Abschnitt: Kooperationen und Netzwerke → Die Kita im Sozialraum
 

So analysieren Sie das soziale Umfeld Ihrer Kita

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Sozialraumanalysen versuchen die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner zu erfassen und zu verstehen. Demnach stehen ihre Perspektiven im Vordergrund und Aufgabe der Fachkräfte ist es, die Sicht der dort lebenden Menschen einzunehmen. Die Analyse erfasst dabei objektivierbare Daten genauso wie subjektive Einschätzungen. »In der Sozialraumorientierung geht es nicht darum, mit pädagogischer Absicht Menschen zu verändern, sondern darum, unter tätiger Mitwirkung der betroffenen Menschen Lebenswelten zu gestalten und Arrangements zu kreieren, die dazu beitragen, dass Menschen auch in prekären Lebenssituationen zurechtkommen« (Hinte, 2017). Boettner (2009) zeigt hierbei zwei verschiedene Ansätze auf: (1) strukturorientiert: Fokus auf sozialer und demographischer Zusammensetzung sowie quantifizierbaren Merkmalen der baulichen Ausstattung und Infrastruktur und (2) phänomenologisch- und interaktionsorientiert: Fragestellung, wie sich der Sozialraum in subjektiver Perspektive und sozialer Alltagspraxis darstellt, was er bedeutet und welche Handlungsrelevanz er besitzt.

Bei der Durchführung der Analyse sollten folgende methodische Teilaufgaben berücksichtigt werden:

  • Analyse der Sozialdaten: Auswertung relevanter sozialräumlicher Daten, Aufstellen erster Hypothesen, Überprüfen der Hypothesen durch theoretische Fundierung

  • Strukturierte Begehung: subjektive Einschätzung und Bewertung des eigenen Erlebens, Bewertung ausgewählter Kriterien (z.B. Kontakt-, Freizeit-, Ressourcen-Räume), Foto-Dokumentation und Bewertung der gesammelten Eindrücke

  • Interviews mit der Zielgruppe (Beteiligtenperspektive) sowie mit Fach-Expertinnen und -experten: Planung der Gespräche und inhaltlicher Schwerpunkte, Erstellen von Gesprächsleitfäden und Auswertungsmatrix, Generieren von Hypothesen

  • Analyse von Netzwerken: Erstellen von Netzwerkkarten und Bewegungsanalysen, Generieren von Hypothesen

  • Berücksichtigung und Auswertung theoretischer Ansätze: Relevanz theoretischer Begründungskontexte der Modelle von z.B. Thiersch und Hinte, Übertragbarkeit auf den konkreten Sozialraum, Handlungsorientierung

  • Analyse der Angebotsstruktur: Dokumentation auf einer Landkarte, Bewertung bezogen auf z.B. Erreichbarkeit, Öffnungszeiten etc.

  • Auswertung der Ergebnisse: Analyse der erhobenen Daten, Interviews, Netzwerkanalysen und Begehungen, Ergebnisdiskussion und Auswertung, Ableitung von Vorschlägen.

Als begleitende Arbeiten sollte der Arbeitsprozess protokolliert werden, z.B. dahingehend, wie Entscheidungen getroffen und welche Arbeitsschritte vereinbart wurden, aber auch wie methodische Schritte begründet und Schwierigkeiten bearbeitet wurden.

Hinte (2017) formuliert darüber hinaus folgende fünf Prinzipien: (1) Wille und Interessen der Menschen als Ausgangspunkt, (2) aktivierende Arbeit vor betreuender Arbeit, (3) Orientierung an von Betroffenen formulierten und durch eigene Kraft erreichbare Ziele, (4) zielgruppen- und bereichsübergreifende Aktivitäten sowie (5) Vernetzung und Integration der verschiedenen sozialen Dienste als Grundlage für funktionierende Einzelhilfen.

Faktoren für gelingende sozialräumliche Orientierung

Sozialräumliche Orientierung steht in enger Abhängigkeit zu den sich verändernden Gegebenheiten einer Kita und ist somit individuell und einem stetigen Wandel unterlegen. Es gibt daher kein Standard-Konzept, das jede Kita einfach adaptieren kann. Denn Kitas, wie auch viele andere außerfamiliale Bildungseinrichtungen und -angebote, sind im unmittelbaren Wohnumfeld von Familien/im Stadtteil verortet (Corell et al. 2015).

