Abschnitt: Wege zur Qualität → Qualität durch Austausch
 

Kollegialer Austausch – Basis für den Dialog mit Eltern

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Eine spannende und erkenntnisreiche Diskussion mit Eltern zum Thema »Bildung« könnte durch einen World-Café-Prozess entstehen (Methodische Hinweise finden sich im Internet unter dem Stichwort: World-Café). Eltern darüber nachdenken und sprechen zu lassen, welche Erinnerungen sie selbst an Bildungssituation haben oder was Bildungserfolg ihrer Meinung nach ist, könnte die unterschiedlichen Positionen sichtbar werden lassen. In solchen Dialogen läge die Chance zur Versachlichung, gäbe es Gelegenheit, differenzierende Informationen anzubieten. Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten multimedial angeboten und so die Stimmen von Experten wie Jesper Juul, Gerald Hüther, Gerd E. Schäfer oder Remo H. Largo einbezogen werden. Damit würde sich die häufig viel zu große Aufgeregtheit vielleicht verkleinern, hier und dort auch auflösen, im besten Fall aber zu guter und partnerschaftlicher Zusammenarbeit führen.

Wo diese Dialoge weder im Team noch mit Eltern geführt werden, stehen Fachkräfte häufig vor unlösbaren Aufgaben. Wenden sie sich einzelnen Kindern zu, versäumen sie Gruppenaktivitäten, planen sie Projekte und Angebote, bleiben einzelne Kinder unbeachtet. Jedem Kind das richtige Maß an Aufmerksamkeit und Beziehungsnähe zu bieten, die es in seiner Spiel- und Lernfreude stärken, ist und bleibt eine professionelle Herausforderung.

Die Fachkraft steht täglich im Mittelpunkt des Geschehens: mal als Dirigent/in, mal als Kommissar/in, mal als Richter/in, mal als Tröster/in, mal als Ideengeber/in, mal als Mediator/in (um nur einige Rollen zu nennen) und zwischendrin ist sie permanent als fürsorgliche/r und zugewandte/r Versorger/in gefragt. Fraglos fühlen sich viele Fachkräfte von diesem alltäglichen Spagat überfordert. Immer häufiger haben Kinder offenbar das Spielen »verlernt« und können kaum ohne die Animation und Begleitung der Erwachsenen auskommen. Diese Kinder haben »gelernt«, dass andere Menschen (Eltern und Fachkräfte) für ihre Anregung zuständig sind. Auch das ist ein wichtiges Thema für den kollegialen Austausch. Welche Möglichkeiten hat die Kindertageseinrichtung, jede einzelne Fachkraft, das Spielen der Kinder zu unterstützen? Der Neurobiologe Gerald Hüter vertritt dazu die These: »Kein Lebewesen kann etwas lernen ohne Anregung durch andere und ohne selbst mit dem, was es gelernt hat, andere zum Lernen anzuregen.« (Hüther, 2016) Wenn Spielen und Lernen identisch sind, kommt es darauf an, das Fließen dieser Wechselbeziehung wieder zu ermöglichen und Kinder (wie auch Erwachsene) darin zu stärken, den eigenen Zugang zu tiefen, selbstbestimmten Spielerfahrungen zurückzuerobern. Spielfähigkeit ist im Menschen angelegt, sie muss nicht gelernt, kann aber blockiert werden.

Und dieser Austausch macht im Erleben jeder Fachkraft einen spürbaren Unterschied, der auch von Kindern wahrgenommen wird. Pädagogisches Handeln, das auf Grundlage von Austausch und Verständigung – auch mit Eltern – beruht, erzeugt ein Klima des Vertrauens, in dem auch Fehler zugelassen werden können. Zu wissen, dass das eigene Handeln in Zustimmung und mit Unterstützung des gesamten Teams geschieht, stärkt Gefühle der Zugehörigkeit, des Wohlbefindens und der fachlichen Identifikation. Zu untersuchen wäre, wie diese Effekte sich auf die Motivation, die Engagiertheit und die Gesundheit im Team auswirken. Ein Tipp: Kein Team muss warten, bis sie zur Teilnahme an entsprechenden wissenschaftlichen Studien eingeladen wird. Jedes Team kann diese Effekte auch bei sich selbst untersuchen.

Vielleicht führen diese Aussagen zur Reaktion: »Wenn es so einfach wäre!« Nein, einfach ist nichts! Wahrscheinlich ist die Wirklichkeit immer komplexer und undurchschaubarer als es diese Skizzierungen erfassen können. Vermutlich bilden sich zu jedem Thema, zu jedem Ziel Pole der Zustimmung oder Ablehnung im Team. Die Chance zur Annäherung liegt in der Offenheit, mit der Auffassungsunterschiede behandelt werden. Diese Offenheit ist zugleich Ziel und Qualitätsmerkmal für das Gelingen des kollegialen Austauschs.

