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Modellversuche und Projekte – Die Chance für neue Konzepte

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Damit neue Konzepte im Bereich der Kindertageseinrichtungen in der Praxis erprobt werden können, bieten sich Modellversuche und Projekte mit den unterschiedlichsten thematischen Schwerpunkten an, die gemeinsam mit einer mehr oder weniger großen Zahl ausgewählter Einrichtungen durchgeführt werden. Das Land kann dazu den beteiligten Einrichtungen zeitweise zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stellen, wo das notwendig ist. Es sorgt darüber hinaus für eine wissenschaftliche Begleitung, die nicht nur für Input sorgt, Arbeitskreise moderiert, Vernetzungsstrukturen aufbaut und das Geschehen in den Modelleinrichtungen dokumentiert, sondern insbesondere die Frage der Übertragbarkeit der Ergebnisse zu prüfen hat.

Für die beteiligten Einrichtungen bedeutet die Teilnahme manchmal zusätzliche Ressourcen, wenn auch zeitlich befristet, in der Regel aber einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand, der jedoch durch den Gewinn an Fachlichkeit und Professionalität, den die Einrichtung aus diesem Projekt zieht, mehr als aufgewogen werden kann. Das gilt jedoch nur dann, wenn Träger, Leitung und Team gemeinsam die Teilnahme an einem Modellversuch befürworten.

Viele Neuerungen im Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder sind durch Modellprojekte befördert Mein Standortworden. Ein Gegenargument gegen diesen Ansatz war früher, dass die Praxis nicht mehrere Jahre auf die Ergebnisse eines Modellprojekts warten könne und wolle. Deshalb werden inzwischen vielfach auch laufend Zwischenergebnisse veröffentlicht und Fachveranstaltungen durchgeführt, zu denen auch andere Interessierte, nicht nur die Projektbeteiligten, eingeladen werden. Vielleicht noch wirkungsvoller ist der Ansatz vieler Träger, ihre »Modelleinrichtungen« in trägereigene Strukturen wie z.B. Leiterinnen-Arbeitskreise einzubinden und dadurch für eine unmittelbare Verbreitung der Überlegungen, Informationen und Zwischenergebnisse im Projekt zu sorgen.

Projekte eines Landes können an ein Bundesprojekt anschließen. So förderte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von 2011 bis 2015 mit dem Programm »Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration« rund 4.000 Schwerpunkt-Kitas bundesweit. Im Januar 2016 startete der Freistaat Thüringen auf dieser Grundlage ein neues Programm »Sprach-Kitas« mit dem Ziel, das sprachliche Bildungsangebot in den teilnehmenden Einrichtungen systematisch zu verbessern. »Mit dem Konzept der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung wird der Alltag in einer Kindertageseinrichtung in seiner Gesamtheit darauf ausgerichtet, den Spracherwerb anzuregen und zu fördern. In der ersten Förderwelle (2016 bis 2019) werden in Thüringen 103 halbe Stellen für Sprach-Fachkräfte an 88 Kindertageseinrichtungen und acht halbe Stellen Fachberatung finanziert. Derzeit läuft das Antragsverfahren zur zweiten Förderwelle (2017 bis 2020).«

Das Land Brandenburg berät Träger und Einzelpersonen über Möglichkeiten des »Seiteneinstiegs«1 in den Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers auf Landesebene.

Ein Förderprogramm des Landes Baden-Württemberg zeichnet sich dadurch aus, dass die Träger und Einrichtungen im Rahmen des Landesprogramms SPATZ (Sprachförderung für alle Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf) zwischen zwei verschiedenen Zugängen der Sprachbildung wählen können: der intensiven Sprachförderung (ISK) und/oder Singen-Bewegen-Sprechen (S-B-S).

  1. 1.

    Intensive Sprachförderung im Kindergarten (ISK) für Kinder ab 2 Jahren und 7 Monaten bis zum Schuleintritt geschieht mit 120 Stunden jährlich durch eine qualifizierte Sprachförderkraft2. Hinweise zu den beruflichen Handlungsanforderungen an pädagogische Fachkräfte hinsichtlich des Themenkomplexes Sprachbildung, Sprachbegleitung und Sprachförderung enthält die »Gemeinsame Empfehlung des Kultusministeriums, der kommunalen Landesverbände, der kirchlichen und sonstigen freien Kindergartenträgerverbände sowie des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales vom 17.Juni 2013 zur Qualifizierung des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen«

  2. 2.

    »Singen – Bewegen – Sprechen« – kurz »SBS« ist deutschlandweit ein einmaliges, musikalisch basiertes Bildungsangebot zur ganzheitlichen Förderung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Es ist das bisher einzige umfassende musikalische Programm im Elementarbereich zur Umsetzung eines Bildungsplans im frühkindlichen Bereich. Vor allem ist es auch ein effizienter und nachweisbar erfolgreicher Weg zur nachhaltigen Förderung von Kindern im Vorschulalter, die besonderen Sprachförderbedarf haben. »Singen – Bewegen – Sprechen« bietet, dank der Übernahme der Kosten für das musikpädagogische Fachpersonal durch das Land, ein flächendeckendes ganzheitliches Förderangebot, das Kindern mit zusätzlichem Sprachförderbedarf ab dem ersten Kindergartenjahr zur Verfügung steht.

