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Selbstfürsorge: Auf sich selbst achten

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Verhaltenspräventive, personenbezogene Programme bzw. Angebote in den Bereichen Entspannung und Bewegung gehen immer auch mit einer Sensibilisierung für die Selbstfürsorge und Achtsamkeit am Arbeitsplatz Kita einher. Mit Blickrichtung auf das Personal in Kindertageseinrichtungen steht Selbstfürsorge für selbstgewählte Maßnahmen zur Stärkung des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls, was ausdrücklich auch Formen des Genusserlebens im beruflichen Alltag der Fachkräfte einschließt (vgl. Wagner 2016). Übungen zur Selbstfürsorge sollen also dazu beitragen, dass man bei aller Sorge für die anderen auch auf sich selbst achtet, sich seiner Bedürfnisse bewusst bleibt und sich bewusst kleine Auszeiten im Berufsalltag nimmt (z.B. für Entspannungsübungen, einen Pausenspaziergang oder eine Bewegungspause). An dieser Stelle deutet sich an, dass Selbstfürsorge nicht nur eine Kompetenz, sondern eine innere Haltung beschreibt: „Als entwickelte Kompetenz umfasst die Selbstfürsorge ein Repertoire verschiedener Praktiken, zwischen denen eine Person wählen und die sie je nach Situation und Erfolgsaussicht modifizieren kann. Arbeitsplatzbezogene Selbstfürsorgepraktiken sind so gesehen Varianten von Praktiken, die für die gesamte Lebensführung einer Person gelten“ (Haubl/Voss 2012, S. 7).

Selbstfürsorge muss zur selbstverständlichen inneren Haltung werden

Selbstfürsorge ist also eine Daueraufgabe der Fachkräfte, die eben nicht im Vorbeigehen zu erledigen ist (weil z.B. in der Einrichtung gerade mal Ruhe einkehrt) und zugleich ein nahezu unverzichtbarer Bestandteil der beruflichen Identität in sozialen Berufen (vgl. Barnett/Cooper 2009; Michalak/Heidenreich/Williams 2012). Sich gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen für eine kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsabläufe und die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Einrichtung einzusetzen, zählt daher ebenfalls zur wohlverstandenen Selbstfürsorge. Die Arbeitsplätze in den verschiedenen Kindertageseinrichtungen halten eben nach wie vor teilweise eher günstige oder ungünstige Rahmenbedingungen für die Umsetzung dieser Daueraufgabe bereit (u.a. Vorhandensein von Bewegungs- bzw. Ruheräumen, kontinuierliche Teamentwicklung, Mitsprache bei der Raumgestaltung, Fortbildungsangebote) und bieten den pädagogischen Fachkräften unterschiedliche Handlungsspielräume zur aktiven Mitgestaltung ihrer Arbeitsstätte bzw. der Arbeitsabläufe. Die Gestaltung von Pausen- bzw. Ruheräumen ist in diesem Kontext ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor für die Arbeitszufriedenheit der Erzieherinnen und Erzieher: „Pädagogische Fachkräfte […] benötigen zu ihrer Entlastung und Regeneration die Möglichkeit eines Rückzugs in eine nichtöffentliche, reizreduzierte Umgebung mit deutlicher Abgrenzung zum Arbeitsplatz“ (Wilk/Jasmund 2015, S. 88). Jenseits der individuellen Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Fachkräfte ist sicherlich in frühkindlichen Bildungseinrichtungen ein betriebliches Gesundheitsmanagement (im Sinne von Viernickel/Voss/Mauz 2017, S. 150-178) notwendig, dass unter anderem eine – von der jeweiligen Leitung engagiert mitgetragene – bewegungsfreundliche Ausgestaltung der Arbeitsplätze beinhaltet.

