Abschnitt: Institutionelle Zusammenarbeit → Kindertagespflege
 

Kurz erklärt: Die Aufgaben der Kindertagespflege

fotolia_82725507_s.jpg
© Gina Sanders / Fotolia

Kindertagespflege hat sich in den vergangenen zehn Jahren neben der Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen zu einer zweiten Säule öffentlich verantworteter und geförderter Kindertagesbetreuung entwickelt. Befördert wurde diese Entwicklung durch Veränderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Sozialgesetzbuches VIII, mit denen die Kindertagespflege zunehmend geregelt, standardisiert und aufgewertet wurde (Pabst & Schoyerer, 2015).

Bis zu ihrer ‚Entdeckung‘ durch die Kinder- und Jugendhilfe war die Kindertagespflege Bestandteil informeller Netzwerke und wies zugleich starke Überschneidungspunkte zu privat organisierten Betreuungsarrangements in der Familie auf, etwa durch Au-pairs, Kinderfrauen oder Haushaltshilfen (Autorengruppe Fachkräftebarometer, 2014). Noch heute bewegt sie sich zwischen kommerziell, marktförmig ausgerichteter Betreuungsangeboten einerseits sowie öffentlich verantworteter Tagesbetreuung andererseits.

Ihr besonderes Profil erhält die Kindertagespflege durch ihre Familien- und Haushaltsnähe. Nach wie vor ist die Tagespflege mit der „Vorstellung einer familiennahen Betreuungsform verbunden, bei der Kinder in der Wohnung der Tagespflegeperson familienähnlich betreut werden, indem sie Teil der gelebten Familienerziehung sind und am Familienalltag teilhaben“ (Heitkötter & Pabst, 2014). Dementsprechend geht Tagespflege einher mit einer eher kleinen Zahl zu betreuender Kinder, der kontinuierlichen Betreuung durch eine feste Bezugsperson, einem geringeren Formalisierungsgrad sowie einer höheren Flexibilität in der Gestaltung der Betreuungszeiten und -umfänge. Aufgrund dieser besonderen Bedingungen, die Betreuung durch eine feste Bezugsperson, die überschaubare Gruppengröße und die familienähnliche Alltagsstrukturierung, bietet die Tagespflege gute Voraussetzungen für eine „kindangemessene Betreuung“ und damit für eine entwicklungsfördernde Beziehungsgestaltung (Ahnert, 2012). Hierin, so wird vermutet, liegt u.a. auch das gute Abschneiden der Tagespflege in Qualitätsstudien begründet – und zwar trotz des formal niedrigeren Qualifikationsniveau von Tagespflegepersonen im Vergleich zu Kita-Fachkräften.

Allerdings lässt sich in den vergangenen Jahren zunehmend eine Erosion gerade dieses spezifischen Merkmals der ‚Familiennähe‘ beobachten. Ausgelöst wurde diese durch Verberuflichungs- und Institutionalisierungsprozesse vor dem Hintergrund einer zunehmenden rechtlichen Normierung, die den Förderauftrag und damit die intendierten pädagogischen Prozesse in den Mittelpunkt rückten.

Mittlerweile wird Kindertagespflege hauptsächlich von unter Dreijährigen in Anspruch genommen (73 %; Statistisches Bundesamt (StaBu), 2006). Werden ältere Kinder betreut, dann geschieht dies i.d.R. flankierend zu einer Tageseinrichtung etwa um Betreuungslücken abzudecken. Das war nicht immer so. Noch vor gut zehn Jahren waren 20 % der Kinder in Kindertagespflege drei bis sechs Jahre alt und weitere 25 % waren im Schulalter. Heute ist Kindertagespflege ein wichtiges Instrument, um insbesondere Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Eltern schätzen an der Kindertagespflege, dass diese durch die familiennähe einen ‚geschützteren Rahmen‘ bietet als Kindertageseinrichtungen und darüber hinaus der Übergang von der Familienbetreuung in die Fremdbetreuung ‚sanfter‘ verläuft (Alt et al., 2014).

