Abschnitt: Wege zur Qualität → Qualität durch Austausch
 

Beraten Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen

meeting-1015313_1920.jpg

Beobachtungen – Betrachtungen – Fragen

Gegen alle Missverständnisse: Kollegialer Austausch ist kein beliebig einsetzbares Instrument, keine spezielle Methode für besondere Gelegenheiten. Im Bild gedacht ist Kollegialer Austausch vielmehr der Teig, aus dem regelmäßig gesundes, wohlschmeckendes und appetitliches Gebäck erzeugt wird. Dieses Gebäck kann das Attribut »Qualitätsgebäck« beanspruchen. Und darum geht es in jeder von Teams zu erbringenden Dienstleistung und damit auch in jeder Kindertageseinrichtung.

Kollegialer Austausch in der Qualitätsentwicklung

Qualität in einer Kindertageseinrichtung ist nichts Diffuses oder Allgemeines. Immer bezieht sie sich auf bestimmte Bezugspunkte und Erwartungen: zuallererst auf die Freundlichkeit der Fachkräfte und die Art und Weise der Gestaltung bestimmter Alltagssituationen wie Begrüßung, Orientierungshilfe, aufmerksames Zuhören. Auch Aspekte der räumlichen Atmosphäre (Licht, Farben, Geruch) oder auch die sichtbaren Zeichen für die Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Eltern werden unmittelbar gesehen und gespürt. Erste Eindrücke also, die zum Aufbau von Vertrauen und Wohlbefinden unerlässlich sind. Das Prädikat »Qualität« wird vor allem von außen, von Eltern und Kindern (letztere eher indirekt) aber auch von Fachkolleginnen/Fachkollegen oder von fachwissenschaftlicher Seite (z.B. im Rahmen von Evaluierungen) verliehen. Es spricht sich herum (oder wird gepostet), welche positiven Eindrücke Eltern haben. Negative Eindrücke und Erfahrungen verbreiten sich so rasch wie Lauffeuer.

Qualität ist kein Selbstläufer, muss vielmehr jeden Tag aufs Neue angestrebt, bestätigt und – wenn die Bedingungen sich ändern – weiterentwickelt werden. Qualität zu verwirklichen und zu entwickeln, bleibt eine auf Dauer gestellte Herausforderung für jede Kindertageseinrichtung. Generelle Qualität zu erreichen, also in allen Aufgabenbereichen beste Fachpraxis zu verwirklichen, ist unter den gegenwärtigen Bedingungen eher unwahrscheinlich. Die wesentlichen Aufgaben zu filtern und mit hoher Qualität umzusetzen ist jedoch – wenn ein Team tatsächlich kooperiert – realisierbar. Bereitschaft und Fähigkeit zur reflektierten und konstruktiven Zusammenarbeit sind grundlegend für die professionelle Entwicklung der Fachkräfte. Kollegialer Austausch kann, wenn er mit der erforderlichen Zeit und Verbindlichkeit ausgestattet ist helfen, das Alltagsgeschehen differenziert wahrzunehmen und besser zu verstehen. Im Prozess des kollegialen Austauschs zeigt und entscheidet ein Team, für welches Qualitätsverständnis es sich mit Ernsthaftigkeit und Freude einsetzt. Im kollegialen Austausch werden nicht nur die großen Leuchtturmziele diskutiert und vereinbart, auch die kleinteiligen Prozesse des Alltags werden beleuchtet und erörtert. In dieser Dynamik werden Grundlagen geschaffen, auf denen sich Professionalität und Qualität entwickeln können. Wo Offenheit und Vertrauen im Team erfahren und gelernt werden, können zentrale Fähigkeiten wie Empathie und Dialogkompetenz wachsen. Man kann wohl – ohne zu übertreiben – behaupten, dass der kollegiale Austausch über das Auf oder Ab der Qualitätsspirale entscheidet. Er ist das Original, in dem sich alle Aufgabenbereiche und Alltagssituationen spiegeln.

Wie gesagt: Qualität spricht sich herum. Selbstverständlich möchte jeder Träger, jede Leitung, jede Fachkraft einer Kindertageseinrichtung für ein Angebot an Eltern und Kinder stehen, das Qualität hat. Oft wird Qualität auf Trägerebene in Verbindung mit Beschwerden gebracht: wo keine Beschwerde, da gute Qualität!? So einfach ist es in der Realität eher nicht. Auch hier ist Dialog erforderlich. Träger, Teams und Eltern können – ja müssen – sich fragen, wie sie Qualität verstehen und bestimmen wollen. Soll Qualität von oben, also vor allem an der Erfüllung gesetzlicher Vorgaben gemessen werden oder eher von unten, entlang der konkreten Lebenssituationen von Kindern und Eltern? Unvorstellbar ist, dass dieser Dialog jenseits der Teamkultur, die im kollegialen Austausch gepflegt wird, zustande kommen kann. Ist diese Grundlage gegeben kann nachgedacht, ausgesprochen und ausgehandelt werden, welche Maßstäbe sinnvolle Orientierung auf Qualität erfüllen können.

