Abschnitt: Qualitätsmanagement als Entwicklungsprozess → Ständiger Weiterentwicklungsprozess
 

Qualität vor Quantität

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Was eine Krippe oder eine Kita bewirkt, hängt auch von Konzepten und pädagogischen beziehungsweise zwischenmenschlichen Prozessen ab. Mindestens ebenso wichtig sind aber ausreichende Rahmenbedingungen: Ein guter Erzieher/in-Kind-Schlüssel, kleine Gruppen, eine hohe Qualifikation des Personals – diese drei Faktoren bilden nach Deborah Phillips das »eiserne Dreieck der Strukturqualität«. Den fachlich notwendigen Personalschlüssel hat leider kein Bundesland vorzuweisen, besonders bei Kindern unter drei Jahren. Wir müssen also nach der Phase des erheblichen quantitativen Ausbaus jetzt dringend für mehr Qualität sorgen!

Gute Qualität gibt es also nicht zum Nulltarif, aber Qualität zahlt sich aus. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Heckman hat Modellrechnungen vorgelegt, die zeigen, dass die frühkindliche Bildung ein deutlich größeres Präventions- und Förderpotenzial hat als alle Bemühungen in späteren Lebensjahren. Ausgaben für frühkindliche Bildung und Förderung sind Investitionen, die sich – auch rein ökonomisch gesehen – mehrfach auszahlen, denn sie verbessern die Qualität der fundamentalen Bildungsprozesse und sie helfen, ungleiche Chancen auszugleichen.

»Dass alle Akteure in einer Kindertageseinrichtung Pflichten haben, ist klar. Aber sie haben auch Rechte beim Umgang mit Qualitätsfragen:

Die Fachkraft hat das Recht,

  • nicht mit anderen verglichen zu werden,

  • nicht durch Perfektionsansprüche mut- und kraftlos gemacht zu werden, (Jede/r hat das Recht auf bestimmte Fehler. Dass manche Dinge, insbesondere im Umgang mit den Kindern, definitiv nicht passieren dürfen, ist auch klar.)

  • Unterstützungs- und Beratungsbedarf zu formulieren, ohne dass ihr das als Schwäche ausgelegt wird,

  • ständig und hochwertig weiterqualifiziert zu werden,

  • nicht mit Anforderungen konfrontiert zu werden, die sie aufgrund mangelhafter Rahmenbedingungen nicht erfüllen kann,

  • dass Evaluationsergebnisse mit ihr besprochen und nicht zur Personalbeurteilung herangezogen werden,

  • dass nicht alles Mögliche im Team besprochen und breitgetreten wird.

Das Team der Einrichtung hat das Recht,

  • nicht mit anderen Teams beziehungsweise Einrichtungen verglichen zu werden,

  • mit zu entscheiden, welche Maßnahmen des Qualitätsmanagements in der Einrichtung wann durchgeführt werden,

  • bei Evaluationen die eigene Sichtweise einzubringen und zu dokumentieren,

  • selbst den notwendigen Handlungsbedarf zur qualitativen Weiterentwicklung der Einrichtung zu formulieren und in Zielvereinbarungen einzubringen,

  • an der Formulierung von Qualifikationsprofilen bei Neubesetzungen mitzuwirken (welche Qualifikationen brauchen wir, um als Team noch besser zu werden?),

  • supervidiert beziehungsweise gecoacht zu werden, wenn es das für notwendig erachtet.

Die Leitung der Einrichtung hat das Recht,

  • für die vielfältigen und für die Qualität einer Einrichtung unverzichtbaren originären Leitungsaufgaben qualifiziert und zu deren Erfüllung (in der Regel vollständig) von der Leitung einer eigenen Gruppe freigestellt zu werden,

  • im Evaluationsprozess durch eine externe Moderation entlastet zu werden, wenn sie das wünscht,

  • im Entwicklungsprozess durch Fachberatung intensiv und individuell begleitet und beraten zu werden.

Der Träger der Einrichtung hat das Recht,

  • bei der Festlegung der konzeptionellen Schwerpunkte und der Angebotsstruktur (zum Beispiel Öffnungszeiten, Gruppenzusammensetzung) im Rahmen des SGB VIII weitgehend autonom handeln zu können,

  • bei der Umsetzung von Entscheidungen beziehungsweise veränderten rechtlichen Vorgaben eine angemessene Reaktionszeit zu haben, die Schnellschüsse verhindert.

