von Kindertageseinrichtungen wird verlangt, die eigene Arbeit in Hinblick auf ihre Qualität stetig zu überprüfen und weiterzuentwickeln (Tietze, 2013). Dabei zunächst die eigene Praxis zu beobachten, eine bestimmte Situation differenziert zu analysieren und diese zu reflektieren, kann ein mögliches Vorgehen sein, diese geforderte Qualitätsentwicklung umzusetzen. Der vorliegende Beitrag greift das Beispiel des An- und Ausziehens in der Garderobe als Pflegeaktivität und Übergang auf und verdeutlicht solch ein Vorgehen der Beobachtung und kritischen Reflektion. Daran anschließend wird ein allgemeines Vorgehen aufgezeigt, welches einen Qualitätsentwicklungsprozess zu einzelnen Aktivitäten des Tages anregen und begleiten kann.

Die Garderobensituation im pädagogischen Alltag: Lebensaktivität und Mikrotransition

An- und Ausziehen in Krippe und Kindertagesstätte ist eine Aktivität, die sich viele Male am Tag wiederholt. Nicht nur in der Garderobe, auch vor und nach dem Schlafen oder dem Ruhen, dem Wickeln oder dem Toilettengang: Sich selbstständig an- oder ausziehen zu können ist eine Kompetenz, die jedem Menschen ein großes Maß an Selbstständigkeit im Leben ermöglicht. An- und ausziehen ist als eine Pflegehandlung zu bezeichnen und zählt zu den sogenannten Aktivitäten des Lebens. Bei diesen Aktivitäten baut das Kind für sein gesamtes weiteres Leben bedeutsame Selbstpflegekompetenzen auf (Orem, 1997). Die Kinder in der Altersspanne, die pädagogische Fachkräfte in ihrer Arbeit begleiten, müssen zunächst noch lernen, sich selbstständig zu kleiden. Je jünger das Kind ist, welches die Einrichtung besucht, umso höher ist der Assistenzbedarf während dem An- oder Ausziehen durch die pädagogische Fachkraft.

Der Gesichtspunkt der Pflege und der des Aufbaus von Selbstpflegekompetenzen ist ein bedeutender Bildungsaspekt, der im pädagogischen Alltag während dem An- oder Ausziehen wahrgenommen und vor allem ermöglicht werden muss. Kinder profitieren von einer abgestimmten Interaktion, orientiert an ihren Fähigkeiten, Fragen und Herausforderungen, die sie bei jedem Mal an- oder ausziehen auf ein Neues zu bewältigen haben. Gutknecht (2015a) spricht bei diesem abgestimmten Antwortverhalten auch von Professioneller Responsivität. Die Qualität der Pflegeaktivitäten im pädagogischen Kontext zeigt sich maßgeblich in den Partizipationsmöglichkeiten der Kinder (Gutknecht, 2015a). Die Möglichkeit, aktiv an einer Aktivität teilzunehmen, hängt allerdings davon ab, wieviel Eigenaktivität dem Kind durch die pädagogischen Fachkräfte zugestanden und ermöglicht wird. Nicht nur die sprachliche Begleitung ist dabei in den Blick zu nehmen, auch die Gestaltung der Berührungs- und Bewegungsinteraktionen, das sogenannte Handling, spielen eine entscheidende Rolle für die aktive Beteiligung der Kinder und das Gelingen dieser Bildungsaktivität (Gutknecht 2016; Daldrop, 2015).

Zunächst ist also festzuhalten, dass das An- oder Ausziehen als Pflegeaktivität mit vielschichtigen Interaktionen zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern verbunden ist und bereits dadurch für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellen kann.

Immer aber ist das An- oder Ausziehen eingebettet im Tagesablauf und wird selten als losgelöste Aktivität um seiner selbst willen ausgeführt. Das bedeutet, dass das An- oder Ausziehen in eine vorausgehenden und eine nachfolgende Aktivität integriert ist und damit einen Übergang im pädagogischen Alltag, eine sogenannte Mikrotransition darstellt. Von einer Mikrotransition wird gesprochen, wenn Wechsel von einer Aktivität zu einer darauffolgenden stattfinden, ein Raumwechsel vollzogen wird oder ein Wechsel von Spielpartnern oder Bezugspersonen bewältigt werden muss. Mikrotransitionen beanspruchen einen Großteil des Tages in einer Kita (Gutknecht, 2013). Die Übergänge sind nicht nur auf Grund ihres strukturgebenden Charakters besonders wichtig, sondern auch in Bezug auf ihr hohes Stresspotenzial für alle Beteiligte.

