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Wie Kinder moralisches Urteilsvermögen entwickeln

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Als ein zentraler Bestandteil der Forschung zu Moralentwicklung werden Kindern häufig Geschichten zum Verhalten von anderen Personen erzählt und sie werden nach ihrem moralischen Urteil gefragt: „War das gut oder schlecht, was die Person getan hat? Warum findest du das?“. Jean Piaget als einer der wichtigsten entwicklungspsychologischen Forscher des 20. Jahrhunderts, befragte Kinder in ähnlicher Form und fand dabei heraus, dass sich die moralische Entwicklung von Kinder in zwei Stadien einteilen lässt: Das Stadium der heteronomen Moral (ca. 2-7 Jahre) und das Stadium der autonomen Moral (ab ca. 11 Jahre) – mit einer kurzen Übergangsphase dazwischen. Das Stadium der heteronomen Moral ist vor allem durch die folgenden Aspekte gekennzeichnet:

  • Regeln werden als unveränderbare und gegebene Tatsachen angesehen.

  • Dinge sind dann richtig oder falsch, wenn Autoritätsinstanzen (Erwachsene, Gesetze, oder Regeln) sie als richtig oder falsch vorgeben.

  • Das Verhalten anderer Personen wird nach dem Schadensausmaßes und weniger nach den zugrundeliegenden Absichten und Motiven einer Person beurteilt (vgl. Beispiel).

Demgegenüber ist im Stadium der autonomen Moral nicht mehr der Gehorsam gegenüber Autoritäten entscheidend, Kinder verstehen jetzt, dass Regeln ein Produkt von Übereinkünften und sozialem Austausch sind (d.h. Regeln werden unter Menschen ausgehandelt und sind häufig mehrheitsfähig). Zudem werden jetzt Motive und Absichten einer Person bei der Beurteilung berücksichtigt (vgl. Beispiel).

Beispiel

Um die moralische Entwicklung von Kindern zu untersuchen, stellte Piaget ihnen im Alter von ca. 5–13 Jahren unterschiedliche Geschichten vor und befragte sie dazu. Eine Geschichte lautete wie folgt: „Ein kleiner Junge wirft versehentlich ein Tablett mit 15 Tassen herunter; eine anderer stößt eine Tasse um, als er Marmelade naschen will. Welcher Junge ist böser?“ Kinder im Stadium der heteronomen Moral würde hier typischerweise sagen, dass der erste Junge böser ist, weil er mehr Tassen kaputt gemacht hat. Kinder im Entwicklungsstadium der autonomen Moral würden typischerweise antworten, dass der zweite Junge böser sei, weil er die Tasse beim verbotenen Marmeladenaschen kaputt gemacht hat.

Das Verständnis von konventionellen und moralischen Normen

Elliot Turiel (vgl. Siegler et al., 2016) kritisierte an der Theorie von Piaget vor allem zwei Aspekte: Erstens, war ihm das Konzept von Moral nicht differenziert genug beschrieben und zweitens hatte er etwas Bauchschmerzen mit der Idee, dass Kinder sich in ihrer frühen moralischen Entwicklung vor allem an Autoritäten orientieren.

Entsprechend legte Turiel drei- bis fünfjährigen Kinder folgende Szenarien vor und befragte sie dazu: Den Kindern wurden konventionelle Normen (z.B. „Man darf Erwachsene nicht einfach mit dem Vornamen ansprechen“ oder „Man sollte sein Spielzeug aufräumen!“) und moralische Normen (z.B. „Man darf ein anderes Kind nicht schlagen“ oder „Man sollte anderen helfen!“) vorgelesen. Dann wurden sie z.B. wie folgt befragt: „Stell dir vor, es gibt eine Schule, in der erlaubt der Direktor, dass man Erwachsenen mit Vornamen anspricht/andere Kinder schlagen kann. Ist es richtig, das dann zu tun?“ Die meisten Kinder gaben an, dass wenn es üblich ist Erwachsenen mit Vornamen anzusprechen, das dann auch in Ordnung sei. Sie lehnten allerdings strikt ab, dass es in Ordnung sei, ein anderes Kind zu schlagen, selbst wenn es eine Autorität erlauben würde. Das Verständnis von moralischen und konventionellen Normen zeigt sich also schon im Kindergartenalter.

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