Abschnitt: Akteure im Qualitätsmanagement → Die Kinder
 

Befragen Sie Kinder – strukturiert

fotolia_34650614_bunte_haende.jpg
© Tanja / Fotolia

Klauer u.a. (2006) stellen fest, dass vor allem die Drei- und Vierjährigen1 in ihrer Verbalisierungsfähigkeit noch eingeschränkt sind (auch Sturzbecher u.a., 2001, Sommer-Himmel u.a., 2016). Wenn aber bei Setting und Fragestellungen die entwicklungsspezifischen Voraussetzungen berücksichtigt werden (kognitiv, sprachlich), so sind Kinder im Vergleich zu Erwachsenen »kaum unzuverlässigere Informanten. Allerdings neigen sie stärker dazu, Antworten zu geben, die sie für sozial erwünscht erachten.« (Klauer u.a., 2006, Haucke, 2002) Darüber hinaus sehen es die Autoren als absolut notwendig an, dass die ausgewählten Kinder freiwillig an Befragungen teilnehmen.

Kindgemäße Ausdrucksweisen, kurze Sätze, konkrete Formulierungen und aufeinander aufbauende Fragen – nach diesen sprachlichen Kriterien sollen Fragen an Kinder aufbereitet sein. Fragen nach dem »Warum«, nach Zeiträumen und Entfernungen gilt es zu vermeiden (Klauer u.a., 2006). Geschlossene Fragen (»Entscheidungsfragen«) bringen für Kinder eine geringere Komplexität mit (Sturzbecher u.a., 2001). Fragen, die ein Kind nicht verstanden hat, sollen neu formuliert werden. Heikle Fragen, etwa solche nach Beziehungen, werden wenn überhaupt) erst am Ende der Befragung gestellt, um den Verlauf des Gespräches möglichst wenig zu beeinflussen. Alle genannten Autoren beschreiben, dass konkrete Sachverhalte aus dem Leben des Kindes sowohl bei offenen als auch bei geschlossenen Fragen die Antwortmöglichkeiten der Kinder entscheidend erleichtern.

Besonders hohe Anforderungen stellen Klauer u.a. an die Befragenden (Interviewer, Diskussionsleiter) und deren empathische Haltung. Sie gestalten die Gesprächsbedingungen maßgeblich mit und haben deutlichen Einfluss auf die Motivation der Kinder. Die Befragung soll in gewohnter Umgebung sowie in natürlicher, sanktionsfreier Atmosphäre und mit vertrauten Personen stattfinden. Haucke (2002) empfiehlt, dass Erzieher/-innen und Interviewer/-innen sich in einem gemeinsamen Gespräch auf die Befragung und ihre methodischen und organisatorischen Aspekte vorbereiten. Bei Verfahren, die singulär entwickelte Instrumente enthalten (z.B. Sturzbecher u.a., 2001; Sommer-Himmel u.a., 2016), werden Interviewer-Schulungen als notwendig gesehen.

Besondere Aufmerksamkeit geben Haucke (2002), Mey (2003), Roux (2002), Sommer-Himmel u.a. (2016), Sturzbecher u.a. (2001) der Thematik, wie die Kinder zum Gesprächseinstieg auf die anstehende Befragungssituation vorbereitet werden können. Als günstige Bedingungen werden vor allem eine ausreichend lange Aufwärmphase sowie Vertrauen stiftende, sehr leicht zu beantwortende Einstiegsfragen gesehen. Sommer-Himmel u.a. (2016) empfehlen weiterhin, zu Beginn von Einzelinterviews dem Kind zu verdeutlichen, dass es das Gespräch jederzeit abbrechen kann.

Mey (2003) untersucht unter anderem die Befragungsformen »Interview« und »Gruppendiskussion« auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hinsichtlich ihrer Anwendung in der Kindheitsforschung. Uns interessiert hier insbesondere die Anwendung dieser Instrumente bei der Informationsgewinnung in der Kindergartengruppe. Der Autor unterscheidet zwischen unterschiedlich deutlich standardisierten Formen des Interviews: den »Leitfadeninterviews«, die teilweise stark strukturiert sind, und den »narrativen Interviews«, in denen es darum geht die Sicht des Befragten ohne jede Vorstrukturierung durch Interviewende zu dokumentieren. Innerhalb der Kindheitsforschung bestehe weitgehend Konsens darüber, »dass Kinder, insbesondere jüngere, nicht über die narrative Kompetenz verfügen, die notwendig wäre, um ausführlich und detailliert über Sachverhalte zu berichten und ihre Antworten als Erzählungen im Sinne der Erwachsenen zu organisieren. »Fokussierte« Interviews seien eher ein Garant für auskunftsfähige Kinder. Dabei verweist Mey auf ähnliche Rahmenbedingungen für Interviews wie Klauer u.a. 2006: Ein ungestörtes Gespräch an vertrautem Ort, Gesprächspausen, eine ermutigende, geduldige, abwartende Grundhaltung des Befragenden. Auch empfiehlt er Erzählhilfen und/oder Erzählanreize; Klauer sieht dafür z.B. »Schlüsselbilder« vor, welche die Befragungsinhalte kindgerecht visualisieren.

