Abschnitt: Institutionelle Zusammenarbeit → Kindertagespflege
 

So hat sich die Kindertagespflege in den letzten Jahren entwickelt

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Die Kindertagespflege hatte in den vergangenen zehn Jahren einen beträchtlichen Anstieg zu verzeichnen. Belief sich die Zahl der Kinder in Tagespflege 2006 auf 59.829 Kinder, so zählte die amtliche Statistik gut zehn Jahr später mit 162.395 mehr als doppelt so viele Kinder in dieser Betreuungsform (Abb. 1). Bezogen auf die unter Dreijährigen liegt der Anteil der Kinder, die von einer Tagespflegeperson betreut werden mittlerweile bei immerhin knapp 16 %, wobei der Stellenwert öffentlich geförderter Kindertagespflege in den verschiedenen Bundesländern erheblich variiert und von 2 % in Sachsen-Anhalt bis 31 % in Nordrhein-Westfalen reicht (Statistisches Bundesamt (StaBu), 2017).

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Abb. 1: Kinder in Tagespflege sowie Tagespflegepersonen, 2006 bis 2017. Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege, 2006–2017; eigene Berechnungen.

Betrachtet man die quantitative Entwicklung der Kinder in Tagespflege sowie der Tagespflegepersonen, dann ist diese nicht gleichförmig verlaufen: Während die Zahl der Kinder über den gesamten Zeitraum kontinuierlich zugenommen hat stagniert die Zahl der Tagespflegepersonen mit leichten Schwankungen seit 2012. Hinter dieser Entwicklung verbergen sich Verberuflichungs- und Institutionalisierungsprozesse, die mit den Indikatoren Qualifikation der Tagespflegepersonen, Betreuungsrelation, Zahl der betreuten Kinder und Ort der Betreuung sowie Zahl der Großtagespflegestellen beschrieben werden können (Fuchs-Rechlin, 2012).

Qualifikation der Tagespflegepersonen

Im Hinblick auf die Qualifikation der Tagespflegepersonen hat sich in den vergangenen Jahren ein abgeschlossener, mindestens 160 Unterrichtsstunden umfassender Qualifizierungskurs als Mindeststandard durchgesetzt (Heitkötter et al., 2010, S. 2). Aktuell hat gut die Hälfte der Tagespflegepersonen einen solchen Qualifizierungskurs abgeschlossen. Der Anteil der Tagespflegepersonen mit fachpädagogischer Ausbildung (z.B. Erzieher/in, Kinderpfleger/in), ist hingegen nahezu unverändert geblieben und liegt bei rund 30 %.

Nimmt man die Tagespflegepersonen mit fachpädagogischer Ausbildung und/oder mit einem Qualifizierungskurs im Umfang von 160 Stunden zusammen, dann verfügen heute 83 % der Tagespflegepersonen über eine fachlich einschlägige Ausbildung bzw. mindestens eine Qualifizierung (Abb. 2). Im Gegenzug sind Tagespflegepersonen ohne formale Qualifikation deutlich zurückgegangen und Tagespflegepersonen ohne fachliche Qualifizierung spielen nur noch eine marginale Rolle. Damit hat sich das Qualifikationsniveau der Tagespflegepersonen in den vergangenen Jahren nicht nur erhöht, sondern ist auch homogener geworden.

Betreuungsrelation

Weitere Veränderungen beziehen sich auf die Zahl der betreuten Kinder: Während 2006 eine Tagespflegeperson noch durchschnittlich 2,1 Kinder betreute, waren es 2017 bereits 3,7 Kinder (Abb. 2). Zugleich geht der Anstieg der durchschnittlichen Kinderzahl mit dem Anstieg der Nutzung ‚anderer Räume‘ einher: Tagespflegepersonen, die ihrer Tätigkeit in anderen Räumen nachgehen betreuen durchschnittlich 4,3 Kinder, wohingegen Tagespflegepersonen, die ihre Tätigkeit in den eigenen vier Wänden ausüben 3,3 Kinder betreuen (StaBu, 2017). Da das Einkommen von Tagespflegepersonen wesentlich von der Zahl der betreuten Kinder abhängt (Pabst, 2014), weist dies auf eine zunehmende Erwerbsorientierung hin.

