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Familienzentren: Eine besondere Lösung für die Sozialraumorientierung

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Qualitative Merkmale

Familienzentren sind Ergebnis und Ausdruck einer »innovativen Praxisentwicklung, die auf veränderte familiäre Bedarfe reagierte« (Diller, 2008). Ziel ist eine ausgeweitete Angebotspalette für Eltern und Familien, orientiert an Lebenslagen und Sozialräumen. Die konkrete Ausgestaltung vor Ort ist daher sehr heterogen, was sich in den Bezeichnungen widerspiegelt. Kitaplus, Elternkompetenzzentren, Häuser für Kinder, Familienkita und viele mehr stehen für eine familien- und sozialraumorientierte Pädagogik.

Entscheidende qualitative Elemente von angebotsintegrierenden Zentren hat Diller formuliert:

  1. 1.

    Es sind Angebotssegmente angedockt, die sich einerseits an den Bedürfnissen und dem Bedarf der Menschen im Einzugsgebiet orientieren und andererseits abhängig und abgestimmt auf die bestehenden Angebote vor Ort sind.

  2. 2.

    Verschiedene Angebotssegmente sind in ein Gesamtkonzept integriert, welches die Evaluation und Weiterentwicklung möglich macht.

  3. 3.

    Das Angebot wird durch kooperative Aktivitäten mit anderen Institutionen gestützt. Diese Aktivitäten sind Motoren der Weiterentwicklung der Einrichtung.

  4. 4.

    Die Angebotsstruktur zeichnet sich nicht allein durch eine Öffnung nach außen in den Raum aus, sondern ebenso durch eine Öffnung nach innen im Sinne einer variablen Nutzung von Öffnungszeiten, Altersmischungen, offenen Angeboten etc.

  5. 5.

    Zum Spektrum zählen offene Angebote für Kinder und Familien, die nicht zu den angemeldeten Nutzern gehören und der Vernetzung dienen.

  6. 6.

    Die Gesamteinrichtung ist kommunal bzw. jugendhilfepolitisch verankert und eingebunden in fachpolitische Diskurse.

Diese Prinzipien sind weder als vollständige Aufzählung noch als unabdingbare Voraussetzungen zu werten. Vielmehr sind sie als Zielmarken zu verstehen, die je nach Einrichtung akzentuiert sein können.

Für die Angebotsstruktur bedeuten diese Prinzipien, Angebote auf drei Ebenen vorzuhalten:

  • erstens das Basisangebot zur hochwertigen Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder,

  • zweitens ein Beratungsangebot und Austauschforen für Eltern und Angebote zur Elternbildung und

  • drittens Strukturen der Kooperation mit anderen Akteuren (Diller, 2005).

Organisationsformen

Familienzentren haben keine einheitliche Organisationsform. Sie entwickeln sich aus unterschiedlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen und unterliegen häufig Förderrichtlinien und Vorgaben.

Drei Organisationsformen lassen sich unterscheiden (Diller, 2008):

1. Kindertageseinrichtung plus

Zusätzlich zum Regelangebot der Kindertagesstätte werden aus dem Team heraus begleitende Angebote für Eltern und Kinder bereitgestellt. Familienbildungsangebote, Kursangebote, Sprechstunden von Kooperationspartnern, Teilnahme an Gremien, Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten an andere Institutionen sind hier zu nennen. Das Kindertagesstätten Plus-Modell gehört in vielen Einrichtungen schon lange zum Standardangebot, dessen Ausgestaltung sich an den zur Verfügung stehenden Ressourcen orientiert.

2. Kooperationsmodell

Verschiedene Einrichtungen und Institutionen entwickeln ein gemeinsames Rahmenkonzept, in dem eine Abstimmung der verschiedenen Angebote im Zentrum steht. Jede Einrichtung bleibt in ihren eigenen Strukturen autonom, Schnittstellen werden identifiziert und für die Familien verknüpft. Die Leitidee ist eine Minimalisierung der Zielgruppenüberscheidung durch Abstimmung: statt um die gleichen Familien zu konkurrieren, werden die jeweiligen Stärken verknüpft und eine integrierte Angebotspalette entwickelt. »Familienzentrum« findet in diesem Modell an verschiedenen Orten und mit vielen Akteuren parallel statt.

