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Das zeichnet das kindliche Spiel aus

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© Claudia Paulussen / Adobe Stock

Spiel (Einsiedler, 1999; Hauser, 2013) wurde bis vor wenigen Jahren mit fünf Merkmalen beschrieben: Flexibilität, positiver Affekt, intrinsische Motivation, So-tun-als-ob und Mittel-Zweck-Unterscheidung. Diese gewollt unscharfe Definition ging von einem Kontinuum aus, wonach ein Verhalten umso eher Spiel ist, je mehr diese Kriterien erfüllt sind. Im Gegensatz dazu hat Burghardt (Burghardt, 2011) eine überzeugende und trennscharfe Definition vorgelegt. Danach muss eine Tätigkeit folgende fünf Merkmale aufweisen, um als Spiel zu gelten: 1. Unvollständige Funktionalität, 2. So-tun-als-ob, 3. positive Aktivierung, 4. Wiederholung und 5. Variation, entspanntes Feld.

ad 1) Gemäß dem Kriterium der unvollständigen Funktionalität ist Spiel nicht vollständig funktional. Es ist somit einerseits funktional und bezieht sich auf Tätigkeiten des täglichen Lebens wie Haushalt und Familie, Berufsleben, Sport oder Verkehr, andererseits ist es nicht vollständig funktional, das heißt es fehlt ein Teil der realen Handlung, z.B. heftige Schläge auf verletzliche Körperteile bei der gespielten Aggression oder das Essen bis zur Sättigung bei gespieltem Essen.

ad 2) So-tun-als-ob meint, dass etwas „wie echt“ aussehen soll, aber eigentlich „nur Spiel“ ist und zuweilen von der Realität abweicht. So-tun-als-ob ist eine Markierung, die Spiel vom Ernstfall unterscheiden hilft, ähnlich wie die Maske auf den Fasching hinweist. Das Als-ob wird von Spiel-Markern wie unvollständigen, übertriebenen und ungeschickten Verhaltensweisen charakterisiert. Der wichtigste Marker ist das so genannte „Spiel-Gesicht“, welches signalisiert, dass das Verhalten nicht ernst gemeint ist.

ad 3) Die positive Aktivierung zeigt sich als intrinsisch motiviertes, aktivierendes und spaß-machendes Tun. Intrinsische Motivation ist für das menschliche Spiel unabdingbar und meint, dass etwas aus Freude an der Tätigkeit selbst getan wird und nicht deshalb, weil dafür eine Belohnung herausschaut oder etwas Unangenehmes (z.B. eine Bestrafung) vermieden werden kann.

ad 4) Wiederholung und Variation sind ein Motor für flexibles Üben. Die Wiederholung von Handlungen erleichtert das Erlernen und Verbessern von Fertigkeiten. Ein Spiel wird in der Regel so lange wiederholt, bis eine Bewegung einigermaßen beherrscht wird, anschließend verliert es – als Spiel – an Attraktivität. Die Variation stellt die Verhaltensbreite sicher und bereitet auf die tägliche Ungewissheit und den Abwechslungsreichtum im Leben vor. Denn ein Spiel, das vorhersehbar wird, ist kein Spiel mehr. Zur Variation gehört, dass Spiele zuweilen stark von der Realität abweichen.

ad 5) Ein Individuum im entspannten Feld ist angemessen gefüttert, gekleidet, gesund und nicht unter negativem Stress. Raubtiere, Feinde, gefährliches Wetter, Krankheit, soziale Instabilität, schwierige Familienverhältnisse wie auch starke Konkurrenzsituationen verhindern ein entspanntes Feld und damit auch Spiel. Wesentlicher Bestandteil des entspannten Feldes ist eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind. Sicher gebundene Kinder explorieren mutiger, zeigen ein weiter entwickeltes Fantasiespiel und spielen ausdauernder als unsicher gebundene Gleichaltrige (Bischof-Köhler, 2011).

Literatur

Bischof-Köhler, D. (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend. Stuttgart: Kohlhammer.

Burghardt, G. M. (2011): Defining and recognizing play. In Pellegrini, A. D. (Hrsg.): The Oxford handbook of play. New York: Oxford University Press. S. 9–18.

Einsiedler, W. (3., akt. u. erw. Aufl.) (1999): Das Spiel der Kinder: Zur Pädagogik und Psychologie des Kinderspiels. Bad Heilbronn: Klinkhardt.

Hauser, B. (2013): Spielen – frühes Lernen in Familie, Krippe und Kindergarten (Fachbuch). Stuttgart: Kohlhammer.

Ergänzende Arbeitshilfen

Checkliste zur frühen Spielförderung und Spielaktivierung

Diese Arbeitshilfe enthält eine Checkliste zur Beurteilung der frühen Spielförderung und Spielaktivierung. Dokument herunterladen

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