Betreuungssettings

Schließlich haben sich in den vergangenen Jahren verschiedene Settings herausgebildet, die die Heterogenität der Betreuungssituation von Kindern in Tagespflege deutlich machen. Diese Settings unterscheiden sich nach der Zahl der betreuten Kinder, dem Ort der Betreuung sowie der Betreuung durch eine ‚allein tätige‘ Tagespflegeperson oder durch eine Tagespflegeperson, die sich mit anderen in einer Großtagespflege zusammengeschlossen hat. Bezogen auf die Anzahl der Kinder fällt auf, dass der Anteil der Tagespflegepersonen, die ein oder zwei Kinder betreuen erheblich zurückgegangen ist, und zwar zwischen 2006 und 2017 von 71 % auf 31 % (Abb. 2). Im Gegenzug ist im selben Zeitraum der Anteil der Tagespflegepersonen, die vier und mehr Kinder betreuen von 15 % auf 54 % gestiegen (StaBu, 2006, 2017). Parallel zum Anstieg der Zahl der betreuten Kinder, hat auch die Betreuung in anderen Räumen an Bedeutung gewonnen. Während 2006 lediglich 5 % der Tagespflegepersonen Kinder in anderen Räumen betreuten, lag dieser Anteil gut zehn Jahre später bereits bei 23 %. Damit verlässt die Kindertagespflege zunehmend den privaten Raum und wird zu einer öffentlichen Betreuungsform.

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Abb. 2: Tagespflegepersonen nach Ort der Betreuung, Qualifikation, Anzahl der betreuten Kinder, Betreuungsrelation sowie in Großtagespflege 2006–2017; Großtagespflege erstmals 2012 erfasst.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege, 2006–2017; eigene Berechnungen.

Zur Zunahme der Formenvielfalt trägt auch die zunehmende Verbreitung der Großtagespflege bei. Arbeiteten 2012 noch 4.332 Tagespflegepersonen in Großtagespflegestellen zusammen, so belief sich diese Zahl 2017 bereits auf 7.843 Tagespflegepersonen (StaBu, 2012, 2017). Die Großtagespflege liegt heute bei einem Anteil von knapp 20 %. Die Tagespflegepersonen arbeiten überwiegend in einem Betreuungstandem: Im Durchschnitt kommen auf eine Großtagespflegestelle 2,5 Tagespflegepersonen, wobei in 57 % der Großtagespflegestellen neun bis elf und in weiteren 25 % sechs bis acht Kinder betreut werden. Damit kommt die Großtagespflege, insbesondere da sie vorrangig in anderen Räumen ausgeübt wird, in die Nähe von Kleinsteinrichtungen, so dass die Grenze zwischen Kindertagespflege und institutioneller Betreuung an Trennschärfe verliert (Heitkötter & Pabst, 2014).

Literatur

Fuchs-Rechlin, K. (2012). Kindertagespflege in Deutschland – auf dem Weg zur Verberuflichung? In KomDat Jugendhilfe, 15 (2), S. 7–9.

Heitkötter, M./Pabst, C. (2014): Verlässt die Kindertagespflege den lebensweltlichen Raum der Familie? Zum Formenwandel der Kindertagespflege. Eine empirische Bestandsaufnahme. In M. Heitkötter/J. Teske (Hrsg.): Formenvielfalt der Kindertagespflege. Standortbestimmung, Qualitätsanforderungen und Gestaltungsbedarfe (S. 89–119). München: Deutsches Jugendinstitut.

Pabst, C. (2014): Kindertagespflege. Tätigkeit zwischen Nebenerwerb und Beruf. In K. Hanssen/A. König/C. Nürnberg/T. Rauschenbach (Hrsg.): Arbeitsplatz Kita. Analysen zum Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2014 (S. 83–94). Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. München. DJI.

[StaBu] Statistisches Bundesamt (2006, 2012, 2017): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in öffentlich geförderter Kindertagespflege. Wiesbaden. Statistisches Bundesamt.

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