Abschnitt: Rahmenbedingungen und Aufgabenschwerpunkte → Sozialraum
 

Sozialraum und Lebenswelt – Was diese Begriffe für Sie bedeuten

fotolia_204592457_s.jpg
© artefacti / Fotolia

Die Orientierung von Kindertagesstätten an den Bedingungen des geografischen, emotionalen und mit Beziehungen gestalteten Raums ist im SGB VIII gesetzlich verankerter Auftrag.

In § 22a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII »Förderung in Kindertageseinrichtungen« steht sowohl der Auftrag zur Zusammenarbeit mit den Familien als auch die der professionellen Akteure vor Ort verbindlich festgeschrieben. Einen besonderen Fokus legt der Gesetzgeber auf den Übergang in die Schule.

Der Gesetzgeber formuliert den Kooperationsauftrag folgendermaßen:

  1. 1.

    mit den Erziehungsberechtigten und Tagespflegepersonen zum Wohl der Kinder und zur Sicherung der Kontinuität des Erziehungsprozesses,

  2. 2.

    mit anderen kinder- und familienbezogenen Institutionen und Initiativen im Gemeinwesen, insbesondere solchen der Familienbildung und -beratung,

  3. 3.

    mit den Schulen, um den Kindern einen guten Übergang in die Schule zu sichern und um die Arbeit mit Schulkindern in Horten und altersgemischten Gruppen zu unterstützen.« (SGB VIII, § 22)

Die Ausrichtung der Kita soll sich dabei sowohl in den pädagogischen Prozessen als auch in Struktur und Angebot an den Bedürfnissen und damit den Lebenswelten und Sozialräumen der Kinder und Familien orientieren. Ausgangspunkt des Planens und Handelns soll immer die Situation der Familien und Kinder in Bezug zum Kitaauftrag und in Bezug der Möglichkeiten und Grenzen im Umfeld sein.

Mit der Debatte um die Unterstützung von Familien mit Kindern zwischen null und drei Jahren (»Frühe Hilfen«) und des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Unter-Dreijährige rückt die sozialräumliche Öffnung der Kindertagesstätten neu in den Fokus. Unter dem Aspekt des präventiven Kinderschutzes geht es um die Wahrnehmung besonderer Belastungen in Familiensystemen und deren frühzeitige Unterstützung. Der Kita kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie ist als Regeleinrichtung neuer Akteur im frühkindlichen Kinderschutz und bietet eine gute Basis, um vertrauensvolle Unterstützungsangebote für Familien machen zu können. Die Basis dafür sind multiprofessionelle Netzwerke.

Blick ins Detail: Definitionen und Begriffsbestimmungen

Sozialraum und Lebenswelt sind in Konzepten häufig nicht definiert und werden sogar synonym oder selektiv verwendet. Um tatsächlich handlungsfähig zu werden und konkrete Instrumentarien verwenden zu können, ist eine Definition aber unerlässlich; sie steckt den Rahmen für eine Orientierung nach außen.

»Sozialraum« wird v.a. in drei Varianten beschrieben (Kobelt Neuhaus/Refle, 2013):

  • Sozialraum als subjektive verwendete Größe, mit der in der Regel ein regional eingrenzbares Gebiet gemeint ist. Die darin lebenden Menschen und die dort ansässigen Einrichtungen nehmen dies als Gebiet ihrer sozialen Beziehungen und der zu erreichenden Infrastruktur wahr

  • Sozialraum als konkretes Wohnumfeld, das sich weiter ausdifferenziert in soziales Zentrum, Nahraum und Peripherie

  • Sozialraum als Verwaltungskonstrukt, mit dem Stadtteile oder Bezirke beschrieben werden

Der Sozialraum ist also eine gewachsene, gelebte Struktur innerhalb geografisch bestimmbarer Grenzen, in denen sich die Interaktions- und Deutungsmuster der Adressaten, professioneller Akteure und Einrichtungen jeweils spezifisch abbilden und der sich daher in den Strukturen von benachbarten Sozialräumen unterscheidet. Sozialräume lassen sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten und beschreiben.

Es gibt zwei Wirkrichtungen zwischen Kindertagesstätte und Sozialraum, sie beeinflussen sich gegenseitig:

  • Der Sozialraum beeinflusst Pädagogik und Angebot durch Rahmenbedingungen wie Traditionen, Bevölkerungszusammensetzung und infrastrukturelle Ausstattung. Die Kita greift auf dessen Ressourcen, Infrastruktur und Netzwerke zu und teilt seine Problematiken.

