Abschnitt: Professionelle Herausforderungen → Beobachten und dokumentieren
 

Kinderverhalten beobachten: Das ist Ihre wichtigste Aufgabe!

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Im Alltagsgebrauch ist Beobachtung eine Betrachtung eines Geschehens, einer Situation oder eines Verhaltens im Rahmen einer bewussten Wahrnehmung, mit dem Ziel, ein Ereignis oder Verhalten zu verstehen, eine Vermutung zu überprüfen oder eine Entscheidung zu treffen (Leu, 2009). Das Beobachten (und Dokumentieren) gehört in der Kindheitspädagogik zu den zentralen professionellen Handlungen und Kompetenzen, die in den letzten Jahren einen enormen Bedeutungsaufschwung erfahren haben.

Beobachten als Teil professionellen Handelns von Pädagoginnen und Pädagogen zeichnet sich dadurch aus, dass der im Alltag automatisch ablaufende Prozess der Beobachtung, durch den wir uns ein Bild machen und eine eigenen Perspektive auf den Alltag herstellen, reflektiert wird (Leu, 2009). Die Jugend- und die Kultusministerkonferenz hat 2004 das Ziel der Beobachtungen für die Pädagoginnen und Pädagogen definiert: „Die Kinder sollen daraufhin beobachtet werden, was ihre Stärken und Schwächen in dem jeweiligen Bildungsbereich sind, wie sie Anregungen aufnehmen und wie sie sich damit beschäftigen. Systematische Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Entwicklungsprozesse sind erforderlich“ (JMK/KMK, 2004). In allen deutschen Bildungsplänen bzw. Bildungsprogrammen wird das Beobachten und Dokumentieren als wichtige Basiskompetenz und Aufgabe von pädagogischen Fachkräften definiert.

Eine gezielte Beobachtung unterscheidet sich vom alltäglichen Beobachten dadurch, dass eine konkrete Fragestellung oder ein Anliegen vorhanden ist, ein klar definiertes Ziel in einem festgelegten Rahmen verfolgt wird, sie mittels ausgewählter Methode realisiert, die Ergebnisse dokumentiert und reflektiert werden. Anschließend fließen die Ergebnisse wieder in den pädagogischen Alltag zurück (Strätz und Demandewitz, 2005).

Beobachtung als ein komplexer Wahrnehmungsvorgang ist geprägt von:

  • Selektion (sensorische Reize werden bei der Aufnahme bereits gefiltert)

  • Organisation (einzelne Aspekte werden zu einem Ganzen geordnet)

  • Akzentuierung (bestimmte Eindrücke werden hervorgehoben oder auch nicht beachtet)

  • Fixation (Eindrücke werden in bestehende Erfahrungsmuster integriert) (Daum, 2010).

Damit Beurteilungsfehler reduziert und der Subjektivität von Beobachtungen Rechnung getragen werden kann, müssen Qualitätsanforderungen, an denen sich der Beobachtungsprozess und die mit ihnen verbundenen Interpretations- und Auswertungsverfahren orientieren, berücksichtigt werden:

  • Beobachtungen erfolgen systematisch und sind für andere nachvollziehbar und verstehbar

  • Beobachtungen sollten dokumentiert werden

  • Die klassischen Gütekriterien der Diagnostik können angewendet werden: Objektivität (das Verfahren ist prinzipiell unabhängig vom Anwender), Reliabilität (das Verfahren ist zuverlässig und liefert bei wiederholter Anwendung weitestgehend gleiche Ergebnisse) und Validität (Gültigkeit, das Verfahren misst das, was es messen soll). Dazu sind noch die Gütekriterien der qualitativen Forschung, wie Stimmigkeit, Offenheit und Diskurs, zu betrachten

  • Beobachtungen werden selbstkritisch reflektiert und mit anderen, z.B. Fachkräften aus dem Team, abgeglichen

  • Beobachtungen sind den Eltern und dem Kind rückzukoppeln (Kasüschke und Fröhlich-Gildhoff, 2008)

Die Formen der Beobachtung lassen sich grundsätzlich anhand zweier Dimensionen kategorisieren: standardisierte oder offene Verfahren; prozessorientierte Beobachtungen oder Erfassung von spezifischen Kompetenzen bzw. Aspekten des Entwicklungsstandes (Kasüschke und Fröhlich-Gildhoff, 2008).

