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Wie Spielen die Entwicklung von Kleinkindern fördert

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Kinder brauchen etwa 18 Monate, um die Unterschiede zwischen Spiel und Ernst zu erlernen und damit Spiel zu erkennen und auch auszuführen. Deshalb sind die frühen Eltern-Kind-Spiele eine eigentliche Spiel-Lehre. Typische Eltern-Kind-Spiele im ersten Lebensjahr sind das – oft betont verlangsamte und akzentuierte – „Imitieren der kindlichen Geräusche, (…), Grimassenschneiden, Kitzeln und Manipulieren von Armen und Beinen, Tanzen, Singen, dem Baby einen Finger in den Mund stecken und ihn herausziehen, bevor es darauf beißen kann, in symbolischer Form das Baby anknabbern, es auf dem Schoss oder im Bett hüpfen lassen, es in die Luft werfen, (…), das Baby am Haar der Eltern ziehen lassen; dazu gehören auch Spiele wie ‚Das ist der Daumen’, ‚Backe, backe Kuchen’, das Baby wiegen, sich verstecken und ‚kuckuck’ rufen oder dem Baby ein Handtuch über den Kopf tun“ (Sutton-Smith, 1978). In diesen Spielen manipulieren die Eltern die Spannung und den Erregungshöhepunkt zunehmend stärker und tragen zum Spaß am Unerwarteten bei.

Das von Eltern gezeigte intuitive Spielinventar findet sich kulturübergreifend und weist eine physiologische Basis auf. Eltern, vor allem Mütter, modellieren das So-tun-als-ob-Verhalten für ihre kleinen Kinder und sie coachen sie darin (Lillard, 2011). Reichhaltiges und häufiges Eltern-Kind-Spiel ist eine Bedingung des gesunden Aufwachsens. Kleine Kinder brauchen vielfältig redundante Spiel-Marker, damit sie Spiel erkennen und als nicht reale Situation auffassen können. Dabei entwickeln sich Interaktionsketten und -muster, die es Kindern ermöglichen, aufeinander folgende Handlungen vorherzusagen, was zu Erwartungs-Mustern führt (wenn Mama das macht, dann kommt jenes …). Schon im ersten Lebensjahr werden in den Erwartungszirkel-Spielen wie Guck-guck die Grundlagen für Humor gelegt. Je reichhaltiger das Repertoire an Skripten, desto größer die Möglichkeiten für humorvolle Späße und Überraschungen (Hauser, 2013). Kinder im Krabbelalter freuen sich riesig, wenn sie wissen, etwas nicht Erlaubtes zu tun, z.B. wegzukrabbeln statt zur Mama hinzukrabbeln, und fallen in vergnügtes Lachen, wenn die Mama dann übertrieben „Nein – warte ich pack dich“ ruft.

Frühes Lernen im Spiel trägt auch zur Verbesserung der Konzentration bei (Yu & Smith, 2016). Schon im ersten Lebensjahr modellieren Eltern Aufmerksamkeitsspanne und konzentrierte Fokussierung. Ein erstaunlicher Befund, spielt Konzentration doch für den späteren Schulerfolg eine höchst einflussreiche Rolle. Dabei zeigt sich: Je länger die Eltern ein Spielzeug betrachten und damit Aufmerksamkeit vormachen, desto länger interessieren sich die Kinder für dieses Spielzeug. Dies selbst dann noch, wenn die Eltern bereits woanders hinschauen. Geteiltes Explorieren und Spielen mit dem Spielzeug erhöht die anschließende Aufmerksamkeitsspanne der Kinder nochmals. Bei Eltern, die sich nur kurz für ein Objekt interessierten, war diese zusätzliche Aufmerksamkeitszeit der Kinder viermal kürzer. Die größte Ausdauer zeigen Kinder von Eltern mit großer Aufmerksamkeitssensitivität, deren Eltern die Interessen der Kinder aufgreifen und eigenes Interesse am Gegenstand zeigen, für den sich ein Kind interessiert. Das über lange Zeit wirksame Aufmerksamkeits-Modell der Eltern hat somit einen entscheidenden Einfluss auf die kindliche Konzentration wie auch auf die Explorationskompetenz und Ausdauer. Eine gute Konzentrationsfähigkeit ist offenbar nicht nur genetisch bedingt, sondern in hohem Maße erlernt.

Literatur

Hauser, B. (2013): Spielen – frühes Lernen in Familie, Krippe und Kindergarten (Fachbuch). Stuttgart: Kohlhammer.

Lillard, A. S. (2011): Mother-child fantasy play. In Pellegrini, A. D. (Hrsg.): The Oxford handbook of play. New York: Oxford University Press. S. 284–295.

Sutton-Smith, B. (1978): Die Dialektik des Spiels. Schorndorf: Hofmann

Yu, C./Smith, S.B. (2016): The Social Origins of Sustained Attention in One-Year-Old Human Infants. Current Biology, DOI: 10.1016/j.cub.2016.03.026

Ergänzende Arbeitshilfen

Checkliste zur frühen Spielförderung und Spielaktivierung

Diese Arbeitshilfe enthält eine Checkliste zur Beurteilung der frühen Spielförderung und Spielaktivierung. Dokument herunterladen

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