Das bedeutet ein achtsamer Umgang mit sich selbst

Als Haltung lässt sich Achtsamkeit unter anderem auf den Buddhismus und auf Meditationsformen zurückführen, weist jedoch ebenfalls Bezüge zur Psychotherapie auf (vgl. Germer/Siegel/Fulton 2009). Die Praxis der Achtsamkeit ist nicht auf ein erstrebenswertes Ziel und/oder einen wünschenswerten somatischen Zustand gerichtet, sondern intrinsisch motiviert. Achtsamkeit meint zuallererst die Konzentration auf sich selbst und die inneren Vorgänge. Achtsamkeit wird daher häufig als besondere Form der Aufmerksamkeit beschrieben, die die Akteure bewusster wahrnehmen lässt, störende Kognitionen ausblendet, den Alltag gewissermaßen entschleunigt sowie sich auf das Erleben des gegenwärtigen Augenblicks einlässt: „Achtsamkeit ist Gewahrsein, das kultiviert wird, indem wir in andauernder und bestimmter Weise aufmerksam sind: mit Absicht, im gegenwärtigen Moment und ohne Beurteilung“ (Kabat-Zinn 2014, S. 13).

Praktiken der Achtsamkeit können mit leiblich-affektiven Erfahrungen und einem tiefen Gefühl der Lebendigkeit einhergehen, wenn die Akteure ihr Kontrollmotiv für kurze Zeit aufgeben, einen Schritt aus dem (Berufs-)Alltag zurücktreten, ihren Körper spüren und unter günstigen Umständen ganz bei sich und der Übung sind (vgl. Kabat-Zinn 2015). Gerade das situative Aufgeben von Kontrolle wird sich aber nicht von heute auf morgen einstellen, sondern erfordert einen längeren Übungsprozess. In diesem Sinne erinnert Achtsamkeit die Akteure daran, dass es auch unter den Arbeitsbedingungen der modernen Gesellschaft zumindest für begrenzte Zeit möglich ist, auch am Arbeitsplatz Ruhe zu finden und vom „Modus des Tuns zu einem Modus des Seins überzugehen“ (Kabat-Zinn 2014, S. 30 f.). Ein fortlaufendes Trainieren von Aufmerksamkeit und Gewahrsein kann Achtsamkeit zu einer persönlichen Ressource machen, die sich positiv auf Lebensqualität, Wohlbefinden und Stressresistenz auswirkt. Anzumerken bleibt jedoch, dass man solche Übungen nicht in ermüdeten Zustand ausführen sollte.

Die möglichen Elemente eines verhaltenspräventiven, ganzheitlichen (Pausen-)Programms für Fachkräfte lassen sich idealtypisch den Feldern der Entspannung und der Bewegung zuordnen, wobei Yoga-Stellungen in beiden Bereichen vertreten sind.

Literatur

Barnett, J./Cooper, N. (2009): Creating a culture of self care. In: Clinical Psychology: Science and Practice, 16, 1, S. 16-20.

Germer, C./Siegel, R.D./Fulton, P. (2009): Achtsamkeit in der Psychotherapie. Freiamt im Schwarzwald.

Haubl, R./Voss, G.G. (Hrsg.) (2012): Praxis der Selbstfürsorge. URL: http://www.sfifrankfurt.de/fileadmin/redakteure/pdf/03_Mitarbeiter_ PDFs/03_Haubl_Manuskripte/Praxis-der-Selbstfuersorge.pdf

Kabat-Zinn, J. (2014): Achtsamkeit für Anfänger. Freiburg.

Kabat-Zinn, J. (2015): Im Alltag Ruhe finden. Meditation für ein gelassenes Leben. München.

Michalak, J./Heidenreich, T./Williams, J.M.G. (2012): Achtsamkeit. Göttingen.

Viernickel, S./Voss, A./Mauz, E. (2017): Arbeitsplatz Kita. Belastungen erkennen, Gesundheit fördern. Weinheim, Basel.

Wilk, M./Jasmund, C. (2015): Kita-Räume pädagogisch gestalten. Den Raum als Erzieher nutzen. Weinheim.

Ergänzende Arbeitshilfen

Selbstfürsorge: Ihre persönliche Kraftquelle

Diese Übersicht zeigt Ihnen auf, inwiefern Sie selbst durch das Abschaffen lästiger Gewohnheiten Phasen der Regenerationen in Ihren Alltag integrieren können und durch Selbstfürsorge persönlich dazu beitragen, mehr Kraft zur Verfügung zu haben. Dokument herunterladen

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