Abschnitt: Entwicklung und Lernen in der Kindheit → Soziale und emotionale Entwicklung
 

So fördern Sie sozial-emotionale Fähigkeiten

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Was sind sozial-emotionale Fähigkeiten?

Unter sozial-emotionalen Fähigkeiten, versteht man die Möglichkeit Emotionen und Bedürfnisse von sich und anderen wahrzunehmen und im Miteinander mit Anderen seine Ziele zu verfolgen ohne deren Ziele einzuschränken. Es geht also zum einen darum, positive soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten und zum anderen darum, in diesem Rahmen seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Beides kann Hand in Hand gehen, wenn das Bedürfnis mit denen Anderer zusammenfällt (z.B. weil man gemeinsam spielen möchte). Es gibt aber auch Situationen, in denen die Herausforderung darin besteht, beides möglichst geschickt und unter Einhaltung sozialer Normen und zentraler Werte zu vereinbaren. Und genau dadurch zeichnet sich sozial-emotional kompetentes Verhalten aus. Typische Anlässe im Kita-Alltag sind Ressourcen- und Interessenskonflikte zwischen Kindern und Aufforderungen durch pädagogische Fachkräfte (z.B. aufzuräumen).

Die zunehmende Verbesserung sozial-emotionaler Fähigkeiten ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Vorschulalter. Dabei sind zwei Aspekte besonders wichtig, nämlich die Entwicklung emotionaler Bewusstheit und der Aufbau eines immer größeren Repertoires an Regulationsstrategien (Nass, Schiller & Kärtner, 2015). Denn erst, wenn sich Kinder der eigenen Emotionen bewusst sind („Ich bin gerade sehr wütend!“) und prinzipiell über Möglichkeiten verfügen, den emotionalen Handlungsimpuls zu hemmen („Nicht schlagen!“) bzw. in eine sozial verträgliche Handlung umzulenken („Ich sag es klar und deutlich: so geht das nicht!“), sind Kinder den eigenen Emotionen nicht mehr „ausgeliefert“, sondern können diese willentlich regulieren. Und je besser den Kindern das gelingt, umso besser sind ihre sozialen Beziehungen und umso weniger aggressives Verhalten und anderes Problemverhalten zeigen sie gegenüber anderen.

Beides, sowohl die Entwicklung der emotionalen Bewusstheit als auch der Aufbau von Regulationsstrategien, kann durch das Zusammenwirken mehrerer Prozesse erklärt werden. Dabei spielen die folgenden Prozesse eine zentrale Rolle.

Einflüsse allgemeiner Entwicklungsprozesse

Zum einen gibt es eine Reihe von allgemeinen Entwicklungen, die direkt im Zusammenhang mit der sozial-emotionalen Kompetenz stehen. Ganz wichtig ist hier die Sprachentwicklung, die es den Kindern ermöglicht, Worte für Emotionen und deren Ursachen und Konsequenzen zu verstehen und zu verwenden (Holodynski et al., 2013). Daneben verstehen Kinder in diesem Alter auch zunehmend mehr darüber, welche subjektiven Überzeugungen und Absichten Andere haben (soziale Perspektivenübernahme). Beides ermöglicht es dem Kind, sich der eigenen Emotionen und der Emotionen Anderer bewusst zu werden, was eine wichtige Grundlage für deren Regulation darstellt.

Interindividuelle Unterschiede

Daneben unterscheiden sich Kinder hinsichtlich anderer Eigenschaften, die direkt mit der sozial-emotionalen Kompetenz zusammenhängen. Wichtig ist hier beispielsweise das Temperament der Kinder. Ist ein Kind sehr aufbrausend oder schnell verängstigt, entstehen häufiger Emotionen wie Wut oder Angst und diese werden auch intensiver erlebt. Infolgedessen steigt auch die Bedeutung der Emotionsregulation für gelungene soziale Interaktionen. Ein anderer wichtiger Faktor ist die oben genannte Empathie. Empathischere Kinder verhalten sich gegenüber anderen fürsorglicher und erkennen und berücksichtigen deren Emotionen und Bedürfnisse stärker als weniger empathische Kinder, was in der Regel zu mehr gelingenden sozialen Interaktionen führt.

Die Rolle der Bezugspersonen: Emotionscoaching und Ko-Regulation

Neben den eben genannten Aspekten wird die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenz auch maßgeblich durch wichtige Bezugspersonen beeinflusst. Neben der Familie als zentralem Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung spielen dabei auch pädagogische Fachkräfte eine zunehmend wichtige Rolle.