Zu Modellprojekten evel1="Modellprojekt können sich auch mehrere Bundesländer zusammenschließen: Das Projekt »Partizipation leben in Kindergarten und Grundschule« (2007-2010) in Brandenburg und Thüringen verfolgte das Ziel, kindgerechte Formen sozialer Partizipation in der Phase des Übergangs von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule zu fördern und die aktive Beteiligung von Kindern an demokratischen Entscheidungsprozessen zu erhöhen. Im Zentrum der Projektarbeit standen die Perspektiven der Vorschul- und Grundschulkinder, vor allem die selbst wahrgenommenen Mitwirkungsmöglichkeiten in Kita oder Grundschule.

Alle erhobenen Daten wurden den projektbeteiligten Kitas und Grundschulen in einem Einrichtungsreport zurückgemeldet, so dass die kindlichen und elterlichen Einschätzungen schnell und angemessen im pädagogischen Alltag Berücksichtigung finden konnten. Unterstützend bot das Projektteam Inhouse-Seminare an. Diese themenspezifischen Fortbildungsangebote waren zum einen auf die Ausgangslagen (Einrichtungsreport) der jeweiligen Einrichtungsteams zugeschnitten. Zum anderen wurden allgemeine Themenbereiche wie »Partizipation« oder »Übergang Kindertageseinrichtung – Schule« sowie ihre Implikationen für den Berufsalltag diskutiert. Teilweise waren die Fortbildungsangebote als gemeinsame Veranstaltungen für Erzieherinnen und Lehrerinnen konzipiert.

Bundesländer nutzen auch Möglichkeiten, durch die Nutzung von EU-Mitteln ihren Tageseinrichtungen zusätzliche Ressourcen zu erschließen. So nutzt der Freistaat Sachsen Fördermittel des Europäischen Sozialfonds für Maßnahmen für Kinder mit besonderen Lern- und Lebenserschwernissen:

»Ziel der Vorhaben ist es, diese benachteiligten Kinder durch die Förderung des zusätzlichen Personals in den ausgewählten Kindertageseinrichtungen bei der Überwindung ihrer individuellen Lern-, Leistungs- und Entwicklungsbeeinträchtigungen zu unterstützen und dadurch gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Die Kinder sollen durch systematische professionelle Begleitung in der kindlichen Entwicklung gestärkt werden beziehungsweise geeignete Bewältigungsstrategien erlernen, damit sie die Erschwernisse überwinden und somit ihren weiteren Bildungsweg erfolgreich gestalten können. Neben den unmittelbar in den Fokus genommenen Kindern profitieren letztendlich alle Kinder dieser Kindertageseinrichtung.«

Für die Teilnahme an solchen Förderprogrammen gilt häufig ein Prinzip, das in Amtsstuben als »Windhundprinzip« geläufig ist: Wer sich zuerst meldet, hat gute Chancen, den Zuschlag zu erhalten. Deshalb gilt einerseits der Appell an die Geldgeber, für faire Vorlaufzeiten und eine flächendeckende Information zu sorgen3, andererseits die Aufforderung an Träger, Fachberatung und Einrichtungen, die »Ohren offen« zu halten.

Fördermittel sind nicht nur zeitlich befristet, sondern reichen in der Regel auch nicht für alle Interessierten aus. (Bei Modellversuchen ergibt sich die Teilnahmebeschränkung aus dem Versuchscharakter.) Häufig allerdings wird ein bestimmter inhaltlicher Schwerpunkt nicht für alle Einrichtungen gleichermaßen virulent sein.

Die Teilnahme an Modellprojekten bedeutet für eine beteiligte Einrichtung zwar immer eine zusätzliche Belastung, kann aber die die Motivation und das fachliche Selbstverständnis der Fachkräfte und die Qualität der Arbeit nicht nur in Bezug auf das Projektthema, sondern auch darüber hinaus steigern. Die zeitliche Befristung kann jedoch auch zwei unerwünschte Effekte haben:

  • Wenn durch das Projekt zusätzliche Ressourcen (personell und/oder finanziell) in die Einrichtung kommen, kann sich dies zunächst sehr positiv auswirken. Es kann aber einen deutlichen Motivationseinbruch bedeuten, wenn sie nach seiner Beendigung wieder wegfallen.

  • Dasselbe gilt für den Fall, dass eine Einrichtung mit der Teilnahme am Projekt Selbstverpflichtungen eingeht, die anfangs vielleicht erfüllbar, auf die Dauer aber nicht durchzuhalten sind.

