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Fachkraft-Kind-Beziehung: Sie müssen Kindern Sicherheit bieten!

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In der Kindertageseinrichtung muss die Fachkraft nicht nur feinfühlig auf die Signale eines Kindes reagieren, sondern die gesamte Kindergruppe im Blick behalten und die gruppendynamischen Prozesse feinfühlig moderieren. Inwiefern es der Fachkraft gelingt, den ihr anvertrauten Kindern im pädagogischen Alltag feinfühlig zu begegnen, hängt auch von ihrer Fähigkeit ab, ihr eigenes Verhalten gegenüber den Bedürfnissen der Kinder immer wieder zu reflektieren und mit den anderen Fachkräften abzustimmen. In der Broschüre „Feinfühligkeit für Eltern und Erzieherinnen“ wird erklärt, worauf es bei der feinfühligen Interaktion im Kindergarten ankommt (Beckh, Berkic und Mayer, 2016). In mehreren Studien konnte inzwischen gezeigt werden, dass Feinfühligkeit nicht nur bei (belasteten) Eltern durch Coaching nachhaltig verändert werden kann, sondern dass auch Fachkräfte ihre Feinfühligkeit durch Video-Feedback basierte Beratung mit erstaunlich geringem Aufwand nachhaltig verbessern können und dies bei diesen Fachkräften zu höherer Arbeitszufriedenheit führt (Hamre et al., 2012; Vermeer et al., 2018).

Bereits in den 1980er Jahren konnte nachgewiesen werden, dass Kinder in Kindertageseinrichtungen gegenüber ihren Bezugserzieherinnen und Bezugserziehern bzw. Fachkräften Bindungen eingehen und bei ihnen Nähe und Sicherheit in emotional belastenden Situationen, ähnlich wie bei ihren Eltern suchen, und die pädagogische Fachkraft als Sicherheitsbasis nutzen (Cummings, 1980). Andere Studien zeigten allerdings auch, dass die Betreuung mehrerer Kinder in einem Gruppenkontext Erzieherinnen und Erzieher vor besondere Herausforderungen stellen, da sie die Bedürfnisse eines einzelnen Kindes feinfühlig beantworten und gleichzeitig mit den Bedürfnissen der Kindergruppe in Einklang bringen müssen. Gelingt es Fachkräften auch im Gruppenkontext vorwiegend feinfühlig auf die Bedürfnisse einzelner Kinder einzugehen, können sichere Fachkraft-Kind-Bindungen beobachtet werden (Ahnert, Pinquart und Lamb, 2006). Kinder, die sichere Bindungsbeziehungen zur Bezugserzieherin oder zum Bezugserzieher aufbauen können, zeigen eine günstigere Stress- und Verhaltensregulation im pädagogischen Alltag, und langfristig auch eine bessere Bewältigung der Anforderungen des Schulalltages. Dementsprechend kann eine sichere Bindung zur pädagogischen Fachkraft auch maßgeblich zum Schulerfolg von Kindern und deren Bildungskarriere beitragen (Ahnert et al., 2012).

Dennoch hängt die Bindung zur pädagogischen Fachkraft nicht nur von ihrem feinfühligen Verhalten ab, sondern auch von den familiären Erfahrungen, die das Kind in die außerfamiliäre Kleinkindbetreuung mitbringt, welche die Ausbildung einer sicheren Bindung erschweren können. Neuere Untersuchungen von Eckstein-Madry und Ahnert (Eckstein-Madry und Ahnert, 2016) zeigen jedoch, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien, mit deutlichen Defiziten in der Bindungsbeziehung zu ihren Müttern, durchaus zu ihren pädagogischen Fachkräften sichere Bindungsbeziehungen aufbauen können. Erstaunlicherweise war die Fachkraft-Kind-Bindung im Gegensatz zur Mutter-Kind-Bindung bei den sozial benachteiligten Kindern sogar von höherer Bindungssicherheit gekennzeichnet. Das unterstützt die Tatsache, dass sich die Bindung zur pädagogischen Fachkraft unbeeinflusst von der Qualität der Mutter-Kind-Bindung entwickelt, sogar wenn diese von starken Bindungsunsicherheiten geprägt ist. Wie auch Watamura und Kollegen (2011) am Beispiel der sozial-emotionalen Entwicklung gezeigt haben, verdeutlichen auch diese Ergebnisse, wie abhängig die Entwicklungskonsequenzen der sozial benachteiligten Kinder von qualitativ hochwertig gestalteter Betreuung sind (Watamura et al., 2011).