Kennzeichen für eine gut arbeitende sozialräumliche Institution ist, dass sie den Menschen in den Blick nimmt. Es gilt, die Menschen als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelten wahrzunehmen (Deinet, 2009) und sie immer wieder mit all ihren Möglichkeiten sich einzubringen, ihren Potentialen und Stärken, in den Mittelpunkt der Betrachtung auf- und wahrzunehmen. Es lohnt sich daher, möglichst viele Bedingungen und Einflussfaktoren in das Zentrum zu rücken (Roth, 2015). Dabei gilt es vor allem folgende Faktoren zu beachten: (1) Niedrigschwellige Angebote, (2) Haltung, (3) Vorurteilsbewusstsein, (4) Parallelstrukturen aufdecken/vermeiden sowie (5) Systemische Perspektive einnehmen.

(1) Niedrigschwellige Angebote erleichtern es Eltern, Kontakt zu Einrichtungen aufzunehmen (vgl. Corell et al. 2015). Durch das vertraute Umfeld Kita sinkt die Hemmschwelle, Angebote anzunehmen, mögliche Hilfebedarfe lassen sich frühzeitig entdecken. Kitas »bieten eine Chance, der Mehrdimensionalität benachteiligter Lebenslagen von Kindern und Familien zu begegnen, wenn sie mit den im Sozialraum vorhandenen Partnern zusammenarbeiten und deren Kompetenzen sowie Möglichkeiten nutzen« (Frink, 2015a). Unterstützungs-/Beratungsangebote, gestaltet als niedrigschwellige Angebote in der Kita, werden häufig besser angenommen (Schneider, 2015). Beispiele für mögliche Angebote/Hilfen als »zentraler Bestandteil der niedrigschwelligen Zusammenarbeit mit Eltern« (Corell et al. 2015) sind: Themen-Elternabende, Eltern-Cafés oder Beratungsangebote im Haus.

Für das Gelingen sozialräumlicher Orientierung ist (2) Haltung essentiell. Sie »beschreibt eher die persönliche Seite des Akteurs, der mit einer Grundeinstellung an die Sozialraumanalyse herangeht« (Fink, 2015c). Es geht um Bereitschaft und Offenheit zum Dialog. Eine dialogische Haltung unterstützt das Ziel in gemeinsamer Verantwortung zu handeln und zu gestalten (Roth, 2015). Nur im dialogischen Kontakt können die nötigten Informationen von beiden Seiten nachgefragt und wichtige Informationen zur Verfügung gestellt werden (Schröder, 2016). Es geht auch um Wertschätzung und Respekt. Eine grundlegende Haltung besteht im Einnehmen einer Beobachter- und Forscherperspektive, um auf dieser Grundlage zunächst dem Beobachten und Verstehen Vorrang vor der Kontaktaufnahme und Intervention zu geben (Deinet, 2009). Es geht um eine personenzentrierte Haltung, die eine Handlungsbereitschaft und aktive Beteiligung aller Beteiligten in den Fokus rückt, wie auch um Anerkennung und einen veränderten Zugang zu den Ressourcen des Sozialraums (Hinte, 2017). Darüber hinaus sind Partizipation und Beteiligung in der sozialräumlichen Haltung ein besonderes Merkmal (Frink, 2015c).

(3) Vorurteilsbewusstsein meint, sich die eigenen Vorurteile bewusst machen, sie nicht ignorieren oder ausblenden (Roth, 2015). Es heißt, sich selbst und seine Widersprüche/Irritationen zu hinterfragen. Vorurteile dienen der eigenen Sicherheit. »Kategorisierungen helfen Erfahrungen und Sinnesreize zu ordnen« (Wagner, 2017). Diese Fähigkeit dient dem sinnvollen Strukturieren, Überprüfen und Sichern der eigenen Lebenswelt (Roth, 2015). Denn niemand ist frei von Vorurteilen und bewertet eine ganze Gruppe auf der Grundlage einer einzelnen oder ohne persönliche Erfahrung (Wagner, 2017). Vorurteile können demnach dazu führen, dass der eigene Aktionskreis sehr begrenzt ist. Dieser Ausschluss von etwas kann auch dazu führen, dass Andere ausgeschlossen oder diskriminiert werden. Diese negative Seite von Vorurteilen gilt es zu vermeiden.

Auch gilt es (4) Parallelstrukturen aufzudecken/zu vermeiden. Durch gezielte Vernetzungen im Sozialraum können über Kooperationen mit Akteuren und Institutionen Familien noch besser erreicht und bedarfsgerechter unterstützt werden (Schröder, 2016). Wichtig ist zu sehen, wo es bereits bestehende Netzwerke gibt, auf die verwiesen werden kann.