  • Die Kindertagesstätte wirkt durch öffentliche Veranstaltungen, Kooperationsbeziehungen zu Akteuren im Sozialraum und stadtteilbezogene Projekte in den Sozialraum hinaus. Sie ist Akteur und Mitgestalter des Umfelds und hat Einfluss auf dessen Gegebenheiten und Entwicklung.

Sie stehen funktional in Verbindung zueinander. Der Sozialraum bietet dabei bestimmte Blickwinkel mit Relevanz für die Kita:

Der Sozialraum in seiner Funktion als

Blickwinkel der Betrachtung

Ziel der Kita

Ressourcenraum

Ausstattung mit soziale Einrichtungen und Dienstleistungen in Ausmaß, Qualität, Dichte

Urteil über Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im Raum

Macht- und Entscheidungsraum

Strukturen der Verwaltung/Steuerung aktueller Fragen

Einflussnahme in Entscheidungsprozesse

Kommunikationsraum

Erkundung der Teilhabemöglichkeiten

Bearbeitung sozialer Problemlagen und Ausgrenzungen

Tabelle 1: Funktionen im Sozialraum

Lebenswelt meint im Verhältnis dazu den Gesamtraum der Erfahrungen von Menschen, die sich nicht auf ein konkretes regionales Gebilde zurückführen lässt. Die Orte, an denen Freunde wohnen, Hobbys ausgeübt und Einkäufe erledigt werden, Ausbildungsstätten und Feriendomizile gehören zu den Lebenswelten der Familien. Ebenso Teil der Lebenswelt ist die ökonomische Situation, die Familienkonstellation, Werte und Normen, Herausforderungen und Ressourcen im Familiensystem – die Erfahrungswelt ist von vielen Faktoren geprägt.

Kurz formuliert gilt also: Sozialraum ist der Raum, der mich physisch und konkret umgibt; Lebenswelt ist dagegen mein individuell durch meine Erfahrungen gefüllter Raum.

Die Kita wird Teil der Lebenswelten der Familien und erfährt in der intensiven Zusammenarbeit vieles von dem, was diese bewegt und leitet. Die Familienwerte und Lebensformen bestimmen das Familienhandeln in der Einrichtung und damit deren pädagogische Angebote und Strukturen. Einkommenssituation und soziale Schichten, doppelte Berufstätigkeit und Eltern in prekären Arbeitsverhältnissen, Dorf oder Stadt – eine Kita koppelt sich im Idealfall so an, dass ihre Pädagogik und Organisation anschlussfähig an die Familienwirklichkeiten sind.

Sozialraum

Lebenswelt

Kita

  • beeinflusst die Kita durch Traditionen, Zusammensetzungen der Menschen und infrastrukturelle Ausstattung

  • beeinflusst die Kita durch implizite Regeln, Werte und Normen, pragmatische Notwendigkeiten

  • hat definiere Rahmenbedingungen und klaren Auftrag

  • kooperiert mit anderen

  • Ist präsent für die Öffentlichkeit

Tabelle 2: Abhängigkeit Sozialraum – Lebenswelt – Kita

W. Thiersch formulierte 2005 zum Zusammenhang der beiden Erfahrungsräume: »Moderne Jugendhilfe agiert lebensweltorientiert und versucht Hilfen zur Lebensbewältigung zu geben, in dem sie belastbare und attraktive Sozialräume schafft.«

In jedem Fall ist die Frage nach Sozialraum und Lebenswelt nur im jeweiligen Kitakontext zu beantworten und damit ist auch die Qualität maßgeblich von den gegebenen und erfragten Zusammenhängen abhängig.

Literatur

Kobelt Neuhaus/D., Refle, R. (2008): Inklusive Vernetzung von Kindertageseinrichtung und Sozialraum. Expertise des Weiterbildungsinstituts Frühpädagogische Fachkräfte, München: DJI-Verlag.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zur Vernetzung im Sozialraum

Kitas sind Akteure im Sozialraum. Die Vernetzung mit anderen Institutionen und Personen ist für Sie extrem wichtig. Daher sollten Sie Ihre Haltung zu Kooperations- und Vernetzungsfragen reflektieren und auf dieser Grundlage in Ihrer Konzeption verankern. Dokument herunterladen

Nach oben

Anmelden