Abschnitt: Theorien und Handlungskonzepte der frühen Bildung → Grundbegriffe der Frühpädagogik
 

Das ist Erziehung

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Obwohl geradezu allgegenwärtig und vordergründig selbstverständlich gehört Erziehung zu den schwierigsten pädagogischen Sachverhalten. Er ist viel komplizierter und komplexer, als der erste Eindruck und die Erfahrung nahelegen; man kann sich nicht einmal sicher sein, ob es um ein Handeln geht oder mehr um ein Nachdenken, das der Organisation von menschlicher Entwicklung schlechthin oder bloß dem Aufwachsen von Kindern gilt. Es fällt sogar schwer, Erziehung angemessen in fremder Sprache auszudrücken. So hebt das englische education auf Schule ab, gilt Institutionen und professioneller Tätigkeit und entbehrt der Konnotation eines Geschehens, das mit der Entwicklung von moralischen Einstellungen und eines gekonnten Verhaltens zu tun hat. Erziehung in der Familie wird als upbringing übersetzt.

Alltagsweltlich sind jedoch einfache Vorstellungen von Erziehung weit verbreitet. Jeder fühlt sich erzogen und meint, das selbst tun zu können. Zudem befriedigt Erziehung ein gesellschaftliches Bedürfnis und erscheint daher als öffentliches Anliegen. Erziehung geht nämlich mit der Durchsetzung von Verhaltensstandards, der Wahrung von Tradition oder der Vorbereitung für Zukunft einher. Es überwiegen Mechanismen der Normierung und Standardisierung des menschlichen Verhaltens; Gesellschaften nehmen Erziehung als Instrument in Anspruch, um Menschen gefügig zu machen, indem sie sozialen und kulturellen Vorschriften unterworfen werden. Paradoxerweise geht diese Zurichtung auf ökonomische Nützlichkeit, auf Produktivität im Arbeitsprozess und Anschluss an das kommerziell gewordene Konsumsystem heute mit einem hohen Druck einher, sich selbst als Individuum zu zeigen und performativ zu werden.

Eine strenge theoretische Vergewisserung erlaubt ein kritisches Urteil sowohl über die Zumutungen, die der Pädagogik widerfahren, als auch über das praktische Geschehen selbst. Doch fällt solche Vergewisserung nicht leicht, weil es eine Vielzahl von Theorien der Erziehung gibt. Erziehung erscheint jedenfalls hochbedeutsam, von fast religiöser Gewichtigkeit und steht für einen fundamental anthropologischen Sachverhalt. So wird schon in der Antike das menschliche und politische Wohlergehen in Abhängigkeit von gelingender Erziehung gesehen, die Platon und Aristoteles mit eugenischen Vorstellungen verbinden. Neuzeitlich stehen Reformation und Erziehung in engem Zusammenhang, die Konstitution eines gottgefälligen Lebens wird mit Erziehung verbunden. Es entsteht eine an Erziehung gekoppelte Anthropologie, die bis heute Bestand hat. Spätestens mit der Aufklärung entfaltet sich ein pädagogisches Pathos, das den Fortschritt der Menschheit von Erziehung abhängig macht, wobei – wie Kant formuliert – Menschen nur durch Erziehung zu Menschen werden. Erziehung überwindet die bloß animalische Wildheit und ersetzt sie durch Kultur oder Zivilisation.

Allerdings sind in der biologisch gegebenen Ausstattung von Menschen Kooperation und Altruismus vorrangig angelegt; sie haben die Gattung überleben lassen und bilden die Grundlage der Erziehung (Tomasello, 2010). Andere gehen davon aus, dass Defizite in der Ausstattung der Menschen durch Erziehung kompensiert oder Triebe so gesteuert werden, dass aus dieser Formung Kultur im strengeren Sinne erwächst und zugleich der jeweils jüngeren Generation zuteil wird. Als Erziehung in einem weiten Sinne lässt sich daher die Summe der gesellschaftlichen Reaktionen auf die Entwicklungstatsache bezeichnen, wie Siegfried Bernfeld festhält (Bernfeld, 2013). Das verweist einerseits auf biologische Konstanten, andererseits auf alles, was eine Gesellschaft oder eine Kultur mit Kindern anstellt, gleich ob eher verborgen oder im direkten Umgang zwischen den Generationen. Erziehung leistet also Sozialisation oder Enkulturation unter der Voraussetzung der natürlichen Entwicklung. Dabei bleibt als Spannung unaufgehoben, ob Erziehung als überhistorisches Phänomen erfasst werden kann (was nahe liegt, da entsprechende Phänomene sich etwa an Initiationsriten indigener Völker erkennen lassen) oder doch immer soziale und kulturelle Gegebenheiten aufnimmt und sich nach diesen formt (was wiederum ein historischer Vergleich aufzeigt).

