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Auch Erziehung braucht Qualitätsmanagement

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Das Wort »Management« hat im pädagogischen Raum traditionell einen schlechten Ruf; weil es einerseits mit »Bürokratie«, andererseits mit »schematischem Verhalten« assoziiert wird. Im pädagogischen Raum herrscht vielfach noch die Auffassung beziehungsweise Hoffnung vor, dass gute Dinge schon »von selbst« laufen. Allerdings zeigt die Erfahrung immer wieder, dass Planungen, Konzepte oder Projekte oft nicht an unrealistischen Zielsetzungen oder an fachlichen Mängeln scheitern, sondern an schlichten organisatorischen Unzulänglichkeiten. Klare Vereinbarungen und strukturierte Abläufe, wie sie das Qualitätsmanagement vorsieht, vermindern auch in pädagogischen Berufen Stress und kommen der Qualität der Arbeit zugute. Dafür, und den damit zwangsläufig verbundenen Aufwand auf sich zu nehmen, gibt es vier Gründe:

1. »Nichts ist so gut, als dass es nicht verbessert werden könnte.«

Das japanische Wort »Kaizen«, wörtlich übersetzt »Veränderung zum Besseren«, meint die schrittweise, punktuelle Optimierung eines Prozesses. Gemäß der Philosophie des Kaizen führt nicht die sprunghafte Veränderung durch plötzliche Innovation zum Erfolg, sondern die Schritt für Schritt erfolgende Perfektionierung des Bewährten. Das heißt für pädagogische Institutionen beziehungsweise Fachkräfte: Auch im Alltäglichen, Gewohnten, scheinbar »Selbstverständlichen« gibt es nichts, was nicht verbessert werden könnte. Alle Beteiligten müssen davon ausgehen, dass nichts von Anfang an perfekt ist, und dass diese Tatsache nicht »ehrenrührig« ist. Fehler gehören dazu und geben die Gelegenheit, daraus zu lernen.

Umgekehrt bringt jede/r Erzieher/in seine/ihre in der Ausbildung und der eigenen Praxis erworbenen fachlichen Kompetenzen mit, keine Einrichtung fängt »bei null« an. Im Qualitätsmanagement darf also nicht nur nach »Fehlern« gesucht werden; mindestens ebenso wichtig ist es, den bereits erreichten fachlichen Stand festzuhalten und zu würdigen.

Zum Verständnis der schrittweisen Verbesserung gehört auch, dass Qualität Zeit braucht. Wer versucht, innerhalb von 14 Tagen die perfekte Einrichtung oder Fachkraft zu werden, wird scheitern. Auch wer sich zu viel auf einmal vornimmt, wird scheitern: bei den angestrebten Veränderungen müssen Prioritäten gesetzt werden. Diese Prioritäten sind von Fall zu Fall unterschiedlich, denn:

2. »Was hier richtig ist, kann dort falsch sein.«

Zwar gibt es einen umfassenden Bildungs- und Erziehungsauftrag, der gleichermaßen für alle Kinder gilt, jedes Kind ist jedoch ein Individuum; wo das eine ermutigt werden muss, sollte das andere davor bewahrt werden, sich zu viel auf einmal vorzunehmen. Deshalb besteht die Qualität im pädagogischen Bereich nicht darin, in jedem Fall dasselbe zu tun, sondern das im jeweiligen Fall Beste. Deshalb braucht kein/e Erzieher/in zu befürchten, dass ein gut gehandhabtes Qualitätsmanagement sie/ihn zu schematischem Verhalten verpflichten wird.

Auch jede/r Erzieher/in ist anders; ein bestimmtes Verhalten, das bei der/dem einen authentisch ist, würde bei der/dem anderen gekünstelt und unglaubwürdig wirken. Das schließt nicht aus, dass es bestimmte Verhaltensweisen gibt, die auf keinen Fall zugelassen werden können.

Es ist das Privileg einer pädagogischen Fachkraft, immer etwas Neues auszuprobieren zu können, sich nicht nach strikten didaktischen Vorgaben richten zu müssen1. Aus dieser Freiheit speist sich übrigens zum großen Teil die Zufriedenheit vieler sozialpädagogischer Fachkräfte mit ihrem Beruf. Eine Didaktik, die mit Planungen anfängt, wird leicht schematisch. Eine kreative Didaktik ergibt sich aus Fragen wie: »Warum eigentlich nicht?« oder »Warum nicht mal ganz anders?« (Strätz, 2014) Ein gutes Qualitätsmanagement darf diese didaktischen Freiheiten nicht unterdrücken, sondern muss sie fördern.

Jedes Team ist unterschiedlich und es wäre fahrlässig, die jeweiligen Stärken in einem bestimmten Team nicht zur Geltung zu bringen. Es ist allerdings notwendig, Wege zu finden, wie eventuelle Kompetenzschwächen innerhalb eines Teams, zum Beispiel in bestimmten Bildungsbereichen, ergänzt werden können.

Dasselbe gilt für die unterschiedlichen räumlichen Möglichkeiten in der Einrichtung, im Außengelände und in der Umgebung. Von einer Einrichtung mit sehr beschränkten räumlichen Möglichkeiten kann nicht dasselbe erwartet werden wie von einer großzügig ausgestatteten.

Das pädagogische Konzept einer Einrichtung muss schließlich den unterschiedlichen Gegebenheiten im jeweiligen Sozialraum gerecht werden. Eine Einrichtung in einem sozialen Brennpunkt wird sich andere Ziele, zumindest andere Schwerpunkte setzen müssen als eine Einrichtung in einem »gutbürgerlichen« Wohnviertel. Deshalb besteht die Qualität im Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder nicht darin, dass alle Einrichtungen dasselbe tun, sondern darin, dass jede (im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und der konzeptionellen Vorgaben des Trägers) die angemessenen Schwerpunkte setzt.

Literatur

Strätz, Rainer (2014): Warum nicht mal ganz anders? Elementardidaktik als kreative Kunst und zugleich systematischer Prozess. In: Welt des Kindes, Heft 5, S. 15–19.

Ergänzende Arbeitshilfen

Übersicht: Aspekte der pädagogischen Qualität in einer Tageseinrichtung für Kinder

Die Übersicht zeigt Aspekte der pädagogischen Qualität im Hinblick auf deren Struktur-, Prozess- und Konzeptqualität. Orientieren Sie sich in Ihrem Qualitätsmanagement an dieser Einteilung, um das QM zu strukturieren. Dokument herunterladen

Das Internet hat längst eine hohe Bedeutung bekommen: Noch nie hatten eine Fachkraft oder eine Einrichtungsleitung so viele Möglichkeiten, sich (durch die Nutzung verlässlicher Quellen) schnell und umfassend über aktuelle Entwicklungen und Themen zu informieren und fachlich interessante Dokumente herunterzuladen. Das kann allerdings die persönliche Beratung und den kollegialen Austausch nicht ersetzen, zumal die Übertragung auf die spezifische Situation in der eigenen Einrichtung geleistet werden muss.


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