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So entwickelte sich die Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte

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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden an verschiedenen Orten in Deutschland weitere Ausbildungsstätten für frühpädagogische Fachkräfte, die jeweils unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte setzten und sowohl Kindergärtnerinnen als auch Kleinkinderlehrerinnen ausbildeten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehrten sich dann die Stimmen für eine Vereinheitlichung der Ausbildungsrichtlinien. Auch gab es Forderungen für eine Gleichstellung der Kindergärtnerinnenausbildung mit der Ausbildung zur Volksschullehrerin, so beispielsweise 1898 vom „Bund deutscher Frauenvereine“ (vgl. Goldschmidt 1901). Ziel sollte es sein, die Ausbildung der Kindergärtnerinnen vom Zufallscharakter zu befreien und „einem geordneten systematischen Lehrgang“ zuzuführen (ebd., S. 38).

1908 kam es in Preußen mit den „Bestimmungen über die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens“ erstmalig zu einer staatlichen Regelung für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen, in deren Folge im Lehrplan der Frauenschulen das Fach „Kindergarten-Unterweisung“ verbindlich eingeführt wurde. Im Februar 1911 folgten dann ministerielle Bestimmungen zur Regelung der Kindergärtnerinnenausbildung, die im August 1911 durch den Erlass einer staatlichen Prüfungsordnung ergänzt wurden. Nach erfolgreichem Abschluss erhielten die Schülerinnen ein staatlich anerkanntes Zeugnis als Kindergärtnerin. Damit war ein langer Wunsch des „Deutschen Fröbelverbandes“ und des „Allgemeinen Kindergärtnerinnen-Vereins“ in Erfüllung gegangen (vgl. Goldschmidt 1901; Heerwart 1892-1897). Andere deutsche Staaten folgten dem preußischen Beispiel bald nach und erließen ebenfalls Ausbildungsregelungen (vgl. Strnad 1917). Ausbildungsseminare, die nicht in Verbindung mit einer Frauenschule standen, mussten die staatliche Prüfungsberechtigung beantragen (vgl. Carstens 1998). Zunehmend erwarben die verschiedenen privaten Fröbel-Seminare deshalb gleichfalls die staatliche Anerkennung und setzten damit die konfessionellen Ausbildungsstätten unter Handlungsdruck, sodass sich diese nach und nach entschlossen, sich ebenfalls diesen Bestimmungen anzupassen; nicht unbedingt, weil sie die Bestimmungen befürworteten, sondern um die Berufschancen für ihre Absolventinnen zu erhöhen. Der staatlich anerkannte Abschluss wurde zunehmend zur Voraussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt als Kindergärtnerin bestehen zu können. 1928 erfolgte dann eine Zusammenfassung der Kindergärtnerinnenausbildung mit der Hortnerinnenausbildung, wodurch sich die Ausbildungszeit von einem auf 2 Jahre erhöhte.

Mit dem Erlass der preußischen Prüfungsordnung erfolgte auch die Regelung der Ausbildung zur Jugendleiterin, eine professionelle Aufstiegsmöglichkeit für ausgebildete Kindergärtnerinnen. Jugendleiterinnen übernahmen Leitungsaufgaben im Kindergarten oder waren als Lehrerinnen an Kindergartenseminaren tätig. 1967 wurde der Name „Jugendleiterin“ durch die Bezeichnung „Sozialpädagoge“ ersetzt. Die Ausbildung fand jetzt an Höheren Fachschulen für Sozialpädagogik, ab 1969 an den Fachhochschulen, statt (vgl. Amthor 2005). Damit ging den Fachbereichen für Sozialpädagogik/Sozialarbeit eine ihrer Wurzeln verloren. Die Tradition der Jugendleiterinnenausbildung, die im Zusammenhang mit dem Fachkräftebedarf im Kindergartenbereich entstanden war, ging nun innerhalb des Fachbereichs Sozialpädagogik/Sozialarbeit unter.

Gegen Ende der 1960er Jahre setzte dann mit dem Ausruf eines „Bildungsnotstandes“ eine bundesrepublikanische Bildungsreform ein, in deren Folge auch der Kindergarten und die Kindergartenpädagogik in die Kritik gerieten. 1970 wurde der Kindergarten im „Strukturplan für das Bildungswesen“ vom „Deutschen Bildungsrat“ formal – aber nicht strukturell – als Elementarbereich dem Bildungssystem zugeordnet. 1973 wurde diese Zugehörigkeit erneut im „Bildungsgesamtplan“ der „Bund-Länder-Kommission“ bestätigt.

Die erste Vorschulreform der 1960er Jahre brachte auch eine erste akademische Konturierung einer Pädagogik der frühen Kindheit hervor. Neben der Einrichtung des bundesweiten Diplomstudiengangs Erziehungswissenschaft (1969), der die Möglichkeit enthielt, die Studienrichtung „Vorschulpädagogik“/„Pädagogik der frühen Kindheit“ zu belegen, kam es auch zu Forschungsschwerpunkten im universitären (z.B. Bamberg, Landau, Dortmund, Köln, Berlin) und außeruniversitären (z.B. Deutsches Jugendinstitut, Bayerisches Staatsinstitut für Frühpädagogik) Raum (Reyer/Franke-Meyer 2010).