Eine (5) systemische Perspektive sieht über das Kind hinaus und bezieht die Lebenswelt und den Sozialraum mit ein (Schneider, 2015). In der Kita treffen verschiedene Systeme aufeinander. Alle verfolgen als gemeinsames Ziel, bestmögliche Bedingungen zu schaffen. So entsteht eine spannende Dynamik, denn nicht immer stimmen die Wege überein. Ein konsequent sozialräumlicher Blick, ausgehend von der gesamten Lebenssituation und -umwelt der Kinder ist notwendig (Jares, 2014). Es lohnt sich, möglichst viele Bedingungen und Einflussfaktoren für die Zusammenarbeit in den Blick zu nehmen (Roth, 2015).

Literatur

Boettner, J. (2009): Sozialraumanalyse – soziale Räume vermessen, erkunden, verstehen. In Michel-Schwartze, Brigitta (Hg.): Methodenbuch soziale Arbeit. Basiswissen für die Praxis. VS Verlag Wiesbaden, S. 259–292.

Deinet, U. (2009): Sozialräumliche Haltungen und Arbeitsprinzipien. In Deinet, U. (Hg.): Methodenbuch Sozialraum. VS Verlag Wiesbaden, S. 45–62.

Verlag Wiesbaden.

Frink, M. (2015a): Sozialräume als Lebenswelten. In Schneider, A./Herzog, S./Kaiser-Hylla, C./Pohlmann, U. (Hg.): Kindertageseinrichtungen. Qualitätsentwicklung im Diskurs. Verlag Barbara Budrich Opladen Berlin Toronto, S. 94–100.

Frink, M. (2015c): Sozialraumorientierte Haltugnen und Arbeitsprinzipien. In Schneider, A./Herzog, S./Kaiser-Hylla, C./Pohlmann, U. (Hg.): Kindertageseinrichtungen: Qualitätsentwicklung im Diskurs. Verlag Barbara Budrich Opladen Berlin Toronto, S. 101–103.

Hinte, W. (2017): Das Fachkonzept »Sozialraumorientierung« – Grundlage und Herausforderung für professionelles Handeln. In Fürst, R./Hinte, W. (Hg.): Sozialraumorientierung. Facultas Verlags- und Buchhandels AG Wien, S. 13–32.

Jares, L. (2014): Die Kita im Stadtteil. Die Bedeutung von Sozialraumorientierung. In Kindergarten heute, 44 (11), S. 30-34.

Roth, X. (2015): Wie Bildungs- und Erziehungspartnerschaft gelingt: Eltern und Kita auf Augenhöhe. In Schneider, A. (Hg.): Die Kita als Türöffner – Wege zur Sozialraumorientierung. Cornelsen Berlin. S. 13–28.

Schneider, A. (2015): Kitas öffnen sich. Sozialraum- und Lebensweltorientierung. In Schneider, A. (Hg.): Die Kita als Türöffner – Wege zur Sozialraumöffnung, Cornelsen Berlin, S. 72–85.

Schröder, A. (2016): Eckpunkte nachhaltiger Eltern- und Bildungsbegleitung. DRK Berlin. URL: www.elternchance.de/fileadmin/elternchance/dokumente/Eckpunkte_nachhaltiger_Eltern-_und_Bildungsbegleitung_DRK.pdf

Wagner, P. (2017): Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen – aber wie kann man das lernen? In Wagner, P. (Hg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder Freiburg, S. 262–279.

Ergänzende Arbeitshilfen

Übersicht: Sozialraumorientierung

Diese Arbeitshilfe gibt Ihnen eine Übersicht über das Thema Sozialraumorientierung. Mit welchen Punkten befasst sich dieses Konzept und wie sind diese umzusetzen? Dokument herunterladen

Konzeptionsentwicklung: Reflexionsfragen zur Vernetzung im Sozialraum

Kitas sind Akteure im Sozialraum. Die Vernetzung mit anderen Institutionen und Personen ist für Sie extrem wichtig. Daher sollten Sie Ihre Haltung zu Kooperations- und Vernetzungsfragen reflektieren und auf dieser Grundlage in Ihrer Konzeption verankern. Dokument herunterladen

Merkblatt: Netzwerkarbeit Frühe Hilfen

Hier erfahren Sie, was die Netzwerkarbeit im Bereich der Frühen Hilfen ausmacht. Welche Qualitätsmerkmale gibt es? Welchen Nutzen hat sie? Und wie kann das Netzwerken möglichst wirksam gestaltet und umgesetzt werden, damit die Familien und Eltern optimal beim Umgang mit den Kleinkindern unterstützt werden können und auch die Anlaufstellen kennen. Dokument herunterladen

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