Alle zusammen haben das Recht,

  • sich für oder gegen bestimmte Formen der Evaluation oder des Qualitätsmanagements entscheiden beziehungsweise zwischen mehreren auswählen zu können,

  • an Qualitätsmaßstäben gemessen zu werden, die für die jeweilige Einrichtung realistisch und angesichts des spezifischen sozialräumlichen Umfelds angemessen sind,

  • nicht durch Dokumentationsarbeit und in immer kürzeren Zeitabständen abzuliefernde Statistiken von der eigentlich wichtigen Arbeit abgehalten zu werden. Eine Dokumentation der wichtigsten Dinge ist notwendig. Aber sie kann ausufern und kontraproduktiv werden, wenn damit eine Kultur des Misstrauens verbunden ist.« (Strätz, 2014)

Das bedeutet: Qualität hat immer auch eine Meta-Ebene: Wenn Evaluationsverfahren zur Qualität beitragen sollen, dann müssen sie selbst gewissen Qualitätsstandards genügen (Merchel, 2003). Wenn Bildungspläne etwas bewegen sollen, muss das kritisch überprüft werden, und zudem müssen sie selbst auch evaluiert werden. Wenn Fachberatung ein wirksames Instrument der Qualitätsentwicklung sein soll, dann braucht sie selbst entsprechende Qualitätsstandards und strukturelle Rahmenbedingungen (Preissing/Berry/Gerszononwicz, 2015).

  • »Bei Auswahl von Verfahren und Methoden zur Qualitätsentwicklung in einer Einrichtung scheinen solche besonders angemessen, …

  • die die Mitarbeiter in das gesamte Verfahren von der Definition der Qualitätskriterien bis hin zur Auswertung von Qualitätserhebungen einbeziehen (Mitarbeiterpartizipation),

  • die ein flexibles, prozessorientiertes Vorgehen ermöglichen (Prozessorientierung)

  • die den Versuch machen, die Adressatenperspektive in die Qualitätsbewertung einzubeziehen (Adressatenorientierung),

  • die im Alltag der Einrichtung ohne größeren Aufwand eingesetzt werden können (Praktikabilität),

  • die im Grundsatz alle drei Dimensionen (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität) in den Prozess der Qualitätsentwicklung einbeziehen (thematische Breite),

  • die dialogischen Formen der Qualitätsbewertung in den Mittelpunkt stellen und damit das (individuelle und organisationale) Lernen (und nicht primär die Kontrolle) zum zentralen Motivationspunkt für Qualitätsentwicklung machen (Dialogorientierung),

  • die in ein träger- bzw. einrichtungsübergreifendes Verfahren zur Qualitätsentwicklung einmünden (fachpolitische und sozialpolitische Wirkungsabsicht),

  • die in ihrem Vokabular und in ihrer Grundkonzeption erkennen lassen, dass es sich um spezifische sozialpädagogische Aufgaben handelt (Integration von Form und Inhalt),

  • bei denen die Akteure über die strukturelle Begrenztheit ihres Vorgehens (Komplexitätsreduktion) bewusst sind und reflektiert mit der Anforderung des Messens von Qualität umgehen (reflektierte Anspruchshaltung bzw. Steuerungserwartung).« (Merchel, 2003)

Literatur

Strätz, Rainer (2014): Und die Praxis? Zur Qualität des Umgangs mit den Akteuren vor Ort. In: Welt des Kindes Heft 6, S. 22–24.

Merchel, Joachim (2003): Zum Stand der Diskussion über Effizienz und Qualität in der Produktion sozialer Dienstleistungen. In: Möller, Michael (Hrsg.): Effektivität und Qualität sozialer Dienstleistungen. Ein Diskussionsbeitrag. Kassel, S. 4–25. URL: http://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-022-8.volltext.frei.pdf.

Preissing, Christa/Berry, Gabriele/Gerszonowicz, Eveline (2015): Fachberatung im System der Kindertagesbetreuung. In: Viernickel, Susanne et al. (Hrsg.): Qualität für alle. Wissenschaftlich begründete Standards für die Kindertagesbetreuung. Freiburg im Breisgau, S. 253–315.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zum Qualitätsmanagement

Es ist wichtig, sich im Rahmen der Konzeptions(weiter)entwicklung regelmäßig mit Fragen des Qualitätsmanagements auseinanderzusetzen. Der Fragenkatalog dieser Arbeitshilfe gibt dazu Anregungen zur Reflexion. Dokument herunterladen

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