Rechtlicher Rahmen

Ein Meilensteil in der Entwicklung der Kindertagespflege hin zu einer öffentlich verantworteten Betreuungsform stellt die Novellierung des SGB VIII durch das Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (KICK) und das Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (TAG), beide aus dem Jahr 2005, dar (Teske, 2014). Während das KICK die Erlaubnis zur Kindertagespflege in § 43 SGB VIII neu und in Abgrenzung zur Vollzeitpflege und zur Betriebserlaubnis für Tageseinrichtungen regelte, sollte mit dem TAG der quantitative und qualitative Ausbau der Kindertagespflege vorangetrieben werden. So wurde im TAG die Aufwertung der Kindertagespflege zu einer gleichrangigen Alternative neben der Erziehung, Bildung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen rechtlich normiert und dies trotz großer struktureller Unterschiede (Teske, 2014). Zugleich wurden Förderziele und Förderauftrag der Kindertagesbetreuung ausformuliert. Die Aufgabe der Kindertagespflege besteht – ebenso wie bei Kindertageseinrichtungen – darin,

„1. die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu fördern, 2. die Erziehung und Bildung in der Familie [zu] unterstützen und [zu] ergänzen, [und schließlich] 3. den Eltern dabei [zu] helfen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser miteinander vereinbaren zu können“ (§ 22 Abs. 2 SGB VIII).

Der Förderauftrag „umfasst [die] Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Er schließt die Vermittlung orientierender Werte und Regeln ein“ (§ 22 Abs. 3 SGB VIII).

Flankiert wurde die Aufwertung der Kindertagespflege durch Vorgaben zu strukturellen Rahmenbedingungen ihrer Ausgestaltung. Hierzu zählen etwa die Eignungsfeststellung und Vermittlung geeigneter Tagespflegepersonen durch die kommunalen Jugendämter, die fachliche Beratung, Begleitung und Qualifizierung der Tagespflegepersonen durch die Träger der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie die Gewährung einer laufenden Geldleistung (§ 23 Abs. 1, 2 und 4 SGB VIII). Dem KICK und TAG folgte 2008 eine weitere, für die Kindertagespflege bedeutsame Gesetzesnovellierung, das Kinderförderungsgesetz (KiföG), mit dem der im TAG grundgelegte U3-Ausbau fortgeschrieben wurde (Teske, 2014). Da in der Kinder- und Jugendhilfe die Gesetzgebungsbefugnisse des Bundes begrenzt sind, werden wesentliche Aspekte zu Inhalt und Umfang der Förderung jedoch auf Länderebene geregelt. Dies führte in der Folgezeit zu einer nicht unerheblichen Heterogenität in der Angebotslandschaft der Kindertagespflege.

Literatur

Ahnert, L. (2012): Das Potenzial der Kindertagespflege für eine angemessene Kleinkindbetreuung. In Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Kindertagespflege: Familiennah und gut betreut. Tagungsdokumentation. Bundeskonferenz zu Zukunftsperspektiven der Kindertagespflege in Deutschland am 23. April 2012. Berlin.

Alt, C./Heitkötter, M./Riedel, B. (2014): Kita und Kindertagespflege für unter Dreijährige aus Sicht der Eltern. Gleichrangig, aber nicht austauschbar. Zeitschrift für Pädagogik, 60 (5), S. 782–800.

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2014): Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2014. Weiterbildungsinitiative frühpädagogische Fachkräfte, München.

Heitkötter, M./Pabst, C. (2014): Verlässt die Kindertagespflege den lebensweltlichen Raum der Familie? Zum Formenwandel der Kindertagespflege. Eine empirische Bestandsaufnahme. In M. Heitkötter/J. Teske (Hrsg.): Formenvielfalt der Kindertagespflege. Standortbestimmung, Qualitätsanforderungen und Gestaltungsbedarfe (S. 89–119). München: Deutsches Jugendinstitut.

Pabst, C./Schoyerer, G. (2015): Wie entwickelt sich die Kindertagespflege in Deutschland? Empirische Befunde und Analysen aus der wissenschaftlichen Begleitung des Aktionsprogramms Kindertagespflege. Weinheim: Beltz Juventa.

[StaBu] Statistisches Bundesamt (2006, 2012, 2017): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in öffentlich geförderter Kindertagespflege. Wiesbaden. Statistisches Bundesamt.

Teske, J. (2014): Rechtlicher Rahmen der Formenvielfalt von Kindertagespflege. In M. Heitkötter/J. Teske (Hrsg.): Formenvielfalt der Kindertagespflege. Standortbestimmung, Qualitätsanforderungen und Gestaltungsbedarfe (S. 59–88). München: Deutsches Jugendinstitut.

Nach oben

Anmelden