Je größer der Begriff gewählt wird, je schwieriger die Qualitätsanalyse. Betreuung, Erziehung und Bildung werden als Überbegriffe in allen relevanten Gesetzen genannt. Doch was ist Qualität in Bezug zu diesen drei Oberbegriffen? Wie wandelt sich die Qualitätserwartung mit dem Betreuungsalter der Kinder? Welchen Einfluss hat Betreuungsqualität im Blick auf Bildungsgerechtigkeit? Diese und viele weitere Fragen können nicht pauschal ohne Berücksichtigung der konkreten und aktuellen Bedürfnisse und Bedingungen beantwortet werden.

Viele Fragen richten sich aktuell auf die Qualität von Krippen. Bezieht man Studien wie u.a. die von Prof. Liselotte Ahnert und Prof. Wilfried Datler durchgeführte »Wiener Kinderkrippenstudie« in diese Betrachtung mit ein (WiKi-Studie, 2012), die sich mit den Auswirkungen von Stress auf die Entwicklung von Kindern befassen, kommt der Anfrage an Qualität im Bereich der Unterdreijährigen eine zusätzliche Brisanz zu. Erste Langzeitstudien zeigen auf, dass Stress ungünstige Auswirkungen auf Spielfreude, Lernbereitschaft, Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft der Kinder haben kann. Im Wissen um die Zusammenhänge von Beziehungsqualität und Bildungschancen in der frühen Phase der Kindheit kann man strukturelle (vor allem mehr Personal) und professionelle (besser ausgebildetes Personal) Fragen nicht weiter missachten. Ernsthafte Anstrengungen und tatsächliche Veränderungen können wieder nur im Dialog geklärt und umgesetzt werden. An diesem Dialog müssen Politik, Organisationen, Ausbildung, Träger und selbstbewusste Fachkräfte beteiligt sein.

Tatsächlich ist es im Konkreten immer wieder schwierig, Qualität wahrzunehmen und zu definieren, darauf hat der Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung e.V. bereits 1998 hingewiesen. Was heißt und woran erkennt man beispielsweise »Qualität der Erziehung«? Wer sich das Besondere erzieherischer Praxis vor Augen führt, hält damit einen »Zentralschlüssel« zum Verständnis von Qualität in der Kindertagesbetreuung in der Hand. »Erziehung stellt eine personale, eine von Personen an Personen erbrachte Dienstleistung dar. Als berufliche Praxis ist sie mit anderen beruflichen Tätigkeiten (z.B. im Chemielabor oder an der Fertigungsstraße eines Automobilwerkes) nicht ohne weiteres zu vergleichen. Sie muss man zu allererst verstehen, wenn man feststellen und entwickeln will, was beste Fachpraxis ist. Ohne ein angemessenes Praxisverständnis wird man jedenfalls der Aufgabe der Evaluation und Entwicklung von Qualität nicht gerecht.« (Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung, 1998).

Was bedeutet das für die fachliche Reflexion über Qualität in der konkreten Kindertageseinrichtung? Wie können Fragen der Erziehungsqualität in einem Team aufgegriffen und im Kontext der konkreten Herausforderungen, die sich sowohl aus der immer gegebenen Vielfalt wie aus den individuellen Lebenslagen der Kinder, ihrer Eltern und nicht zuletzt der Fachkräfte ergeben? Es ist nicht vorstellbar, dass diese Fragen im Prozess von Qualitätsentwicklung ignoriert werden können. Jede Kindertageseinrichtung ist in anderer Weise herausgefordert, ihr Angebot an spezifischen Gegebenheiten in den sozialen, kulturellen und religiösen Lebenssituationen von Eltern und Kindern auszurichten. Gleichwohl ist jede Kindertageseinrichtung ein Ort des (Auf-)Wachsens: dieses Wachsen muss immer wieder auf aktuelle Bedarfs- und Bedürfnislagen ausgerichtet, maßgeschneidert geplant, gefördert und reflektiert werden. Der kollegiale Austausch ist die »Werkstatt« dieser Prozesse.

Literatur

Ahnert, L. et al: Wiener Krippenstudie (WiKi) (2012): Die »Eingewöhnungsphase« von Kleinkindern in Kinderkrippen. Universität Wien.

Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen (Hrsg.) (1998): Qualität im Dialog entwickeln. Wie Kindertageseinrichtungen besser werden. Seelze.

Ergänzende Arbeitshilfe

Merkblatt: Kollegiale Beratung

Kollegiale Beratung ist eine Methode der professionellen Selbsthilfe und des Reflexionsprozesses. Dabei stehen konkrete Problemsituationen im Mittelpunkt, die eine Kollegin oder ein Kollege einbringt. Informieren Sie sich mit diesem Merkblatt über die verschiedenen Rollen innerhalb der kollegialen Beratung und den methodischen Ablauf. Dokument herunterladen

Nach oben

Anmelden