Abschnitt: Institutionelle Zusammenarbeit → Frühe Hilfen, Prävention und Kindeswohl
 

Kindeswohlgefährdung – Wie „Frühe Hilfen“ Kinder schützen sollen

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Einrichtungen der Frühen Hilfen sind nicht nur als frühe Unterstützungssysteme zur Förderung der sicheren Bindung zwischen dem Kind und seinen Eltern sowie der sozial-emotionalen Entwicklung des Kindes gedacht, sondern wurden ausdrücklich auch zur Prävention von Kindeswohlgefährdungen geschaffen.

Kindeswohlgefährdung

Kindeswohlgefährdung lässt sich definieren als eine nicht zufällige, gewaltsame psychische und/physische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern/Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt. Unterschieden wird meistens nach körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung, seelischer Gewalt und sexuellem Missbrauch (Goldbeck, 2013).

Körperliche Misshandlung im frühen Kindesalter ist in den meisten Fällen an Verletzungen zu erkennen, deren Ursache von den Eltern nicht plausibel erklärt werden können. Es ist dagegen wesentlich schwieriger, Vernachlässigung vom Spektrum der erzieherischen Verhaltensweisen abzugrenzen, die als „normal“ gelten. Sie kann an unzureichender Pflege und Kleidung, mangelhafter Ernährung und gesundheitlicher Fürsorge, fehlender Aufsicht, nachlässigem Schutz vor Gefahren sowie fehlender Anregung und Förderung motorischer, geistiger, sprachlicher, emotionaler und sozialer Fähigkeiten erkennbar sein.

Als seelische Gewalt ist eine Beeinträchtigung der Entwicklung von Kindern durch Ablehnung, Verängstigung oder Isolierung anzusehen, die über Strafen durch Beschimpfen, Verspotten oder Liebesentzug hinausgeht.

Unter sexuellem Missbrauch ist jede sexuelle Handlung zu verstehen, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen oder der das Kind auf Grund seiner körperlichen, emotionalen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann bzw. bei der es deswegen auch nicht in der Lage ist, sich hinreichend wehren oder verweigern zu können.

Nach einer Übersicht über die Datenlage, die Pillhofer et al. (2011) vorlegten, sind mindestens 3 % der Kinder in Deutschland Misshandlungen, einer Vernachlässigung oder sehr belastenden Erziehungsbedingungen ausgesetzt. Bezogen auf die Altersgruppe unter sechs Jahren wären dies etwa 150.000 Kinder.

Risikofaktoren für das Auftreten von Vernachlässigung oder Misshandlung lassen sich in Aspekte der Lebenssituation der Familie, persönliche Voraussetzungen der Eltern und spezifische Fürsorgeanforderungen der Kinder gliedern. Kindeswohlgefährdung tritt gehäuft – aber nicht nur – in Familien auf, die durch Armut, Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation belastet sind. Alkohol- und Drogenprobleme eines Elternteils, eine psychische Erkrankung oder Erfahrungen von Vernachlässigung oder Gewalt in der eigenen Kindheit sind mit einem erhöhten Risiko für Kindeswohlgefährdungen assoziiert. Dies gilt auch, wenn das Kind aufgrund einer unreifen Geburt, Regulationsstörung oder Behinderung besondere Anforderungen an die Eltern in der Pflege stellt (Künster et al., 2009; Stith et al., 2009).

Einschätzung des Risikos für Kindeswohlgefährdung

Die internationalen Forschungserkenntnisse zu Risikofaktoren können es erleichtern, Risikofamilien frühzeitig zu erkennen (Künster al., 2009).