Gefordert wird das Qualitätsmerkmal »partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern« in allen Bildungsplänen. Meistens unter dem Stichwort »Erziehungspartnerschaft«. Überall wird sie als wichtige Voraussetzung für das gute Aufwachsen von Kindern thematisiert. Konzeptionell und ideell zunehmend positiv eingeschätzte pädagogische und mitmenschliche Prinzipien wie Stärkenorientierung, individualisierte Entwicklungsförderung, Vorurteilsbewusstsein oder Kultursensibilität werden von Fachkräften im Blick auf Kinder zumeist bejaht. Doch wie verhält es sich mit diesen Grundeinstellungen in der Zusammenarbeit mit den Eltern? Offenbar ist es für viele kindheitspädagogisch ausgebildete Fachkräfte sehr viel schwieriger, sich in der Kommunikation und Zusammenarbeit mit Eltern an diesen Prinzipien zu orientieren. Es ist nachvollziehbar, dass die vorurteilsbewusste Wahrnehmung und Berücksichtigung der Vielfalt familiärer Lebensformen und Lebenssituationen, der Unterschiede soziokultureller und ethisch-religiöser Prägungen, der Differenzen über den Status und die Erziehung von Kindern enorme Anforderungen an Fachkräfte stellen. Es ist nachvollziehbar, dass grundlegend unterschiedliche Vorstellungen von guter Erziehung und Bildung der Kinder zwischen Fachkräften und Eltern in der Kindertageseinrichtung enorme Spannungen erzeugen können. Fraglos sind für dieses Kernstück hohe Dialogkompetenzen erforderlich, die lernend zu erwerben sind. Dieses Lernen stellt neue Anforderungen an die Professionalität der Fachkräfte. Es ist – besonders im Umfeld von Bildungsarmut und Vernachlässigungstendenzen – nachvollziehbar, dass Fachkräfte »ihre« Kinder gerne vor den oft unlösbaren Problemen möglichst weit fernhalten wollen, mit denen sie in ihren familiären und nachbarschaftlichen Milieus leben müssen. Es ist nachvollziehbar, dass Fachkräfte sich ohnmächtig und hilflos fühlen, wenn sie mit spezifischen Ansprüchen oder/und respektlosem Verhalten von Eltern konfrontiert werden.

Alles das ist tatsächlich nachvollziehbar und trotzdem gilt: »Wenn pädagogische Fachkräfte Kinder stärken wollen, ein positives Selbstbild von sich zu entwickeln, dann müssen sie deren Eltern wertschätzen und einbeziehen. Das klingt einleuchtend, ist jedoch nicht selbstverständlich.« (vgl. Institut für den Situationsansatz, 2006 S. 13).

Also, Qualität in der Zusammenarbeit mit Eltern – erziehungspartnerschaftlich? Wieder stellen sich Fragen: Wie sprechen wir mit Eltern? Was unternehmen wir zur Senkung von Sprachhindernissen? Welche Eltern sind tatsächlich gemeint, wenn von den Eltern gesprochen wird? Auf Grund welcher Informationen kommen Einschätzungen zur Lebenssituation von Eltern zustande? Werden Eltern eingeladen, über ihre Erziehungsvorstellungen und Lebenspläne zu sprechen? Werden Eltern – wie Kinder und Fachkräfte – mit ihren Stärken wahrgenommen? Gibt es Projekte mit Eltern, die das wechselseitige Kennenlernen fördern und Gelegenheiten für aktives Tun bieten? Diese Fragen lassen sich nicht jenseits von kollegialem Austausch aufwerfen. Und warum werden diese Fragen nicht unmittelbar mit Eltern geklärt: Über Befragungen und Gesprächsrunden oder im Elterncafé gäbe es gute Möglichkeiten, den spekulativen Anteil der Bewertungen und Zuschreibungen zu senken. So könnten nicht nur andere Formen etabliert, sondern auch andere Erfahrungen miteinander gesammelt werden. Beides wären Basisbeiträge im Aufbau von partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Möglich wird es, wo Bereitschaft zum offenen Gespräch und Erkenntnisfreude zusammentreffen.

Bis hier wurde die Aufmerksamkeit nur auf einige – sicherlich wesentliche – Aspekte für Qualität gerichtet. Stellen wir uns nun aber die vielen Aufgaben – die täglich in einer Kindertageseinrichtung erfüllt werden müssen – im Bild eines Patchwork-Teppichs vor. Lassen wir in diesem Bild die Innen- und Außenräume mit ihrer Ästhetik und den Spielmöglichkeiten auftauchen: Wozu laden sie ein? Wenden wir uns dem Stimmengewirr zu: Welche Klangfarben stehen im Vordergrund? Schenken wir dem Essen, seiner Zubereitung und der Gestaltung der Bereiche Aufmerksamkeit, die dem Essen vorbehalten sind: Möchten wir hier gerne mit am Tisch sitzen? Nehmen wir nicht zuletzt zur Kenntnis, wie wir die Intimität im Waschraum, beim Wickeln oder Schlafen empfinden: Möchten wir dort gerne voller Vertrauen Kind sein? Lassen wir das Team nun in Erscheinung treten: Welche räumlichen Bereiche dienen der Regeneration, der Reflexion dem Lernen? Welche Eindrücke hinterlassen Umgangston und Kooperation des Teams auf den unterschiedlichen Bereichen des Patchwork-Teppichs: Wäre das ein toller Arbeitsplatz?

Wenn wir also diesen Patchwork-Teppich auf Qualität untersuchen würden, welche Bereiche könnten spontan aus welchen Gründen mit dem Prädikat »Qualitätsspitze« ausgezeichnet werden?

Literatur

Hüther, Gerald (2016): Mit Freude lernen, ein Leben lang. Göttingen.

Institut für den Situationsansatz/Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2016): Die Zusammenarbeit mit Eltern vorurteilsbewusst gestalten. Leck.

Ergänzende Arbeitshilfen

Merkblatt: Ziele und Inhalte des Entwicklungsgesprächs

Was ist bei einem Elterngespräch über die Entwicklung ihres Kindes wichtig? Inwiefern sollten die Eltern ihre Erwartungen einbringen? Diese Arbeitshilfe fasst die Ziele und Inhalte übersichtlich für Sie zusammen. Dokument herunterladen

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