Als Ausgangsdilemma von Erziehung wird das zwischen Anlagen und Umwelt gesehen: Angeboren oder erworben scheint die zentrale Frage. Doch im konkreten Falle hat Erziehung immer mit einem Menschen in seiner Gegebenheit zu tun, wie er von Anbeginn durch angeborene lebendige Aktivität bestimmt ist, die schon immer biographisch, mithin sozial und kulturell überformt wurde. Erziehung spricht Menschen in ihrer Besonderheit und Eigenart an, bezieht sich auf deren Lebensäußerungen, selbst wenn diese verborgen scheinen, wie dies im Falle des Autismus sein kann. Erneut ergibt sich eine Ambivalenz in der Gegenwart: Einerseits werden Differenz und Heterogenität besonders hervorgehoben, weil sie gegenüber den normierenden und normalisierenden Mächten moderner Gesellschaften bewahrt werden sollen und müssen. Andererseits wird zunehmend von Störungen gesprochen, die durch pädagogisch-psychologisches Treatment behoben werden sollen, um Menschen in die geforderte Normalform zu bringen. Eigenheiten darf es dann nur geben, sofern sie für gesellschaftliche Zwecke brauchbar sind.

Ein rationaler Begriff von Erziehung geht von der evolutionsbiologischen Einsicht aus, dass Menschen in der gemeinsamen Produktion ihres Lebens und für dieses Kultur hervorbringen, die sie als ein nicht-genetisches Erbe an die jeweils neu geborene Generation weitergeben (müssen) (Sünkel, 2011). Das nicht-genetische Erbe besteht in materialen und symbolischen Artefakten, die als soziale und kulturelle Lebensverhältnisse Zwänge und Möglichkeiten, auch Bedeutungen für das weitere Leben bieten, Werkzeuge etwa, aber auch Verhaltensmuster, die als zivilisatorische Errungenschaften wirken. Zur Tradition dieser Kultur wird eine eigene Praxis erfunden, nämlich Erziehung. Sie dient funktional als „Wagenheber“, um Rückschritte der Entwicklung zu verhindern (Tomasello, 2002), denn sie überwindet den physischen Tod der Gattungsmitglieder und löst das Geburtsproblem (Winkler, 2006). Jede junge Generation tritt in eine schon menschlich gestaltete Welt ein, die sie kennenlernen und mit der sie umgehen können muss. So gesehen, geht Erziehung mit Lernprozessen und mit Übung einher, die aber doch von den Kindern selbst ausgelöst werden. Strenger systematisch gesprochen: Erziehung setzt sich stets aus zwei Tätigkeitsformen zusammen, die mit Zeigegesten verbunden sind (Prange, 2011): Aus der Aneignung einerseits, in der sich das entwickelnde Subjekt bildet, indem es die Welt aufsucht, durch sie bestimmt wird und sie zugleich für sich individualisiert, wenn nicht verändert. Aus der Vermittlung andererseits, in der auf die Welt hingewiesen wird und das Aneignungshandeln beeinflusst wird. Schon kleine Kinder zeigen auf Gegenstände der Welt und nähern sich diesen, Erwachsene folgen der Zeigegeste, unterstützen also das Kind, behüten das Kind in seinem Aneignungshandeln vor Gegenständen, die diesem gefährlich werden könnten (etwa vor Steckdosen) oder wirken gegen die Aktivität des Kindes, wenn es sich in seiner Auseinandersetzung selbst gefährden könnte.

Literatur

Bernfeld, Siegfried (2013): Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung. In: Siegfried B.: Theorie und Praxis der Erziehung. Pädagogik und Psychoanalyse. Werke, Bd. 5. Gießen, S. 10-130.

Prange, Klaus (2011): Zeigen – Lernen – Erziehen. Hrsg. v. Karsten Kenklies. Jena.

Sünkel, Wolfgang (2011): Erziehungsbegriff und Erziehungsverhältnis. Allgemeine Theorie der Erziehung. Band 1. Weinheim/München.

Tomasello, Michael (2002): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Frankfurt.

Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren. Berlin.

Winkler, Michael (2006): Kritik der Pädagogik. Der Sinn der Erziehung. Stuttgart.

Ergänzende Arbeitshilfen

Zusammenfassender Rückblick auf die Geschichte des Kindergartens

Dieses Arbeitsblatt fasst die Geschichte der Frühpädagogik und die Entwicklung des Kindergartens auf 3 Seiten zusammen und kann Ihnen als Überblick über die Genese Ihres Berufs dienen. Dokument herunterladen

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