Abschnitt: Interaktionsbereiche → Beziehung zwischen Fachkraft und Kind
 

Bildungsprozesse bei Kindern: Diese Grundlagen sollten Sie kennen

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Aktuelle Forschungen zur Beziehungsqualität (wie die Fachkraft ihre Beziehung zu einem bestimmten Kind wahrnimmt), Bindungsqualität (Beobachtungen des kindlichen Bindungsverhaltens gegenüber seiner Bezugsfachkraft) und zur Interaktionsqualität zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern (wissenschaftlich beobachtet und nach bestimmten Dimensionen ausgewertet) zeigen deutlich, dass die Qualität dieser Beziehungs-, Bindungs- und Interaktionserfahrung darüber entscheidet, ob der Besuch einer Kindertageseinrichtung für das Wohlergehen, die Entwicklung und Bildung der Kinder förderlich ist oder nicht (Mayer et al., 2013). Insbesondere der Aspekt der emotionalen Unterstützung ist für Kinder von größter Bedeutung sowohl für die Entwicklung sozialer als auch kognitiver Kompetenzen (Pianta, 2017; Wirts et al., 2017). Denn Kinder lernen vor allem von Menschen in sozialen Interaktionen und durch emotionale Beziehung zu ihnen. Deshalb hängt der Ertrag früher Bildungsprozesse von Beziehungs- und Bindungsprozessen ab. Bildungsangebote werden nur dann vom Kind wirklich wahrgenommen, wenn sie in funktionierenden Beziehungen eingebettet sind, die mit denen bestehen, die dem Kind Bildung vermitteln wollen. In einer solchen Beziehung kann das Kind sich als aktiv handelnde und selbstwirksame Person erleben (Ahnert, 2010). Die Beziehungsqualität zwischen Lehrendem und Lernenden wirkt sich auf die Kompetenzentwicklung und damit den Lernerfolg nicht nur in den ersten Lebensjahren, sondern im gesamten Bildungsverlauf deutlich aus (Ahnert et al., 2012).

Grundlegend wichtig für das Gelingen von Beziehungs- und Interaktionsqualität scheint also die Kompetenz der Fachkraft zu sein, Interaktionen individuell abgestimmt auf das einzelne Kind zu gestalten, ohne dabei das Gruppengeschehen aus dem Auge zu verlieren (Ahnert, 2010). Somit sind Voraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse:

  • eine hohe individuelle Beziehungsqualität,

  • professionelle Responsivität und feinfühlige emotionale Unterstützung sowie

  • eine gute Organisation der Bildungs- und Lernsituationen.

Letztere hilft nicht nur Kindern, sich zu orientieren und selbstwirksam und aktiv am Geschehen teilzunehmen, sondern trägt auch entscheidend zur Stressreduktion im Erleben der pädagogischen Fachkräfte bei, was wiederum Voraussetzung für eine feinfühlige, kind- und gruppenbezogene Interaktion ist (Becker-Stoll et al., 2014).

Ob pädagogische Fachkräfte über diese sozialen und emotionalen Regulationskompetenzen verfügen oder nicht, entscheidet nicht nur über das Wohlergehen der anvertrauten Kinder in der Kindertageseinrichtung, sondern auch über deren weitere Entwicklung. Die Forschung zum sozial-emotionalen Lernen zeigt gleichzeitig, dass soziale und emotionale Kompetenzen auf Seiten der Kinder mit den wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungs- und Lebensverlauf sind (Durlak et al., 2015; Becker-Stoll, 2017). Der Erwerb dieser Fähigkeit braucht allerdings viel Zeit und Übung und vor allem die verlässliche und feinfühlige Unterstützung der Betreuungspersonen. Kinder benötigen Hilfe bei der Regulation ihrer Gefühle!

Literatur

Ahnert, L. (2010): Wie viel Mutter braucht das Kind? Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat. Heidelberg: Spektrum.

Ahnert, L./Harwardt-Heinecke, E./Kappler G./Eckstein-Madry, T./Milatz, A. (2012): Student–teacher relationships and classroom climate in first grade: how do they relate to students’ stress regulation? Attachment & Human Development, 14. S. 249–263.

Becker-Stoll, F./Niesel R./Wertfein, M. (2014): Handbuch Kinderkrippe. So gelingt Qualität in der Tagesbetreuung. Freiburg: Herder.

Durlak, J.A./Domitrovich, C. E./Weissberg, R. P./Gullotta, T. P. (2015): Handbook of Social and Emotional Learning. Ney York: The Guilford Press.

Mayer, D./Beckh, K./Berkic, J./Becker-Stoll, F. (2013): Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) – Ergebnisbericht der Untersuchung in Bayern (IFP-Projektbericht 25/2013). München: Staatsinstitut für Frühpädagogik.

Pianta, R. C. (2017): Beobachtung und Weiterentwicklung der Fachkraft-Kind-Interaktionen in der Frühpädagogik. In Wertfein, M./Wildgruber, A./Wirts, C./Becker-Stoll, F. (Hrsg.): Interaktionen in Kindertageseinrichtungen. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht. S. 22–34.

Wirts, C./Wertfein, M./Wildgruber, A. (2017): Unterstützung kindlicher Kompetenzentwicklungen und ihrer Bedingungen in Kindertageseinrichtungen. In Wertfein, M./Wildgruber, A./Wirts, C./Becker-Stoll, F. (Hrsg.): Interaktionen in Kindertageseinrichtungen. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht. S. 59–72.

Ergänzende Arbeitshilfen

Checkliste: Umgang mit kindlichen Gefühlen

Mithilfe dieser Checkliste wissen Sie in Zukunft, wie mit kindlichen Gefühlen umgegangen werden sollte. Was fühlt das Kind und warum? Dokument herunterladen

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