Bei der Identifikation von Familien, bei denen ein erhöhtes Gefährdungsrisiko besteht, können die pädagogischen Fachkräfte der Kindertagesstätten einen wesentlichen Beitrag leisten. Dazu kann z.B. die „Heidelberger Belastungsskala“ (HBS; Sidor et al., 2012) nützlich sein. In strukturierter Weise können damit persönliche Belastungsfaktoren seitens des Kindes, familiäre Belastungen, soziale und materielle Belastungen in ihrem Ausprägungsgrad bewertet und eine erste Einschätzung für einen möglichen Handlungsbedarf gewonnen werden. Für das Arbeitsfeld frühpädagogischer Fachkräfte geeignet ist auch die „Einschätzskala Kindeswohlgefährdung“, die vom Kommunalverband für Jugend und Soziales in Baden-Württemberg herausgegeben wurde.

Anhaltspunkte für eine Risikoabschätzung, die sich daraus ergeben, ersetzen aber nicht die sorgfältige Bewertung aller Beobachtungen im Einzelfall. Wenn Fachkräfte in Kindertagesstätten einen Verdacht auf Vernachlässigung oder Misshandlung haben, sind sie vom Gesetzgeber gehalten, zur Abschätzung des Gefährdungsrisikos eine im Kinderschutz erfahrene Fachkraft hinzuziehen. Dies kann z.B. eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter des zuständigen Jugendamtes oder des Kinderschutzbundes sein. Die Datenweitergabe an das Jugendamt soll nach den Bestimmungen des Bundeskinderschutzgesetzes mit Einwilligung der Betroffenen geschehen (§ 4 KKG; Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz). Wenn dies nicht möglich ist, kann eine Information des Jugendamtes auch gegen den Willen der Eltern erfolgen, sollte aber nicht ohne ihr Wissen geschehen; es sei denn, der wirksame Schutz des Kindes würde durch diese Mitteilung infrage gestellt.

In diesem Sinne haben Kindertageseinrichtungen zwar nicht die gleiche Letztverantwortung für die Sicherung des Kindeswohls wie das Jugendamt, sind aber zu einem bestimmten Vorgehen gesetzlich verpflichtet und müssen Verfahrenswege einhalten, wenn ihnen gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Kindeswohls bekannt werden (§ 8a, Abs. 4, 1, SGB VIII). Damit ist allen Einrichtungen in öffentlicher und freier Trägerschaft eine ausdrückliche Rolle im Kinderschutz zugewiesen, um die die pädagogischen Fachkräfte wissen müssen.

Literatur

Goldbeck, L. (2013): Kindesmisshandlung und Kinderschutz. In Petermann, F. (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie (7. Auflage). Göttingen: Hogrefe. S. 661–700.

Künster, A./Ziesel, B./Ziegenhain, U. (2009): Je früher umso besser? Wann Kinderschutz beginnen sollte. Frühförderung interdisziplinär, 28. S. 51–60.

Pillhofer, M./Ziegenhain, U./Nandi, C./Fegert, J./Goldbeck, L. (2011): Prävalenz von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung in Deutschland. Annäherung an ein Dunkelfeld. Kindheit und Entwicklung, 20. S. 64–71.

Sidor, A./Eickhorst, A./Stasch, M./Cierpka, M. (2012): Einschätzung der Risikobelastung in Familien im Rahmen von Frühen Hilfen: Die Heidelberger Belastungsskala (HBS) und ihre Gütekriterien. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 61. S. 766–780.

Stith, S./Liu, T./Davies, C./Boykin, E./Adler, M./Harris, J./Som, A./McPherson, M./Dees, J. (2009): Risk factors in child maltreatment: A meta-analytic review of the literature. Aggression and Violent Behaviour, 14. S. 13–29.

Ergänzende Arbeitshilfen

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Leitfaden: Dokumentationspflicht der Kita im Kinderschutz

Die Dokumentation spielt im Kinderschutz eine wichtige Rolle. Sie ist kein Selbstzweck, sondern die Legitimation der Einhaltung von Verfahrensstandards, auch mit Blick auf zivil- und strafrechtliche Haftungsfragen. Mit diesem Leitfaden berücksichtigen Sie alle wesentlichen Aspekte. Dokument herunterladen

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