Der Einsatz ergänzender Materialien wie z.B. im »Puppenspielinterview« wird besonders für die Befragung bei jüngeren Kindern empfohlen. Auch die Integration anderer Alltagsbezüge, so etwa ergänzende Zeichnungen zu den Erzählungen, kann Kindern die die Antwort erleichtern. Weniger alltagsbezogen, aber für bestimmte Fragerichtungen besonders brauchbar ist der Einsatz von Videogeräten. Wenn Kinder einen »Videostreifzug« mit Erwachsenen durch ihre Lernumwelt Kindertageseinrichtung unternehmen, so kann das sehr konkrete Informationen darüber mit sich bringen, was Kinder unter der Qualität ihrer Lebenssituation verstehen. Es ist ein einprägsames Erlebnis, wenn Erwachsene und Kinder gemeinsam ein solches Video anschauen, in dem z.B. die Kugelbahn auftaucht; und wenn man dann gemeinsam feststellt: Die dazugehörigen Kugeln liegen nicht in der Auffangschale. Und eigentlich wissen alle: Die Kugeln stecken normalerweise in der Hosentasche der Erzieherin, weil »sie sonst verloren gehen«.

Die Frage, Kinder welchen Alters erfolgreich, d.h. ohne Verfälschung der Ergebnisse befragt werden können, ist nicht eindeutig geklärt. Es scheint sich aber eine entwicklungspsychologisch geprägte Sichtweise durchzusetzen, welche die dem Kind zumutbaren Erhebungsmethoden seinen altersabhängigen Kompetenzen im personellen, kognitiven und sprachlichen Bereich zuordnet. Der Eindruck ist naheliegend: »Je jünger die Kinder, desto kritischer wird der Erfolg eine Befragung eingeschätzt.« (Roux, 2002) Perspektiven zur Durchführung von Interviews mit jüngeren Kindern diskutiert sehr ausführlich Deinert (2010).

Gruppendiskussionen setzen, deutlicher noch als Interviews, kommunikative Fertigkeiten der Teilnehmenden voraus und sind daher eher für Fünf- und Sechsjährige geeignet. Andererseits ist das zum kindlichen Alltag gehörende Setting des Kreisgespräches (»Stuhlkreis«) auch in Verbindung mit bestimmten Grundhaltungen der Gesprächsführung ein stabilisierendes Moment für die Teilnehmenden. Mey fordert, die Gruppengröße auf maximal zehn Kinder zu begrenzen und empfiehlt, solche Gruppendiskussionen in »Realgruppen« durchzuführen, also in Gruppen, die unabhängig von der Untersuchung existieren; dies unterstütze die Vertrautheit der Atmosphäre. Haucke (2002) schlägt für die Gruppendiskussion eine maximale Teilnehmerzahl von acht Kindern vor, die in einem Verfahren »ohne Verlierer« aus den verschiedenen Gruppen der Einrichtung ausgewählt werden.

Auch bei der Untersuchungsmethode »Gruppendiskussion« sollen das Thema des Gespräches und der Gesprächseinstieg an den Alltagserfahrungen der Kinder anknüpfen. »Ebenso sollte den Kindern durch eine (zurückhaltende) Diskussionsführung ermöglicht werden, ihre eigenen thematischen Schwerpunkte zu setzen. Gelingt dies, so erlauben Gruppendiskussionen Einblicke in die jeweiligen Kinderkulturen und eine Beschreibung von Kinderwelten ›von innen‹ her.« (Mey, 2003) So berichtet z.B. Haucke (2002) von kindlichen Antworten in verschiedenen Gruppendiskussionen, z.B.:

  • »Die Kindergärtnerinnen sollen uns nicht anschreien, wenn wir böse sind, dass wir auf den Flur müssen.

  • »Mich stört, dass man immer so lange basteln muss.«

Natürlich beziehen sich Beschreibungen der Kinderwelten ›von innen her‹ nicht immer auf Belastungen der Kinder. Aber wenn dies, wie im Beispiel, der Fall ist, wird die/der Interviewer/in solche Beiträge ernsthaft aufnehmen und dem Kind, je nach Situation, evtl. auch ein Angebot machen, etwa: Möchtest Du darüber weiter mit mir reden, wenn die anderen nicht zuhören?