Für die Kinder können Mikrotransitionen wie z.B. das Anziehen in der Garderobe unübersichtlich, unvorhersehbar, stressig oder gar mit langen Wartesituationen verbunden sein: Sie reagieren mit Unruhe, Unzufriedenheit, einem stärken Bedürfnis nach Begleitung durch die pädagogischen Fachkräfte oder auch mit Auseinandersetzungen (Daldrop, 2016; Gutknecht/Kramer/Daldrop, 2017). Sie geraten in Konflikte, weinen oder beginnen eine völlig andere Handlung, als in diesem Moment von ihnen gefordert ist (z.B. rumrennen anstatt sich anzuziehen).

Für die pädagogischen Fachkräfte sind diese Mikrotransitionen ebenfalls stressvolle Momente im Alltag (Daldrop, 2017). Die Kinder brauchen, vor allem in den ersten drei Lebensjahren, bei diesen Aktivitäten besonders viel Begleitung und Assistenz. Darüber hinaus gibt es meist mehrere Schauplätze des Geschehens, die beaufsichtigt werden müssen z.B. bei dem Übergang von drinnen nach draußen: der Gruppenraum, der Flur, die Garderobe, der Garten. Fühlen pädagogische Fachkräfte sich gestresst, kann der »Augen zu und durch«-Modus eintreten: Die möglichst schnelle Abhandlung der Aktivität steht zum vermeintlichen Wohl aller in diesem Moment im Vordergrund. Dies ist zwar eine kurzfristige Möglichkeit, solche stressbelasteten Situationen zu bewältigen, kann aber auf der anderen Seite nicht als eine abgestimmte Begleitung im Sinne einer qualitativ guten pädagogischen Arbeit gesehen werden (Gutknecht, 2015a). Die Begleitung der Kinder ist nicht mehr abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse, z.B. werden den Kindern Aktivitäten abgenommen, die sie bereits selbstständig ausführen können, dafür aber mehr Zeit benötigen als vermeintlich vorhanden ist. Oder aber sie werden aufgefordert, die Aktivität vollständig alleine zu bewältigen, obwohl sie Hilfe benötigen.

Eine passende Übergangsgestaltung, abgestimmt auf die jeweilige Kindergruppe und die individuellen Voraussetzungen jeder Einrichtung, ist daher für einen reibungslosen und stressarmen Übergang und vor allem für gelingende Interaktionen während dem An- oder Ausziehen anzustreben. Die Entwicklung einer angemessenen Gestaltung der Mikrotransition An- oder Ausziehen in der Garderobe kann mit Hilfe folgender Beobachtungs- bzw. Analysekriterien angestoßen werden.

Literatur

Daldrop, Kira (2015): Von drinnen nach draußen, von draußen nach drinnen. An- und Ausziehen in der Kinderkrippe. Mikrotransition und Aktivität des täglichen Lebens. Eine videogestützte Analyse der Interaktionsgestaltung. Unveröffentlichte Bachelorarbeit. Freiburg: Evangelische Hochschule.

Daldrop, Kira (2016): Die Garderobensituation im Krippenalltag – Mikrotransition und Aktivität des täglichen Lebens. Qualitative Interaktionsgestaltung und Assistenz. (www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Daldrop_Garderobensituation_2016.pdf, Zugriff am 16.10.2017)

Daldrop, Kira (2017): »Wie können wir die Garderobensituation stressfreier gestalten?«: Mitarbeiterinnen fragen – Kita-Leitung antwortet. In: Das Leitungsheft 1/2017.

Gutknecht, Dorothee (2013): Kleiner Wechsel, große Wirkung. In: Entdeckungskiste 1/2013, S. 34–35

Gutknecht, Dorothee: (2015a): Bildung in der Kinderkrippe. Wege zur Professionellen Responsivität. Stuttgart: Kohlhammer.

Gutknecht, Dorothee: (2016): Zur Bedeutung des »Handling« im Krippenalltag. In: Welt des Kindes 6/2016, S. 44–46.

Kramer, Maren/Gutknecht, Dorothee (2016): Schlafen in der Kinderkrippe. Achtsame und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Freiburg: Herder.

Orem, Dorothea (1997): Strukturkonzepte der Pflegepraxis. Berlin: Ullstein Mosby.

Tietze, Wolfgang/Becker-Stoll, Fabienne/Bensel, Joachim/Eckhardt, Andrea G./Haug-Schnabel, Gabriele/Kalicki, Bernhard/Keller, Heidi (Hrsg.) (2013): Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK). Kiliansroda: verlag das netz.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zur Zusammenarbeit mit der Schule

Der Übergang in die Schule gehört zu den wichtigsten Transitionen im Leben des Kindes. Deshalb ist es notwendig, sich über Haltung und pädagogische Praxis in diesem Bereich im pädagogischen Team zu verständigen. Hilfreich sind dazu die Reflexionsfragen dieser Arbeitshilfe, die den Konzeptionsentwicklungsprozess unterstützen. Dokument herunterladen

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