Abschnitt: Ganzheitliche Führung → Partizipation und Mitbestimmung
 

Kinderrechte mit Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren zum Leben erwecken

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Recht haben und Recht bekommen ist bekanntlich zweierlei. Damit Kinder ihre Rechte in der Kita tatsächlich genießen können, braucht es verantwortungsvolle Erwachsene, die die Kinderrechte kennen und sich für deren Verwirklichung in einer kindergerechten Kita einsetzen. Notwendig sind auch im Alltag fest etablierte Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren.

Wenn Kinder erleben, dass Beteiligung möglich und erwünscht ist und Beschwerden erfolgreich sein können, so ist diese Erfahrung für sie mit zahlreichen Lernchancen verbunden. Sie erfahren dadurch, dass sie nicht nur Objekt pädagogischer Beeinflussung, sondern aktiver Teil einer inklusiven – also alle Beteiligten in die Gestaltung einbeziehenden – Kita-Gemeinschaft sind. Erfolgreiche Beschwerden stärken ihre Selbstwirksamkeitserfahrung und ihr Selbstbewusstsein. Nicht zuletzt lernen die Kinder, mit Kritik umzugehen, sich bei Bedarf zu entschuldigen und einen entstandenen Schaden wieder gut zu machen und neben der Durchsetzung ihrer eigenen Rechte ebenso die Rechte anderer Menschen zu respektieren.

Ein funktionierendes Beschwerdemanagement ist notwendiges Instrument einer umfassenden Beteiligungskultur (vgl. Maywald 2016, S. 79 ff.). Üblicherweise werden Verhinderungsbeschwerden von Ermöglichungsbeschwerden unterschieden. Mit Verhinderungsbeschwerden sind Beschwerden gemeint, die sich auf Grenzverletzungen durch andere Kinder oder Erwachsene beziehen. Demgegenüber zielen Ermöglichungsbeschwerden darauf ab, eine Situation zu verändern, neue Möglichkeiten der Entfaltung zu erreichen oder eine Idee umzusetzen.

In Ergänzung zu dem alltäglichen Umgang mit Beschwerden sollten ritualisierte, an eine bestimmte Zeit und an einen festen Ort gebundene Beschwerdemöglichkeiten vorhanden sein. Hierzu können z.B. der Morgenkreis, eine regelmäßig stattfindende Gruppen- oder Kinderversammlung, die Wahl von Kindersprechern, Beteiligungsprojekte mit den Kindern, ein Anregungs- und Beschwerdebriefkasten, ausgewiesene Sprechzeiten der Kita-Leitung usw. gehören. Diese stärker formalisierten Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren sollten sich dadurch auszeichnen, dass sie allen Kindern bekannt sind (Information und Transparenz), auftretende Beschwerden zuverlässig bearbeitet werden (Verlässlichkeit und Verbindlichkeit) und in jedem Fall eine zeitnahe Reaktion erfolgt.

Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat in seinem Allgemeinen Kommentar zu Artikel 12 der UN-KRK allgemeine Anforderungen an kindgerechte Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren formuliert, die in den folgenden Punkten zusammengefasst werden (vgl. UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes 2009, S. 28 ff.):

  • transparent und informativ: Kinder müssen vollständige, zugängliche und ihrem Alter angemessene Informationen über ihr Recht erhalten, Meinungen frei zu äußern und für ihre Meinungen gebührendes Gewicht zu erhalten, sowie darüber, wie die Beteiligung stattfindet und was ihr Umfang, ihr Zweck und ihre möglichen Auswirkungen sind.

  • freiwillig: Kinder sollten niemals gezwungen werden, ihre Meinungen entgegen ihren Wünschen zu äußern, und sie sollten darüber informiert werden, dass sie ihre Beteiligung zu jedem Zeitpunkt beenden können.

  • respektvoll: Die Meinungen der Kinder müssen mit Respekt behandelt werden, und die Kinder sollten Gelegenheiten erhalten, eigene Ideen und Handlungen einzubringen.

  • bedeutsam: Die Themen, zu denen Kinder ein Recht haben, ihre Meinung zu äußern, müssen für ihr Leben eine wirkliche Bedeutung haben und ihnen ermöglichen, auf ihr Wissen und ihre Fertigkeiten zurückzugreifen. Zusätzlich muss Raum geschaffen werden, in dem es den Kindern möglich ist, die Themen anzusprechen, die sie selbst für bedeutsam und wichtig halten.

  • kinderfreundlich: Das Umfeld und die Vorgehensweisen sollten an die Fähigkeiten der Kinder angepasst sein. Es sollten ausreichend Zeit und Mittel zur Verfügung stehen, um sicherzustellen, dass Kinder hinlänglich vorbereitet sind und Vertrauen und Gelegenheit haben, ihre Meinung einzubringen.

  • inklusiv: Beteiligung muss inklusiv und kultursensibel sein, also vorhandene Muster der Diskriminierung vermeiden und ausgegrenzten Kindern, Mädchen ebenso wie Jungen, Möglichkeiten verschaffen, einbezogen zu werden.

  • sicher und aufmerksam für Risiken: In manchen Situationen kann die Äußerung von Meinungen riskant sein, z.B. wenn ein Kind berichtet, zu Hause geschlagen zu werden. Erwachsene haben Verantwortung für die Kinder, mit denen sie arbeiten, und müssen jede Vorsicht walten lassen, um für die Kinder das Risiko von Gewalt, Ausbeutung und anderer negativer Folgen ihrer Partizipation so gering wie möglich zu halten.

  • rechenschaftspflichtig: Wesentlich ist die Verpflichtung, die Beteiligungsprozesse auszuwerten. Die Kinder müssen darüber informiert werden, wie ihre Meinungen verstanden wurden und auf welche Weise ihre Partizipation das Resultat beeinflusst hat.

Literatur

Maywald, J. (2016): Kinderrechte in der Kita. Kinder schützen, fördern, beteiligen. Freiburg: Herder Verlag.

UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes (2009): Allgemeine Bemerkung Nr. 12. Das Recht des Kindes, gehört zu werden. URL: www.humanrights.ch/upload/pdf/130813_CRC_General_Comment_12_d.pdf

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zum Beschwerdemanagement

Beschwerden sind Chancen zur Weiterentwicklung. Kitas sollten sich im Rahmen ihrer Konzeption deshalb auch mit dem Beschwerdemanagement auseinandersetzen. Hier finden Sie Anregungen für den Reflexionsprozess. Dokument herunterladen

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