Abschnitt: Gesunde Arbeit → Selbstfürsorge
 

Meistern Sie Anforderungen und Belastungen

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Erzieherinnen und Erzieher haben ein verantwortungsvolles, bewegtes und abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld mit erheblichen Gestaltungsspielräumen für das Team der Einrichtung und die einzelne pädagogische Fachkraft. Gleichzeitig sind sie besonderen Belastungen ausgesetzt, zu denen unter anderem Lärm, Zeitmangel, Stress, steigendes Arbeitspensum sowie unzureichende personelle und räumlich-infrastrukturelle Ausstattung zählen. Die mitunter herausfordernde „Emotionsarbeit“ (Rudow 2004, S. 8) und die kaum vermeidbare Dauerkonzentration können ferner zu Anspannungen und dem Gefühl der Überforderung führen, weil in der Interaktion mit den Kindern fortlaufend „Multitasking“ gefragt ist, da sich häufig mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit stellen und parallel bewältigt werden müssen. Die wiederkehrenden Belastungssituationen in den Kindertageseinrichtungen stellen für die pädagogischen Fachkräfte unter Umständen einen gesundheitlichen Risikofaktor dar, wobei gegenwärtig Haut- und Infektionskrankheiten sowie Erkrankungen der Bandscheibe und der Lendenwirbelsäule als typische Berufskrankheiten gelten (vgl. Hinsch/Nienhaus 2014, S. 193).

Der Erzieher/innenberuf beinhaltet zahlreiche Belastungsfaktoren

Die beruflichen Tätigkeiten in frühkindlichen Bildungseinrichtungen sind dabei durch eine besondere Beanspruchungs- und Belastungsstruktur gekennzeichnet, die einerseits von den Fachkräften die Bereitschaft zur fortlaufenden Reflexion der Qualität des eigenen Tuns verlangt und die sich andererseits mit einem Mehr an Gelassenheit sowie einem sowohl achtsamen als auch besonnenen Umgang mit den alltäglichen Anforderungen erfolgreicher und individuell befriedigender bewältigen lassen. Der Weg zu mehr Achtsamkeit, Gelassenheit und Selbstfürsorge impliziert häufig eine Änderung des eigenen (Bewegungs-)Verhaltens, die durch eine betriebliche Gesundheitsförderung maßgeblich unterstützt werden kann. Die Notwendigkeit solcher Angebote und Programme wird ebenfalls durch die Befunde der repräsentativen Studie „STEGE – Strukturqualität und ErzieherInnengesundheit“ unterstrichen, der zufolge nahezu 2 von 3 Fachkräften in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sind und über ein breites Panorama an gesundheitlichen Beschwerden – von der Gewichtszunahme und Stimmschwierigkeiten über Gliederschmerzen und Schlaflosigkeit bis zum Schwäche- oder Schweregefühl – berichten: „Pädagogische Fach- und Leitungskräfte am Arbeitsplatz Kita weisen nur zu einem relativ geringen Anteil eine hinreichende Balance zwischen den Anforderungen des Arbeitsplatzes und ihren vorhandenen körperlichen und psychischen Leistungsreserven auf. Nur bei durchschnittlich 41 % der befragten pädagogischen Fachkräfte […] kann in der Studie eine gute oder hohe Arbeitsfähigkeit gemessen werden“ (Viernickel/Voss/Mauz 2017, S. 132 f.).

Neben den sich unmittelbar aus der alltäglichen Handlungspraxis in der Kindertageseinrichtung ergebenden Beanspruchungen – mitsamt den unregelmäßigen und mitunter ungeregelten Pausenzeiten – und den sich hieraus unter Umständen ergebenden gesundheitlichen Beschwerden – spielt sicherlich auch der in der öffentlichen Wahrnehmung von Erzieherinnen und Erziehern nach wie vor anzutreffende „Defizit- und Kompetenzdiskurs“ (Betz 2013, S. 266 f.) eine Rolle.

Die gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich der Kompetenzen von Fachkräften in Kindertagesstätten sind im letzten Jahrzehnt stark angestiegen, was auf Seiten der Fachkräfte nicht selten zu einem anhaltenden Professionalisierungsdruck mitsamt einer Fortbildungs-Endlosschleife führen kann. Kurz: Wer als Fachkraft in einer Kindertageseinrichtung tätig ist, setzt sich unweigerlich erheblichen Belastungen aus und muss lernen, mit diesen (Stress-)Faktoren umzugehen.

Wenn man Gesundheit als ein dynamisches und gestaltbares Konzept begreift, kann der eigene Körper bei der Bewältigung der inneren und äußeren Anforderungen letztendlich sowohl personale Ressource als auch Krisenpotenzial sein (vgl. Schwier 2016, S. 12). Daher liegt es beispielsweise nahe, den Erzieherinnen und Erziehern in der Tageseinrichtung praktische Hilfestellungen für einen positiven Umgang mit berufsbedingtem Stress zu geben, ein entsprechendes Handlungswissen anzubahnen und ihre Widerstandsressourcen zu stärken (z.B. positives Körpergefühl, Freude am Sich-Bewegen, Herstellen von Entspannungsreaktionen, Verbesserung bzw. Aufrechterhaltung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit, Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems).

Welche Angebote zur Gesundheitsprävention sind sinnvoll?