Dabei hat das sogenannte Emotionscoaching einen förderlichen Einfluss auf die Entwicklung der emotionalen Bewusstheit. Unter Emotionscoaching versteht man den akzeptierenden und wertschätzenden Umgang mit den Emotionen des Kindes (Gottman/DeClaire, 1998). Auch negative Emotionen wie Wut und Traurigkeit werden (soweit es die Situation zulässt) als wertvoll angenommen und akzeptiert und außerdem als Möglichkeit wahrgenommen, mit dem Kind in Kontakt zu kommen und gemeinsam mit dem Kind mehr über das Kind und seine Emotionen zu erfahren. Den Gegenpol bildet eine ablehnende oder missbilligende Haltung gegenüber Emotionen, die dem Kind vermitteln, dass vor allem negative Emotionen falsch und unangemessen sind und es dem Kind in der Folge erschweren, die eigenen Emotionen wahr- und anzunehmen.

Durch die Ko-Regulation unterstützen die Bezugspersonen das Kind beim Aufbau eines zunehmend differenzierten Repertoires an Regulationsstrategien für den Umgang mit negativen Emotionen und schwierigen Situationen. Während Kinder sich in den ersten Lebensjahren noch überwiegend an ihre Bezugspersonen wenden, damit diese ihnen helfen, beginnen sie ab einem Alter von etwa drei Jahren selbst Regulationsstrategien anzuwenden. So lenken sich Kinder willentlich mit etwas anderem ab, wenn sie etwas unterlassen sollen oder sie versuchen, sich selbst zu beruhigen, wenn sie frustriert sind. In der Folge entwickeln sich zunehmend komplexere Regulationsstrategien wie beispielsweise Prozesse der Klärung und Neubewertung, durch die Kinder einen anderen Blick auf dieselbe Situation bekommen. Dies gelingt zum Beispiel dadurch, (i) dass sie die Perspektive anderer übernehmen und darüber deren Absichten und Bedürfnisse erkennen und berücksichtigen, (ii) dass sie sich Regeln, wie mit bestimmten Situationen (nicht) umgegangen werden soll, vergegenwärtigen und anwenden oder (iii) dass sie die Befriedigung eines Bedürfnisses in die Zukunft verschieben und es sich dadurch für den Moment erledigt hat.

Von der Ko-Regulation zur Selbstregulation

Wie eben beschreiben, spielen bei all diesen Entwicklungen die Bezugspersonen eine wichtige Rolle, da sie zum einen Modell für die Kinder sind und sie zum anderen beim Erwerb dieser Regulationsstrategien aktiv unterstützen können. Dabei verschiebt sich die Art der Unterstützung entlang zweier Linien: mit steigendem Alter der Kinder verschieben sich die Ko-Regulationsstrategien zum einen von einfacheren Strategien (z.B. Beruhigung und Ablenkung) zu anspruchsvolleren Strategien (z.B. Neubewertung durch Perspektivenübernahme). Zum anderen ist es so, dass die Bezugspersonen zunehmend mehr Anteile des Regulationsprozesses vom Kind einfordern – die Emotionsregulation verschiebt sich also schrittweise von der Ko-Regulation durch die Bezugsperson zur Selbstregulation durch das Kind.

Ist das Kind dann in der Lage in (den meisten) Situationen selbst seine Emotionen zu regulieren, ist ein zentraler Entwicklungsmeilenstein der sozial-emotionalen Kompetenz genommen, da das Kind in vielen Situationen in der Lage ist, auf sozial verträgliche Weise seinen Bedürfnissen zu folgen.

Literatur

Gottman, J. M./DeClaire, J. (1998): Kinder brauchen emotionale Intelligenz. Ein Praxisbuch für Eltern. München: Heyne.

Holodynski, M./Hermann, S./Kromm, H. (2013): Entwicklungspsychologische Grundlagen der Emotionsregulation. Psychologische Rundschau, 64. S. 196–207

Ergänzende Arbeitshilfen

Freundschaft ermöglichen

Diese Arbeitshilfe unterstützt dabei, Freundschaften zwischen Kindern zu ermöglichen und nicht zu erzwingen. Sie stellt die wichtigsten Rahmenbedingungen sowie Risiken dar und unterstützt somit aktiv den Kita-Alltag. Dokument herunterladen

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