Die hier gesammelten Bedingungen für die Befragung von Kindern entscheiden mit über die Glaubwürdigkeit von Befragungsergebnissen. Will man in strukturierten Interviews oder Gruppendiskussionen etwas erfahren darüber, wie Kinder ihren Kindergartenalltag sehen, so gilt es, diese Kriterien zu berücksichtigen. Gleichzeitig erlauben die im Folgenden zusammengefassten Aspekte eine strukturierte Ansicht der in der Literatur geschilderten Befragungen von Kindern: Das Alter der befragten Kinder und deren Freiwilligkeit spielen eine entscheidende Rolle für die Authentizität der Aussagen. Die Umgebung der Befragung, die Gruppengröße sowie die Warmup-Situation können die Kinder deutlich zu ihrer ernst zu nehmenden Mitwirkung ermutigen. Die Befragungsmethode und der Fragentyp bestimmen mit, ob und welche Erzähl- und Antworthilfen notwendig sind und haben Einfluss auf Befragungsaufwand und Befragungsdauer. Und schließlich gelten die Professionalität des Befragenden und die Balance zwischen Vertrautheit und Distanz zu den zu Befragenden als Garant für die Brauchbarkeit der Befragungsergebnisse.

Die oben genannte Ermutigung zur Mitwirkung – dies ist ein Effekt, der weit über Befragungen hinausgeht. Kinder gewöhnen sich daran, aus Interesse an ihrer Meinung gefragt zu werden und ernsthaft zu antworten. Wer Kindern Gehör schenkt, kann damit rechnen, dass sie nicht nur wertvolle Informationen mitbringen, sondern auch ein Grundverständnis von Demokratie mitnehmen.

Literatur

Klauer, Mario/Isenmann-Emser, Marlene/Viernickel, Susanne (2006): Qualität in Kindertageseinrichtungen: Die Perspektive der Kinder, in: Frühe Kindheit, Ausgabe 4 2006 (o.S.), URL: http://liga-kind.de/fk-406-viernickel/

Sturzbecher, Dietmar (Hrsg.) (2001): Spielbasierte Befragungstechniken. Interaktionsdiagnostische Verfahren für Begutachtung, Beratung und Forschung, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle: Hogrefe.

Sommer-Himmel, Roswitha/Titze, Karl/Imhof, Daniela (2016): Wie bewerten Kinder ihren Kindergarten. Wie Kinder ihren Kindergarten sehen. Instrument und Implementierung von Kinderbefragung in der Kindertageseinrichtung, Berlin: Dohrmann..

Klauer, Mario/Isenmann-Emser, Marlene/Viernickel, Susanne (2006): Qualität in Kindertageseinrichtungen: Die Perspektive der Kinder, in: Frühe Kindheit, Ausgabe 4, 2006 (o.S.). URL: http://liga-kind.de/fk-406-viernickel/

Haucke, Karl (2002): Mitreden, Einfluss nehmen. Partizipation in Tageseinrichtungen für Kinder, Hrsg. von Arbeiterwohlfahrt Bundesverband, Bonn.

Mey, Günter (2003): Zugänge zur kindlichen Perspektive. Methoden der Kindheitsforschung, Forschungsbericht aus der Abteilung Psychologie im Institut für Sozialwissenschaften der technischen Universität Berlin, Nr. 2003-1.

Roux, Susanna (2002): Wie sehen Kinder ihren Kindergarten? Theoretische und empirische Befunde zur Qualität von Kindertagesstätten, Weinheim/München: Luchterhand.

Deinert, Aline (2010): ›Willst du eigentlich ma wissen, ob ich ein Auto hab?‹ Qualitative Interviews mit Vier- und Fünfjährigen, in: Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 1/2010, S. 131–152.

Ergänzende Arbeitshilfen

Interviewleitfaden & Beispiele Kinderbefragung

Dieser Interviewleitfaden lässt Ihnen das Wohlbefinden der Kinder besser erkennen und analysieren. Dokument herunterladen

In heutigen Kindertageseinrichtungen haben wir es oft mit Kindern im Alter von bis zu sechs Jahren zu tun. Bei Kindern im Hortalter gelten im Prinzip gleiche Anforderungen bezüglich der Anpassung des Befragungsverfahrens an die entwicklungspsychologischen Gegebenheiten. Ältere Kinder kann man nicht nur befragen, ob sie etwas gut oder schlecht finden, sondern auch warum. Die Studie »Kinderwertemonitor« (Geolino 2008) geht diesen Weg – mit interessanten Ergebnissen.


Nach oben

Anmelden