3. Zentrumsmodell

Der Grundsatz eines Zentrums ist es, möglichst viele ziel- und bereichsübergreifende Angebote für Familien unter einem Dach und in einer Trägerverantwortung zusammenzufassen. In diesem Modell gründen verschiedene Institutionen beispielsweise Vereine, um gemeinsam Ressourcen und Personal einsetzen zu können oder Kommunen und öffentliche Träger übernehmen über Leistungsvereinbarungen die Gesamtsteuerung.

Welches Modell in der Praxis zur Anwendung kommt, ist v.a. von den konkreten Gegebenheiten und Möglichkeiten vor Ort abhängig. Finanzielle Aspekte sind dabei ebenso entscheidend wie Trägerschaften, Gebäude und gewachsene Netzwerkstrukturen. Die Qualität eines Familienzentrums liegt in jedem Fall nicht in einem bestimmten Modell, sondern darin, wie passgenau es sich den Familien und den Bedingungen im Sozialraum darstellt.

Politische und fachliche Relevanz

In der aktuellen fachlichen und politischen Diskussion wird v.a. das KitaPlus-Modell in diversen Bezeichnungen und Ausprägungen favorisiert. Die Kita bietet als selbstverständlicher Ort in der Bildungsbiographie der Kinder und als erste Instanz der außerhäuslichen Betreuung gute Anknüpfungspunkte und Grundlagen. Familien sind grundsätzlich einbezogen und die Kita ist häufig ein Zentrum im Sozialraum – »Familienzentrum« ist folgerichtig. In der Weiterentwicklung von Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen bietet sich über den Begriff »Familienzentren« auch eine Förderstruktur für Länder und Kommunen an, die sich in Projekten niederschlägt. Verschiedene Erlasse in den Ländern lassen finanzielle Ressourcen in die Kitas fließen, Bundesprojekte wie »Qualität vor Ort« ermöglichen fachliche Begleitung im einzelnen Zusammenhang. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass die Finanzierung nur zeitlich befristet ist und in Zusammenhang mit Förderbedingungen steht. Sie ist nicht in Regelstrukturen verankert, was für die Kitas eine Planungs- und Nachhaltigkeitsherausforderung darstellt.

Aus fachlicher Sicht muss noch deutlicher herausgearbeitet werden, wo die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Orientierung nach außen zum Regelkitaauftrag gehören (was relevant für Regelfinanzierungsstrukturen wäre) und ab welcher Angebotsstruktur und Organisation zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stehen müssen. Nicht jede Kita ist Familienzentrum (und muss es nicht sein), und wenn sie es ist, dann sind zusätzliche Ressourcen und eine konzeptionelle Einbettung in die Arbeit vor Ort und die Reflektion des Alltags der Kita erforderlich. Familienzentrum zu werden, ist an dieser Stelle eindeutig eine Trägerentscheidung und eine Frage der Trägeridentität.

Die Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder und Familien und die Kenntnis der Strukturen im Sozialraum sind grundlegende Bausteine zum Gelingen des Auftrags von Kita und auf diesem Hintergrund nicht diskutierbar. Eine Profilschärfung und Konzeptionsveränderung zum Familienzentrum dagegen kostet Ressourcen und fachliche Auseinandersetzung, die gewährleistet und gewollt werden müssen.

Literatur

Diller A. (2008): Angebotserweiterung oder neuer Angebotstyp? In: TPS: Bedarfsgerecht und vernetzt – Familienzentren, Ausgabe 6/2008, S. 8 ff.

Diller A./Riedel, B. (2005): Eltern-Kind-Zentren – die neue Generation kinder- und familienfördernder Institutionen; Grundlagenbericht im Auftrag des BMFSFJ. DJI: München.

Ergänzende Arbeitshilfen

Familienzentrum NRW

Diese Arbeitshilfe gibt Ihnen einen Überblick über die Einrichtung von Familienzentren in NRW. Was sind Familienzentren und welche Werte vertreten diese? Dokument herunterladen

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