Die Impulse, die von der Vorschulreform ausgingen, waren allerdings zu schwach, um die Akademisierung einer Pädagogik der frühen Kindheit und damit eine mögliche Professionalisierung im Bereich der Frühpädagogik längerfristig zu sichern. Das Fachpersonal im Bereich der Kindertagesstätten hatte größtenteils eine Ausbildung an einer Fachschule für Sozialpädagogik (in Bayern Fachakademien) absolviert. Die Erzieher/innenausbildung war 1967 als „Breitbandausbildung“ eingerichtet worden, d.h. sie sollte nicht nur für die Erziehungs- und Bildungsarbeit in einer vorschulischen Einrichtung qualifizieren, sondern für ein breites Spektrum sozialpädagogischer Arbeitsfelder. Die Pädagogischen Hochschulen und Universitäten sahen keine Veranlassung in entsprechende Studiengänge zu investieren. Die Studienrichtung „Pädagogik der frühen Kindheit“ im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft spielte keine nennenswerte Rolle. Bis 1999 gab es nur an 5 Universitäten einen eigenen Lehrstuhl (vgl. Thiersch 2000, S. 167). Darunter befanden sich auch die Standorte mit Lehramtsstudiengängen für das Lehrpersonal an Fachschulen für Sozialpädagogik.

Anders entwickelte sich der Bereich der öffentlichen Kleinkindererziehung in der DDR. Hier war die Erzieherin bzw. Kindergärtnerin Spezialistin für Vorschulerziehung. Seit 1953 wurden die Kindergärtnerinnen in einem 3-jährigen Fachschullehrgang an „Pädagogischen Schulen“ ausgebildet. Zugangsvoraussetzung war der Abschluss der 8-klassigen Grundschule (bis 1959) bzw. der 10-klassischen „Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule“ (ab 1959). Die Ausbildung zur Kindergärtnerin konzentrierte sich auf die Vermittlung von Kenntnissen für den Altersbereich der 3- bis 6-jährigen Kinder und war der Ausbildung der Grundschullehrerin strukturell gleichgestellt. Ab 1956 konnten Kindergärtnerinnen im Anschluss an ihre Ausbildung ein vertiefendes Hochschulstudium aufnehmen. Dazu wurde an der Berliner Humboldt-Universität der Studiengang „Diplom-Pädagogik für Vorschulerziehung“ eingerichtet (vgl. Konrad 2012). Spätestens mit dem „Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik“ von 1959 gehörte der Kindergarten als unterste Stufe zum allgemeinbildenden Schulsystem.

Literatur

Amthor, R. C. (2005): Zum geschichtlichen Mythos eines Berufsstandes. Kritische Reflexionen zur tradierten Berufsgeschichte der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. In: Neue Praxis, H. 4, S. 340-360.

Carstens, C. (1998): Der Deutsche Fröbel-Verband 1873–1932. In: Pestalozzi-Fröbel-Verband (Hrsg.): Die Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes. Ein Beitrag zur Entwicklung der Kleinkind- und Sozialpädagogik in Deutschland. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S. 14-86.

Goldschmidt, H. (1901): Ist der Kindergarten eine Erziehungs- oder Zwangsanstalt? Zur Abwehr und Erwiderung auf Herrn K. O. Beetz’s ‚Kindergartenzwang! Ein Weck- und Mahnruf an Deutschlands Eltern und Lehrer‘. Wiesbaden: Emil Behrend.

Konrad, F.-M. (2012): Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. 2., überarb. und aktualisierte Aufl., Freiburg i. Br.: Lambertus.

Reyer, J./Franke-Meyer, D. (2010): Vorschulreform und der wissenschaftliche Status der „Pädagogik er frühen Kindheit“ als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft. In: Zeitschrift für Pädagogik, 56. Jg., H. 5, S. 725-743.

Strnad, E. (1917): Bewahranstalten, Warteschulen, Kleinkinderschulen, Kindergärten. Mit einem Anhang: Gesetze, Erlasse und Verfügungen. In: Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht Berlin (Hrsg.): Kleinkinderfürsorge. Berlin: Teubner, S. 124-138.

Thiersch, R. (2000): Pädagogik der frühen Kindheit als Ausbildungsschwerpunkt im erziehungswissenschaftlichen Diplomstudium. In: Homfeld, H.-G./Schulze-Krüdener, J. (Hrsg.): Wissen und Nichtwissen. Weinheim: Juventa, S. 163-172.

Ergänzende Arbeitshilfen

Zusammenfassender Rückblick auf die Geschichte des Kindergartens

Dieses Arbeitsblatt fasst die Geschichte der Frühpädagogik und die Entwicklung des Kindergartens auf 3 Seiten zusammen und kann Ihnen als Überblick über die Genese Ihres Berufs dienen. Dokument herunterladen

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