Abschnitt: Kooperationen und Netzwerke → Kooperation mit Kindertagespflege
 

Ein empirischer Blick auf die Kooperation von Kita und Tagespflege

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Im Folgenden wird auf der Grundlage ausgewählter empirischer Daten der Blick auf die Umsetzung von Kooperationen bzw. eines integrierten Gesamtsystems der Kindertagesbetreuung im Dreieck von öffentlichem Jugendhilfeträger, Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege gerichtet.

Umsetzung eines integrierten Gesamtsystems aus Sicht des öffentlichen Jugendhilfeträgers

Ein integriertes Gesamtkonzept geht formalrechtlich aus vom öffentlichen Jugendhilfeträger, der als Gesamtverantwortlicher im Zuge seiner Gewährleistungspflicht (§ 79 SGB VIII) Leistungen im Bereich der Kindertagesbetreuung verpflichtend vorzuhalten hat. Ein solches Konzept setzt an vielen Ebenen an. Pabst und Schoyerer (2014) haben als relevante Merkmale beispielsweise eine gleichrangige Einbeziehung von Kindertagespflege und institutioneller Kindertagesbetreuung in den Jugendhilfeplanungsprozess, zusammengeführte Verwaltungsbereiche und gemeinsame Arbeitskreise (z.B. zur Vermittlung) zugrunde gelegt und gezeigt, dass aus Sicht der befragten Jugendamtsbezirke1 die Umsetzung von integrierten Gesamtkonzepten in den letzten Jahren um rund 30 % angestiegen ist (2009: 35,5 %; 2012: 45,9 %). Von den Jugendämtern, die ein integriertes Gesamtkonzept anbieten, geben im Jahr 2012 41 % an, dass es etabliert oder voll und ganz etabliert ist. 34,2 % wählten die Mitte der Zustimmungsskala. 11,0 % waren erst im Aufbau. Blickt man dagegen auf den Stand der Umsetzung von Kooperation zwischen Kindertagespflege und Kindertageseinrichtung, zeigt sich ein gänzlich anderes Bild.

Kooperation zwischen Kindertagespflege und Kindertageseinrichtung aus Sicht von Kitas

Bundesweit arbeiten nach einer repräsentativen DJI-Kita-Studie unter Berücksichtigung lokaler und regionaler Unterschiede rund 13 % aller Kindertageseinrichtungen in irgendeiner Form mit einer Tagespflegeperson zusammen (van Santen, 2013). Im Vergleich zu fünf Jahren zuvor hat sich dies trotz der intensiven Debatten um dieses Thema (z.B. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2011, 2013) nicht wesentlich verändert (2007: 12,4 %). Wenn Kindertageseinrichtungen mit Tagespflegepersonen kooperieren, dann häufig, wenn die Kindertageseinrichtung Kinder unter drei Jahren betreut, da für diese Altersgruppe die Kindertagespflege eine synchrone Referenz bietet (van Santen, 2013).

Ebenso wird in der Studie deutlich, dass aus Sicht der befragten Kindertageseinrichtungen die Zusammenarbeit mit Tagespflegepersonen darin besteht, dass sie die Tagespflegepersonen fachlich unterstützen. Dies trifft bundesweit auf 8 % aller Kitas zu. Die zweithäufigste Nennung hinsichtlich der Zusammenarbeit besteht in der Abdeckung von Zeiten jenseits der Kita-Öffnungszeiten, obgleich diese Form der Kooperation im Zeitverlauf abgenommen hat. Ebenfalls keine Verbesserung hat es nach den Daten dieser Studie bei der Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtungen und Tagespflegepersonen hinsichtlich der Lösung von Vertretungsproblemen gegeben. Nur 2 % der Kitas übernehmen im bundesdeutschen Durchschnitt eine Ersatzbetreuungsfunktion, falls eine Tagespflegeperson krankheits- oder urlaubsbedingt ausfällt. Obgleich der Umgang mit Ausfallzeiten für Tagespflegepersonen als ein zentrales Problem gilt, dessen Lösung eine gesetzliche Pflichtaufgabe des öffentlichen Jugendhilfeträgers ist (Schoyerer/Weimann-Sandig, 2015), wird offenbar die Kita überwiegend nicht als Teil der Lösung einbezogen – diese problematische Situation stattdessen den Tagespflegepersonen überwiegend selbst überlassen.

Kooperation mit Kitas aus Sicht von Tagespflegepersonen

Es gibt allerdings auch erste Hinweise, dass die Kooperation mit Kitas auch aus Sicht von Tagespflegepersonen keine große Relevanz hat, da die Zusammenarbeit nicht auf die Bedarfe der Tagespflegepersonen abgestimmt sei (Schoyerer/Weimann-Sandig, 2015). Dies zeigt sich zum Beispiel im Umgang mit Ausfallzeiten. Als Hauptproblem geben viele Tagespflegepersonen den Umstand an, dass eine Vertretung ihrer Person für die betreuten Kinder zwangsläufig die Konfrontation mit einer ganz oder relativ fremden anderen Person, die die Betreuung übernimmt, bedeutet. Hinzu kommt, dass die Ersatzbetreuung von einer anderen Person nicht ohne weiteres in den Räumen der Tagespflegeperson geleistet werden darf, sondern jeweils nur in den eigenen bzw. anderen geeigneten Räumen. Für das Kind bedeutet dies eine ungewohnte Situation in einer fremden Umgebung: sowohl was die Bezugsperson als auch was die Räume bzw. die soziale Umgebung der Kindergruppe betrifft, wenn die Ersatzbetreuung von einer Kita übernommen wird.

Auch wenn Kinder im Vertretungsfall in einer vertrauten Kita betreut werden – das heißt der Ort der Betreuung als vertraut gelten kann, allerdings die Ersatz-Betreuungsperson nicht konstant sein muss – wird diese Lösung mit Verweis auf das Kindeswohl für unpassend gehalten und daher überwiegend abgelehnt. Als ein weiteres gravierendes Problem im Vertretungsfall wird von Tagespflegepersonen eine daraus für sie resultierende finanzielle Mehrbelastung genannt. So scheint es zwar fragwürdige, aber durchaus gängige Praxis zu sein, dass im Fall von zur Verfügung stehender Vertretung die Nutzung damit verbunden ist, dass die dafür anfallenden Kosten an die Vertretung übernehmende Kita abzuführen ist.

Literatur

Pabst, C./Schoyerer, G. (2014): Wie entwickelt sich die Kindertagespflege in Deutschland? Empirische Befunde und Analysen aus der wissenschaftlichen Begleitung des Aktionsprogramms Kindertagespflege. Weinheim/Basel.

Santen, v. E. (2013). Präsentation der ersten vorläufigen Ergebnisse zur DJI-Kita-Studie. München.

Schoyerer, G./Weimann-Sandig, N. (2015): Tagespflegepersonen in tätigkeitsbegleitender ErzieherInnenausbildung. Die Sicht von Tagespflegepersonen auf Berufsmotivation, Alltagsmanagement und öffentliche Förderung. München.

Datengrundlage sind 158 Jugendamtsbezirke, die als Modellstandorte im Rahmen des Aktionsprogramms Kindertagespflege im Zeitraum von 2009 bis 2012 systematisch untersucht wurden (Pabst/Schoyerer 2014)


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