Abschnitt: Interaktionsbereiche → Beziehung zwischen Fachkraft und Kind
 

Warum Bindungen für Kinder so wichtig sind

AdobeStock_55899247.jpg
© ldprod / Adobe Stock

Kinder bringen prägende Bindungserfahrungen aus ihren Familien in die Kindertageseinrichtungen mit. Wenn sie eine sichere Bindungsbeziehung zu ihren Eltern entwickelt haben, fällt es ihnen leichter, auch zu anderen Erwachsenen vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Bei kleinen stabilen Gruppen und Rahmenbedingungen, die es der Fachkraft erlauben, feinfühlig auf die Bedürfnisse der Kinder sowohl individuell als auch gruppenbezogen zu reagieren, kann die vertrauensvolle Beziehung zwischen Fachkraft und Kind auch zur weiteren, nachgeordneten Bindungsbeziehung werden und bei familiärer Belastung sogar kompensatorisch wirken (Ahnert, 2010; Eckstein-Madry und Ahnert, 2016).

John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, ging als Erster von der Annahme aus, dass der Mensch von Geburt an mit zwei grundlegenden Verhaltenssystemen ausgestattet ist, die sein Überleben und das seiner Art sichern (Bowlby, 1987/2003): das das Bindungs- und das Explorationsverhaltenssystem.

Das erste System ermöglicht es dem Kind von Geburt an, Bindungsverhalten gegenüber einer oder einigen wenigen Personen zu zeigen und damit die Nähe zur Bindungsperson herzustellen. Die wichtigste Funktion von Bindung ist somit der Schutz des auf Hilfe angewiesenen Säuglings. Bindungsverhalten ist überlebensnotwendig – für das Kind und für die Art. Das Kind bindet sich nicht nur an die Bezugsperson, die es füttert und seine leiblichen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch an andere Personen, die mit ihm spielen und interagieren (Ainsworth, 1974/2003). Durch Fremdheit, Unwohlsein oder Angst wird das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und die Erregung wird durch Wahrnehmung der Bindungsperson – durch Nähe, liebevollen Körperkontakt und Interaktion mit ihr – beendet. Die meisten Kinder entwickeln in den ersten neun Lebensmonaten Bindungen gegenüber Personen, die sich dauerhaft um sie kümmern. Auch wenn das Kind zu mehreren Personen Bindungsbeziehungen entwickelt, sind diese eindeutig hierarchisch geordnet: Das Kind bevorzugt eine Bindungsperson vor den anderen. Hat ein Kind eine Bindung zu einer bestimmten Person aufgebaut, kann diese nicht ausgetauscht werden. Längere Trennungen oder gar der Verlust dieser Bindungsfigur führen zu Trauerreaktionen und seelischem Leid (Grossmann und Grossmann, 2012).

Neben dem Bindungsverhaltenssystem gibt es ein komplementäres Explorationsverhaltenssystem, das die Grundlage für die Erkundung der Umwelt bietet. Explorationsverhalten ist jede Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt und damit die verhaltensbiologische Grundlage von Lernen (Bowlby, 1987/2003). Die Erkundung der Umwelt ist ebenfalls Voraussetzung für das Überleben, weil nur durch eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt Gefahren erkannt und Nahrungsquellen gefunden werden können.

Wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wird, dann kann das Explorationssystem nicht aktiviert werden (Grossmann und Grossmann, 2012). Ein Kind kann also nur dann Explorationsverhalten zeigen – sich z.B. für neues Spielzeug interessieren –, wenn sein Bindungsverhaltenssystem beruhigt ist. Hat das Kleinkind zu einer Person eine Bindung aufgebaut, kann es von dieser aus seine Umwelt erkunden. Kommt das Kind dann bei seinen Erkundungsversuchen in eine Überforderungssituation (z.B. Erschrecken, Angst, Müdigkeit, Schmerz, Hunger, Unwohlsein), wird sein Bindungsverhalten aktiviert und es wird zur „sicheren Basis“ der Bindungsperson zurückkehren. Dort gewinnt das Kind meist über Körperkontakt seine emotionale Sicherheit wieder. Das Bindungsverhaltenssystem beruhigt sich und das Explorationsverhaltenssystem wird wieder aktiviert, sodass das Kind sich von seiner „sicheren Basis“ lösen und der Erkundung der Umwelt zuwenden kann.

Lernen ist für die Entwicklung so überlebenswichtig, dass nicht nur das Explorations-, sondern auch das Bindungsverhaltenssystem das Lernen absichert, indem es die Aufmerksamkeit des Kleinkindes auf die Bindungsperson lenkt, von der es und mit der es die wichtigsten Kommunikations- und damit Kulturtechniken lernen kann (Bowlby, 1969).

Literatur

Ahnert, L. (2010): Wie viel Mutter braucht das Kind? Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat. Heidelberg: Spektrum.

Ainsworth, M.D.S./Bell, S. M. (1974/2003): Die Interaktion zwischen Mutter und Säugling und die Entwicklung von Kompetenz. In Grossmann, K.E./Grossmann, K. (Hrsg.): Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 217–241.

Ainsworth, M.D.S. (1974/2003): Feinfühligkeit versus Unfeinfühligkeit gegenüber den Mitteilungen des Babys. In Grossmann, K. E./Grossmann, K. (Hrsg.): Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 414–421.

Bowlby, J. (1969): Attachment and loss. Vol. 1: Attachment. London: Hogarth Press and Institute of Psycho-Analysis (deutsch: Bindung. München: Kindler, 1975).

Bowlby, J. (1987/2003): Bindung. In Grossmann, K.E./K. Grossmann (Hrsg.): Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 22–28.

Eckstein-Madry, T./Ahnert, L. (2016): Kinder aus sozial benachteiligten Familien: wie Bindungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten durch KiTa-Betreuung beeinflusst werden. Familiendynamik, 41, 4. S. 304–311.

Grossmann, K./Grossmann, K.E. (2012): Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zum Bild vom Kind

Im Rahmen der Konzeptionsentwicklung, aber auch im pädagogischen Alltag, ist es wichtig, sich mit dem eigenen Bild vom Kind stetig auseinanderzusetzen. Die Reflexionsfragen dieser Arbeitshilfe unterstützen Sie dabei. Dokument herunterladen

Nach oben

Anmelden