Beobachtungen haben nicht nur einen großen Einfluss auf die Entwicklung und Gestaltung der Beziehungen zwischen Pädagoginnen/Pädagogen und Kindern, sondern wirken in die Bildungsprozesse hinein, denn bei der Beobachtung handelt es sich um eine gemeinschaftliche, aber dennoch asymmetrische Konstruktion von Bildungsereignissen:

  • Die Beobachterin/der Beobachter wählt ein Ereignis aus und gibt ihm dadurch Bedeutung

  • Beobachtungsrelevante Handlungen werden fortlaufend stabilisiert

  • Kinder sind dabei aktiv beteiligt, indem sie z.B. Deutungsangebote liefern. Dabei erfolgt eine Transformation von beiläufigen Handlungen zu bildungsbedeutsamen Ereignissen, damit werden Lern- und Bildungserwartungen an die Kinder herangetragen (Schulz, 2011)

Anders ausgedrückt: Mit dem, was ich beobachte, mache ich das Kind (und die Eltern) darauf aufmerksam, was ich für bildungsbedeutsam halte.

Beobachtungen haben schon immer in der Pädagogik eine wichtige Rolle gespielt, so auch bei Friedrich Fröbel oder Maria Montessori. Mit der zunehmenden Institutionalisierung der Kindheit ging auch die Entwicklung von Beobachtungsverfahren einher. „Angeregt durch europäische Vorbilder sollen Kinder in ihrem Alltag untersucht werden, um die Spezifika der kindlichen Natur offen zu legen und Erziehung und Unterricht entsprechend anpassen zu können. Kinder geraten zunehmend unter die Aufsicht von Professionellen, so dass diese vermehrt Zugänge zur täglichen und vergleichenden Beobachtung mehrerer Kinder erhalten“ (Tervooren, 2008).

Literatur

Daum, Jutta (2010): Beobachten, Dokumentieren und Fördern. In: Norbert Neuß (Hrsg.): Grundwissen Elementarpädagogik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Berlin, S. 209–217.

JMK/KMK. Jugendministerkonferenz; Kultusministerkonferenz (2004): Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. (Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.05.2004/ Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004). Online verfügbar unter http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_04-Fruehe-Bildung-Kitas.pdf [17.10.2012].

Kasüschke, Dagmar/Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2008): Frühpädagogik heute. Herausforderungen an Disziplin und Profession. Köln.

Leu, Hans Rudolf (2009): Beobachtung in der Praxis. In: Lilian Fried und Susanna Roux (Hrsg.): Pädagogik der frühen Kindheit. Handbuch und Nachschlagewerk. 2. Aufl. Berlin, S. 232–243.

Schulz, Marc (2011): Die Aufführung des Bedeutsamen. Eine performativitätstheoretische Perspektive auf die institutionelle Herstellung von Bildungsrelevanz. In: Peter Cloos und Marc Schulz (Hrsg.): Kindliches Tun beobachten und dokumentieren. Perspektiven auf die Bildungsbegleitung in Kindertageseinrichtungen. Weinheim, S. 49–64.

Strätz, Rainer/Demandewitz, Helga (2005): Beobachten und Dokumentieren in Tageseinrichtungen für Kinder. 5. Aufl. Weinheim.

Tervooren, Anja (2008): „Auswickeln“, Entwickeln und Vergleichen: Kinder unter Beobachtung. In: Helga Kelle und Anja Tervooren (Hrsg.): Ganz normale Kinder. Heterogenität und Standardisierung kindlicher Entwicklung. Dr. nach Typosk. Weinheim, S. 41–58.

Ergänzende Arbeitshilfe

Elemente und Abfolge der Beobachtung und Dokumentation

In der Arbeitshilfe werden die wesentliche Elemente der Beobachtung und Dokumentation im Kindergarten in ihrem Ablauf von der Zielsetzung über Rahmenbedingungen und Auswertung bis hin zum Umgang mit den Ergebnissen zusammengestellt. Dokument herunterladen

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