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Kinderlieder: Deshalb sind sie so beliebt und sinnvoll für die kindliche Entwicklung

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© Hanna / Adobe Stock

Kinderlieder und Verse, Bewegungs- und Klatsch-Tanzspiele werden seit jeher für Kinder und mit ihnen praktiziert. Sie gelten als einfach, sind es jedoch nicht, und gleichwohl eignen sie sich bestens, sprachliche und musikalische Grundregeln einzuführen. Bei all diesen vokalen Formen ist die Silbe die Einheit, die mit Regeln zu einem wohlgeordneten Gebilde kombiniert wird. Die allgemeinen Regeln des Kinderlieds lassen sich in Form von Prinzipien und Regeln als Grammatik formulieren. Zusammenfassend sind die folgenden Eigenschaften typisch:

  • Kleiner Tonumfang, z.B. Quinte1, Oktave2

  • Tonwiederholungen

  • Kleine Intervalle

  • Alle Töne gehören zur selben Tonleiter – kein Wechsel von Tonarten

  • Die Töne haben nur zwei oder drei verschiedene Dauern bzw. Zeitverhältnisse

  • 8 Takte

  • Wiederholungen der Phrasen

  • Leicht auszusprechende Silben oder Wörter

  • Wiederholte Silben

  • Keine Wechsel des Metrums (d.h. keine Synkopen)

  • Selten 5 oder 7 zählige Takte.

Die Kinderliedgrammatik ist generativ, d.h. mit wenig Mitteln und Kombinationsregeln lassen sich unendlich viele Formen bilden. Je mehr ein Lied von den typischen Eigenschaften abweicht, desto weniger kann es als Kinderlied gelten. Oft wird vergessen, dass Kinderlieder grundsätzlich Text und Melodie verbinden und daher komplex geregelte sprach-musikalische Gebilde sind. Am Lied Bruder Jakob lassen sich einige der Regeln aufzeigen: Jede Silbe korrespondiert mit einem Ton. Die Silben – samt Töne – verlaufen durchgehend im Metrum oder Versmaß betont-unbetont. Die Anfänge und Enden der Phrasen sind jeweils durch eine betonte Silbe und entweder durch den Grundton oder die Quinte markiert. Der Schlusston ist derselbe wie der Anfangston, was das Wiederholen erleichtert.

Lieder singen vor dem Sprechen

Die allgemeinen Regeln des Kinderliedes kommen dem Lernen der Kinder sehr entgegen, denn es fällt ihnen leichter, Silben singend zu einem Lied zu organisieren als Wörter zu bilden und Sätze zu sprechen. Um dies zu erläutern, soll zuerst betrachtet werden, wie die Silben beim Singen gestaltet werden:

  • Menschen produzieren Silben während des Ausatmens, und die Dauer der Ausatmung bildet gleichzeitig Phrasen3.

  • Menschen verlängern Vokale, was die Tonhöhe deutlicher hervortreten und gestalten lässt.

  • Menschen gestalten die Tonhöhen als stabile Kategorien, d.h. als Töne, die man wenig später wieder in derselben Tonhöhe produziert, und bilden daraus eine Melodie.

  • Menschen betonen regelmäßig die Silben. Das ergibt das Metrum und zugleich das Versmaß.

  • Menschliche Körperbewegungen neigen dazu, mit dem Puls oder Metrum mitzuschwingen.

  • Menschen nehmen uns selbst und die anderen wahr, und nutzen dieses Feedback.

  • Menschen verwenden Wörter oder wortähnliche Gebilde und können etwas erzählen, z.B. eine kurze Geschichte oder auch Unverständliches.

Eines der Wesensmerkmale des Singens gegenüber dem Sprechen ist das Wiederholen von Silben als der Grundeinheit, während beim Sprechen die Grundeinheit das Wort ist. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Singen in der vokalen Entwicklung dem Sprechen vorangeht und einfacher ist. Ein weiterer liegt in der Feststellung, dass Kinder sich beim vokalen Lernen primär wie folgt orientieren:

  • an deutlichen Kontrasten: hoch-tief, betont-unbetont, lang-kurz, Anfang und Ende einer vokalen Äußerung, z.B. Pause oder andere Markierungen;

  • am regelmäßigen Puls oder Metrum, an welchen sich die Bewegungen angleichen;

  • an Vertrautem, d.h. an Wiederholungen und Variationen;

  • an Silben und Phrasen als Einheiten – und noch nicht am einzelnen Wort.

Beim Singen werden in erster Linie die Vokale (der Silben) verlängert, jede Silbe wird mit einer relativ stabilen Tonhöhe erzeugt (Silbe – Ton), und die Körperbewegungen schwingen mit dem Puls oder Metrum mit. Beim Sprechen hingegen werden in erster Linie Silben artikuliert, sie werden zu Wörtern und eventuell zu Aussagen oder Sätzen kombiniert. Es entstehen Sprechakte, mit denen andere Absichten und Emotionen einhergehen als mit Lieder Singen. Hier herrschen positive und spielerische Gestimmtheit vor, was es dem Kind erleichtert, Silben und Phrasen zu unterteilen oder zu segmentieren, mitzusingen und sich dabei gleichzeitig an das Modell anzupassen, sich mitzubewegen und dadurch das Metrum körperlich zu verankern.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zu Sprache und Sprachbildung

Sprachförderung ist eine Querschnittsaufgabe in Kitas. Deshalb hat sie auch in der Kita-Konzeption einen besonderen Stellenwert. Überprüfen Sie mit den Reflexionsfragen, wie Sie den Bereich der Sprachförderung in Ihrer Konzeption darstellen. Dokument herunterladen

Beispiele für die Early Literacy-Förderung

Manche Kinder in Ihrer Gruppe werden eventuell sprachliche Einschränkungen haben, wobei andere sich bereits sehr gut ausdrücken können. Schauen Sie, welche Hinweise Sie entweder zur Unterstützung oder zur Förderung praktisch anwenden können, um den Kindern die Sprachfähigkeit näher zu bringen. Dokument herunterladen

Eine Quinte umfasst fünf Töne im Abstand von sieben Halbtönen, z.B. C – G.


Eine Oktave umfasst acht Töne im Abstand von zwölf Halbtönen, z.B. C – C.


Eine Phrase umfasst gesungene oder gesprochene Silben oder Wörter, die während der Ausatmung geäußert werden, oder es ist der Teil einer Äußerung, welcher sich durch eine kurze Pause von anderen Teilen getrennt ist.


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