Jeder Träger, jede Leitung sollte also das Verhältnis von Chancen und Risiken sorgsam und ohne Euphorie prüfen, bevor die Entscheidung für oder gegen die angebotene Teilnahme an einem Projekt fällt.

Projekte richten sich verständlicherweise meistens auf die Bewältigung neuer Herausforderungen. Ein aktuelles Beispiel ist die Förderung von Kindern mit Fluchterfahrung:

Das Integrationsprogramm »WillkommensKITAs« in Sachsen wendet sich an »Kitas mit mindestens einem Kind aus einer asylsuchenden Familie im ländlichen Raum. Dort gibt es in der Regel weniger etablierte Unterstützungs-Angebote für die Integration von Asylbewerbern.« WillkommensKITAs sollen »interkulturelle Orte sein, an denen Kinder aus asylsuchenden Familien willkommen sind und sich wohlfühlen. Teilnehmende Pädagoginnen und Pädagogen bauen ein lokales Unterstützungs-Netzwerk mit Experten auf, um den Integrationsprozess vor Ort zu gestalten.)

Eine ähnliche, aber nicht identische Zielsetzung verfolgt ein gleichnamiges Programm in Sachsen-Anhalt, das vom Land gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) seit 2015 durchgeführt wird: Insgesamt »26 Kindertageseinrichtungen werden dabei unterstützt, sich zu Orten zu entwickeln, an denen Kinder aller Kulturen und ihre Familien sich sicher und willkommen fühlen.«4

Das Land Niedersachsen startete im Jahr 2016 die Qualifizierungsinitiative »Vielfalt fördert! Vielfalt fordert! Kinder und ihre Familien mit Fluchterfahrung in der Kindertagesbetreuung« Dieses Projekt ist typisch für eine Vorgehensweise, die sich gerade für große Flächenländer anbietet: Um letztlich alle Einrichtungen zu erreichen, werden einerseits Regionalkonferenzen eingerichtet, andererseits werden zunächst Multiplikatoren und Multiplikatorinnen und Fortbildungsreferenten und -referentinnen qualifiziert, die dann ihrerseits für die weitere Verbreitung vor Ort, zum Beispiel in Leiterinnenkonferenzen eines Trägers oder kommunalen Arbeitskreisen, zuständig sind. Den Trägern und Einrichtungen wird eine Liste der verfügbaren Multiplikatoren und Multiplikatorinnen zur Verfügung gestellt.5

Eine Variante dieser Strategie besteht darin, landesweit ein Beratungsnetz zu bestimmten Fragestellungen aufzubauen. So fördert das Land Schleswig-Holstein einen professionellen Umgang mit Traumata in einem Projekt »Traumapädagogik in Kindertagesstätten und Familienzentren (TiK-SH)« mit regionalen Ansprechpartnern, die über das Land verteilt und bei unterschiedlichen Jugendhilfe- bzw. Fortbildungsträgern angesiedelt für Beratung, Fortbildung und Supervision zur Verfügung stehen.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zur Vernetzung im Sozialraum

Kitas sind Akteure im Sozialraum. Die Vernetzung mit anderen Institutionen und Personen ist für Sie extrem wichtig. Daher sollten Sie Ihre Haltung zu Kooperations- und Vernetzungsfragen reflektieren und auf dieser Grundlage in Ihrer Konzeption verankern. Dokument herunterladen


Eine durch das Land gesteuerte Zusatzqualifizierung hat auch Rheinland-Pfalz. In einer Rahmenvereinbarung haben sich alle Träger in diesem Bundesland auf ein gemeinsam getragenes »Kompetenzprofil der Sprachförderkraft« geeinigt, welches die Grundlage für den Orientierungsrahmen zur »Qualifizierung von Sprachförderkräften in Rheinland-Pfalz« bildet, nach dem sich alle Anbieter zu richten haben, die eine entsprechende Weiterqualifizierung anbieten und Zertifikate vergeben (https://lsjv.rlp.de/fileadmin/lsjv/Dateien/Aufgaben/Kinder_Jugend_Familie/Materialien_Sonstige/Kita_Rahmenvereinbarung_Sprachfoerderung.pdf).


So informiert z.B. Bremen nicht nur über Fortbildungsangebote zu bestimmten Themen (z.B. zum Bildungsbereich »Sprache« oder »Natur, Umwelt und Technik«), sondern auf derselben Website auch über entsprechende Projekte: https://www.bildung.bremen.de/fruehkindliche_bildung-149554?id=149554&.


Um diesem Ziel näher zu kommen, sind auch grundsätzliche Informationen über das Bildungssystem des jeweiligen Bundeslandes wichtig. Solche Informationen speziell für Zuwanderer, finden sich z.B. für das Saarland auf https://willkommen.saarland/bildung/kita-schule/.


Weitere Informationen zur Multiplikatorenschulung sowie eine Übersicht der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren finden Sie unter: http://www.aewb-nds.de/themen/fruehkindliche-bildung/qualifizierungsinitiative-vielfalt-foerdert-vielfalt-fordert/.


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