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So vermeiden Sie Geschlechter-Diskriminierung

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»Mädchen oder Junge?« Die häufig erste Frage auf die Ankündigung der Geburt zeigt, wie stark die Einteilung von Menschen in zwei Gruppen, weiblich und männlich, für die Gesellschaft als Ordnungsgesichtspunkt gesetzt wird. Wer in einen Kinderwagen schaut und das Kind bewundert, kann nicht von vorne herein erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Anhaltspunkte geben die Namensgebung, die Sprache, und – je nachdem – die Kleidung des Säuglings. Eltern betonen Geschlechterstereotypen mehr oder weniger stark, in der Wahl der Kleidung, der Spielsachen, der Aktivitäten und in ihren Verhaltensweisen gegenüber dem Kind. Erwachsene spielen und sprechen mit Säuglingen unterschiedlich, je nachdem ob sie denken, es handle sich um einen Jungen oder um ein Mädchen und schreiben ihnen unterschiedliche Eigenschaften zu. Auch das professionell ausgebildete Personal in Kitas gestaltet Bildungs- und Fördersituation unterschiedlich, je nachdem, ob sie mit einem Mädchen oder einem Jungen interagieren, sogar dann, wenn die Materialauswahl gleich und vorgegeben ist (Brandes et al., 2016). Durch die Bezugspersonen wie auch weitere gesellschaftliche Einflüsse erfolgt bereits früh die Geschlechtersozialisation, gesteuert und absichtlich, aber auch mindestens ebenso stark ungeplant und implizit.

Das Kind wird nicht nur sozialisiert, es ist in seinem Sozialisationsprozess auch selbst aktiv. Gerade zwischen zwei und sechs Jahren, erfährt das Kind viel über Geschlecht als Kategorie und eignet sich Geschlechterwissen an. Dieses reicht von der Selbst-Kategorisierung und dem Erkennen der Geschlechterzugehörigkeit anderer Personen, zu Vorstellungen, was Frau-Mann-Mädchen-Junge-Sein bedeutet, zur Vorstellung der Konstanz der Geschlechterzugehörigkeit und zum Wissen über Geschlechternormen. Kinder bringen unterschiedliche Vorstellungen von Geschlecht in die Kindertageseinrichtung ein und verändern diese im Verlauf ihrer Entwicklung. Im Alter von fünf bis sechs Jahren weisen sie oft eine sehr rigide, stereotype Vorstellung auf, die sie danach wieder relativieren (Halim/Ruble, 2010).

So allgegenwärtig ist in der Gesellschaft die sogenannte binäre Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit, dass vergessen wird, dass diese Ordnung nicht natürlich gegeben ist, sondern sozial konstruiert. Die soziale Konstruktion und Herstellung durch soziale Prozesse von Geschlecht, verdeutlicht der englische Begriff ‘Gender’, im Unterschied zum Begriff ‘Sex’, der auf das biologische Geschlecht bezogen ist. Allerdings wird auch dieser Begriff kritisch diskutiert, da der Gegensatz zwischen Gender und Sex auch dazu führen kann, dass von essentiell-biologische Geschlechterdifferenzen ausgegangen wird (Rendtorff/Stroot, 2013). Weil Geschlecht sozial konstruiert ist, sind Vorstellungen davon, was männlich und weiblich ist, wandelbar und in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Bedeutsam ist zudem die Erkenntnis, dass die Zuteilung zu entweder männlich oder weiblich für einen Teil der Menschen nicht dem eigenen Empfinden und Selbstverständnis entspricht. Geschlecht nicht als gegeben, sondern in sozialen Prozessen ausgehandelt, anzusehen, bedeutet das Infrage-Stellen von gesellschaftlichen Ordnungen, Machtverhältnissen und Autoritäten und verlangt einen Blick auf weitere Unterscheidungen, Wertungen und Normen, wie beispielsweise die soziale Ordnung der traditionellen Familienformen oder der Heterosexualität. Für diese Auseinandersetzung um die Bedeutung von Geschlecht und gesellschaftliche Ordnungen sind nach Ricken und Balzer (2012) die Arbeiten der Philosophin Judith Butler zentral. Übertragen auf die Bildung bedeutet gendergerechte Bildung, dass Geschlecht als Gender, als sozial konstruierte Kategorie, verstanden wird und dass im pädagogischen Handeln Geschlechterstereotypisierungen möglichst vermieden werden sollen, um für das Kind Chancengerechtigkeit zu sichern.

Chancengerechtigkeit unabhängig vom Geschlecht zu sichern entspricht dem demokratischen Bildungsauftrag, zu dem Kindertageseinrichtungen wesentlich beitragen. Die Gleichstellung der Geschlechter fängt in der frühen Kindheit an. Als gesetzliche Grundlage ist auf die UNO Kinderrechtskonvention hinzuweisen.

Hinweis

Die UNO Kinderrechtskonvention betont das Recht des Kindes «ohne jede Diskriminierung, unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormunds» (Artikel 2) aufzuwachsen. Die Bildung muss darauf ausgerichtet sein, «das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten» (Artikel 29). Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein universeller Auftrag an Kindertageseinrichtungen.

Geschlecht ist jedoch immer auch in Relation zu anderen Faktoren zu sehen, wie soziale Schicht, Armut, Migration, Behinderung, sexuelle Orientierung (Intersektionalität) (Rendtorff/Stroot, 2013). Für alle diese Faktoren gilt, dass es der Auftrag der Kindertagesstätte ist, gegen jegliche Diskriminierung anzugehen und sicherzustellen, dass sich alle Kinder als Teil der Gemeinschaft wertgeschätzt erfahren.

Literatur

Brandes, H./Andrä, M./Röseler, W./Schneider-Andrich, P. (2016): Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der Tandem-Studie zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern. Berlin: Budrich.

Halim, M. L./Ruble, D. (2010): Gender identity and stereotyping in early and middle childhood. In J. C. Chrisler/D. R. McCreary (Eds.): Handbook of gender research in psychology (S. 495–525). New York: Springer.

Rendtorff, B./Stroot, T. (2013): Immer dieses „gender“ … Zur aktuellen Relevanz von ‘gender’ in der Schule. Politisches Lernen, (1-2), S. 5–13.

Ricken, N./Balzer, N. (2012): Judith Butler: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer.

Ergänzende Arbeitshilfen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zu Gender

Die Kindertageseinrichtung als wichtige Sozialisationsinstanz kann das Entwicklungsthema „Gender“ verengen oder Mädchen und Jungen vielfältige Zugänge zum Mädchen-sein, Junge-sein, Frau-werden, Mann-werden anbieten. Mithilfe der Reflexionsfragen prüfen Sie Ihren eigenen Zugang zu diesem wichtigen Thema. Dokument herunterladen

Merkblatt: UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK)

Die UN-Kinderrechtskonvention bildet den Grundstein für die aktuellen Kinderrechte. Hier bekommen Sie eine kurze Einführung in das Vertragswerk und dessen Rechtsstatus. Dokument herunterladen

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