Die Unterstützung und emotionale Verfügbarkeit der Bindungsperson ist also Voraussetzung für die Entwicklung einer adaptiven Emotionsregulation. Eine adaptive Emotionsregulation ist ein zentrales Merkmal einer resilienten Persönlichkeit. Im Säuglingsalter und in der frühen Kindheit wirken die primären Bezugspersonen als externe Organisatoren (oder: interpersonale Regulation) für ihre Kinder, indem sie ihnen helfen, ihre Gefühle zu regulieren. Im Laufe ihrer Entwicklung zeigen Kinder dann eine zunehmend selbstständige Regulation ihrer Gefühle. Sie wenden dabei die Emotionsregulationsmuster an, die sie in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen erlernt haben. Gleichzeitig sind Kinder bis ins Jugendalter hinein, bei hoher emotionaler Belastung, auf die Hilfe von erwachsenen Bezugspersonen angewiesen, um ihre Gefühle „wieder in Ordnung zu bringen“. Die wichtigste Funktion von Bindungsbeziehungen und Kennzeichen für sichere Bindungsbeziehungen ist, wenn Kinder (und Heranwachsende) bei ihrer Bezugsperson immer dann Zuwendung, Trost und Unterstützung erfahren, wenn sie (emotional) an ihre Grenzen stoßen (Grossmann & Grossmann, 2012).

Literatur

Ahnert, L./Harwardt-Heinecke, E./Kappler G./Eckstein-Madry, T./Milatz, A. (2012): Student–teacher relationships and classroom climate in first grade: how do they relate to students’ stress regulation? Attachment & Human Development, 14. S. 249–263.

Beckh, K./Berkic, J./Mayer, D. (2016): Feinfühligkeit von Eltern und ErzieherInnen. Beziehungen mit Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren gestalten. Verfügbar unter www.ifp.bayern.de.

Cummings, E. M. (1980): Caregiver stability and daycare. Developmental Psychology, 16. S. 31–37.

Eckstein-Madry, T./Ahnert, L. (2016): Kinder aus sozial benachteiligten Familien: wie Bindungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten durch KiTa-Betreuung beeinflusst werden. Familiendynamik, 41, 4. S. 304–311.

Grossmann, K./Grossmann, K.E. (2012): Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Hamre, B. K./Pianta, R. C./Burchinal, M./Field, S./LoCasale-Crouch, J./Downer, J. T. et al. (2012): A course on effective teacher-child interactions: Effects on teacher beliefs, knowledge, and observed practice. American Educational Research Journal, 49, 1. S. 88–123.

Vermeer, H. J./Linting, M./Van IJzendoorn, M. H. (2018): The Video-feedback intervention to promote positive parenting and sensitive discipline for child care professional caregivers. Early Childhood Research Quarterly, 42. S. 93–104.

Watamura, S.E./Phillips D.A./Morrissey, T.W./McCartney, K./Bub, K. (2011): Double jeopardy: poorer social-emotional outcomes for children in the NICHD SECCYD experiencing home and child-care environments that confer risk. Child Development, 82, 1. S. 48–65.

Ergänzende Arbeitshilfen

Checkliste: Umgang mit kindlichen Gefühlen

Mithilfe dieser Checkliste wissen Sie in Zukunft, wie mit kindlichen Gefühlen umgegangen werden sollte. Was fühlt das Kind und warum? Dokument herunterladen

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