Darüber hinaus bildet der Umstand, dass pädagogische Fachkräfte im Rahmen von Befragungen am häufigsten Bewegung, Ernährung und Stressreduktion als Fortbildungswünsche nennen (vgl. Wagner 2016, S. 61), sicherlich einen hilfreichen Ausgangspunkt für derartige Angebote zur verhaltensorientierten Gesundheitsförderung. Für eine Implementierung solcher Programme am Arbeitsplatz spricht ferner die vergleichsweise gute Veränderbarkeit des Bewegungsverhaltens erwachsener Menschen. Die auf die Bereiche Bewegung und Entspannung ausgerichteten Maßnahmen sollten allerdings grundsätzlich mehrere Bausteine umfassen, da Einzelinterventionen zur Gesundheitsförderung nach vorliegenden Befunden weniger wirksam sind als sogenannte Mehrkomponentenansätze, denen durchgängig bessere präventive Effekte zugebilligt werden (vgl. Jordan/von der Lippe 2013, S. 883). In diese Richtung weisen auch die nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung im Erwachsenenalter: „Als evidenzbasierte Maßnahme der Bewegungsförderung im Betrieb werden Mehrkomponentenansätze empfohlen, die vor allem folgende Elemente umfassen sollten: (1) Konkrete Kursangebote (Bewegungsprogramme) für die Belegschaft, (2) die Umgestaltung betrieblicher Abläufe (z.B. Einrichtung von Bewegungspausen) und (3) die Schaffung von bewegungsförderlichen Infrastrukturen im Betrieb (z.B. Bewegungsräume, Fahrradparkplätze)“ (Rütten/Pfeifer 2016, S. 86).

Während Kursprogramme im Bereich von Bewegung und Entspannung von größeren Trägern durchaus in Eigenregie organisiert werden, sind kleinere Träger sicher gut beraten, wenn sie für solche Angebote Kooperationen mit professionellen Anbietern (Sportvereine, Fitnessanlagen oder Yogaschulen) eingehen. Die Schaffung geeigneter Pausen- bzw. Bewegungsräume ist demgegenüber ebenso eine genuine Aufgabe aller Träger wie eine Organisation der Abläufe in der Tageseinrichtung, die hinreichend Raum für Entspannungs- und Bewegungspausen bereithält. Den Bewegungspausen am Arbeitsplatz kommt dabei nach vorliegenden Untersuchungen ein hoher Erholungswert zu (vgl. Kanning/Schlicht, 2006, S. 173), sie tragen zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei. Daher konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf das Element der Bewegungspausen, wobei zu berücksichtigen ist, dass es zwischen dem Sich-Bewegen und Entspannen am Arbeitsplatz und anderen lebensweltlichen Kontexten vielfältige Wechselbeziehungen gibt. Regelmäßige Entspannungs- und Bewegungspraktiken am Arbeitsplatz können so ein Baustein für die weitere Ausformung eines gesundheitsrelevanten Lebensstils sein und eine allgemeine Lebenszufriedenheit stellt sicherlich eine wichtige Ressource für die Anforderungen und Belastungen in der Kita dar.

Mit Blick auf den Arbeitsplatz Kita sind sicherlich ebenfalls Fortbildungsmaßnahmen wünschenswert, in deren Verlauf die pädagogischen Fachkräfte lernen, wie sie die Gesundheit der Kinder gezielt fördern und ihrer Vorbildfunktion in diesem Bereich gerecht werden können.

Literatur

Betz, A. (2013): Anforderungen an Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. In: Stamm, M./Edelmann, D. (Hrsg.): Handbuch frühkindliche Bildungsforschung. Wiesbaden. S. 259-272.

Hinsch, J./Nienhaus, A. (2014): Gefährdungsbeurteilungen in Kleinbetrieben am Beispiel von Tageseinrichtungen für Kinder. In: Nienhaus, A. (Hrsg.): RiRe –Risiken und Ressourcen in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Heidelberg. S. 180-202.

Jordan, S./von der Lippe, E. (2013): Teilnahme an verhaltenspräventiven Maßnahmen. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). In: Bundesgesundheitsblatt, 56, S. 878-884.

Kanning, M./Schlicht, W. (2006): Präventive Interventionen in verschiedenen Settings. In: Bös, K./Brehm, W. (Hrsg.): Handbuch Gesundheitssport. Schorndorf. S. 167-180.

Rudow, B. (2004): Arbeitsbedingungen für Erzieher/innen. Hohe psychische Belastungen. In: bildung & wissenschaft, 6, S. 6-11.

Rütten, A./Pfeifer, K. (Hrsg.) (2016): Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. Erlangen-Nürnberg.

Schwier, J. (2016): Gesundheit und Bewegung im Kindesalter. In: Erhorn, J./Schwier, J./Hampel, P.: Bewegung und Gesundheit in der Kita. Bielefeld. S. 11-37.

Viernickel, S./Voss, A./Mauz, E. (2017): Arbeitsplatz Kita. Belastungen erkennen, Gesundheit fördern. Weinheim, Basel.

Wagner, J. (2016): Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz Kita. In: Erhorn, J./Schwier, J./Hampel, P.: Bewegung und Gesundheit in der Kita. Bielefeld. S. 57-74.

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