Abschnitt: Führung und Management → Berufsbild im Wandel der Zeit
 

Von ehrbaren Witwen und bejahrten Frauenzimmern

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Die Anfänge der öffentlichen Kleinkindererziehung und damit auch die Anfänge der Berufsgeschichte frühpädagogischer Fachkräfte reichen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Zwar gab es bereits Ende des 18. Jahrhunderts außerfamiliale Kindertageseinrichtungen, zu einer stärkeren Ausbreitung dieser Einrichtungsformen im deutschsprachigen Raum kam es jedoch erst in den 1830er/1840er Jahren. In diese Zeit fallen auch die ersten konzeptionellen Ideen zur Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte. Davor reichte es vollkommen aus, wenn die Beaufsichtigung kleiner Kinder von einer „ehrbaren Witwe“ ausgeübt wurde, wie es beispielsweise 1812 in der ersten preußischen Gesetzesgrundlage für Kindertageseinrichtungen, dem sogenannten „Warteschulparagraph“ heißt:

„Es soll gestattet seyn, daß weibliche Personen, insonderheit die Wittwen [sic!] der Elementarschullehrer, kleinere Kinder, welche noch nicht das schulfähige Alter erreicht haben, den Tag hindurch zur Beaufsichtigung annehmen. In Betreff solcher Personen liegt der städtischen Schulcommission nur ob, dahin sehen zu lassen, daß dieselben von unbescholtenen Sitten, zur ersten Erziehung der Kinder geeignet, auch ihre Wohnungen gesund und hinlänglich geräumig sind, imgleichen, daß sie die Kinder nicht länger, als bis zum erreichten sechsten Jahre behalten, übrigens aber doch in einigem Grade Tüchtigkeit genug haben um auf die Sitten und den Verstand zu wirken“ (Neigebaur 1926/1988).

Eine vergleichbare personelle Situation gab es auch in den niederländischen Spielschulen, wie in einem Reisebericht aus dem Jahr 1792 erwähnt wird. Auch hier waren es Witwen, die die Beaufsichtigung kleiner Kinder übernahmen sowie ältere, vermutlich ledige oder kinderlose Frauen. Wie auch im preußischen Warteschulparagraph, so wurde auch hier betont, dass die Auswahl dieser Frauen nach sittlichen Maßstäben getroffen und ihre Arbeit dementsprechend beaufsichtigt werden sollte:

„Sobald ein Kind laufen kann, wird es in eine sogenannte Spielschule geschickt; eine Art von Institut, das, seiner Nützlichkeit wegen, allenthalben nachgeahmt zu werden verdient. Wittwen [sic!] und andere bejahrte Frauenzimmer sind gemeiniglich die Aufseherin in diesen Schulen. Hier werden zehn, zwanzig und mehrere Kinder von gleichem Alter und Stande mit kleinen Beschäftigungen, vorzüglich aber mit ihnen angemessenen Zeitvertreiben unterhalten; […] Noch unendlich mehr Nutzen ließ sich von diesen Spielschulen erwarten, wenn die Obrigkeit, allenfalls auch die Geistlichkeit, die Aufsicht darüber hätte, keine anderen Subjekte zu Schulfrauen wählte, als solche, die sich durch ihren gebildeten Verstand und sanften Karakter [sic!] auszeichneten, ihnen gute Kinderschriften zum Unterricht vorschrieben und darauf sähen, daß die Schulstuben geräumig genug wären, und nicht der schwarzen Höhle glichen, wie leider bis jetzt der Fall nur allzuoft ist, u.d. gl.“ (Grabner 1792, S. 177 f.)

Die Beaufsichtigung und damit verbunden auch die erste Bildung und Erziehung kleiner Kinder übernahmen in der Anfangszeit der Kindertageseinrichtungen also noch keine ausgebildeten Fachkräfte, sondern meist alleinstehende Frauen. Eine Ausbildung für diese Tätigkeit gab es noch nicht und wurde auch nicht für notwendig gehalten. Dies änderte sich in den 1830er/1840er Jahren, in der Zeit also, als es zu einer ersten Gründungswelle vorschulischer Einrichtungen kam. Dabei können zwei verschiedene Entwicklungslinien nachgezeichnet werden. Auf der einen Seite entstanden die konfessionellen Kleinkinderschulen und Bewahranstalten; auf der anderen Seite die fröbelianischen Kindergärten. Auf beiden Seiten entwickelten sich eigene konzeptionelle Vorstellungen von der pädagogischen Arbeit mit kleinen Kindern und dementsprechend auch eigene Anforderungen an frühpädagogische Fachkräfte.

Literatur

Grabner, J. (1792): Ueber die vereinigten Niederlande. Briefe. Gotha: Carl W. Ettinger, S. 177 f.

Neigebaur, J. D. F. (1826/1988): Sammlung der auf den oeffentlichen Unterricht in den Königl. Preußischen Staaten sich beziehenden Gesetze und Verordnungen. Nachdruck mit einer Einleitung hrsg. von Wolfgang Neugebauer. Köln/Wien: Böhlau.

Ergänzende Arbeitshilfen

Zusammenfassender Rückblick auf die Geschichte des Kindergartens

Dieses Arbeitsblatt fasst die Geschichte der Frühpädagogik und die Entwicklung des Kindergartens auf 3 Seiten zusammen und kann Ihnen als Überblick über die Genese Ihres Berufs dienen. Dokument herunterladen

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