Abschnitt: Kitas in Deutschland – Ein Überblick → Die Kita als Bildungsinstitution
 

Die Bedeutung außerfamiliärer Bildungsstätten

kindergarten-2456159_1920.jpg

Wenn die Erkenntnisse der Entwicklungs- und pädagogischen Psychologie Bedingungswissen zu frühkindlichen Lernprozessen bereitstellen, bedarf die frühpädagogische Praxis zusätzlich eines Handlungswissens zur Gestaltung der Lernsettings.

Pädagogische Ansätze

Als Handlungskonzepte für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen spielen die pädagogischen Ansätze eine zentrale Rolle (zum Überblick: Fthenakis/Textor, 2000; Strehmel, 2008). Pädagogische Ansätze begründen pädagogisches Handeln mit Verweis auf explizierte Grundannahmen, definieren Ziele und Prinzipien für die pädagogische Interaktion, schlagen Materialien und Methoden vor und liefern hierbei mehr oder minder umfassende und schlüssige Entwürfe guter Praxis.

Als reformpädagogische Ansätze sind die Fröbelpädagogik, die Montessoripädagogik, die Waldorfpädagogik und die Reggio-Pädagogik bekannt. Weitaus weniger Beachtung finden die Ansätze von Paulo Freire und Célestin Freinet (Bruns, 2011). In Westdeutschland hat sich seit den 1970er Jahren der Situationsansatz etabliert (Laewen et al., 1997). Neuere konzeptionelle Ergänzungen betreffen die Offene Arbeit (Gruber/Siegel, 2008) oder die Altersmischung (Griebel, 2004). Freie Träger von Kindertageseinrichtungen, insbesondere Elterninitiativen, definieren sich nicht selten über einen spezifischen reformpädagogischen Ansatz.

Orientierungs-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität

Forschungsbasierte Informationen für die Gestaltung und Weiterentwicklung von Betreuungssettings liefert die frühpädagogische Qualitätsforschung. Entsprechende Betreuungsstudien nutzen das erweiterte Struktur-Prozess-Modell der pädagogischen Qualität (Tietze et al., 2013), das normative Orientierungen der Fachkräfte (z.B. Erziehungsziele), Strukturparameter der Einrichtung (Größe und Zusammensetzung der Kindergruppe, Fachkraft-Kind-Relation, Qualifikation der Fachkräfte), Qualitäten der pädagogischen Interaktion (Anregungsgehalt, emotionales Klima) sowie resultierende Entwicklungsmerkmale des Kindes (z.B. Sprachstand, Verhaltensanpassung, kindliches Wohlbefinden) unterscheidet. Dieses theoretische Rahmenmodell dient zahlreichen nationalen wie internationalen Betreuungsstudien und Panels als Grundlage, etwa der US-amerikanischen NICHD-Studie (NICHD ECCRN, 2002), der deutschen BiKS-Studie (Kluczniok/Roßbach, 2014) und dem Nationalen Bildungspanel (Fey et al., 2012). Die vorliegenden Befunde bestätigen den Einfluss der Orientierungs- und Strukturqualität auf die kindliche Entwicklung. Eine größere Bedeutung besitzt jedoch die Prozessqualität. Mit Blick auf kompensatorische Effekte – über die Teilhabe an früher Bildung werden herkunftsbedingte Unterschiede in kindlichen Entwicklungs- und Kompetenzständen minimiert – raten die vorliegenden Befunde zu Bescheidenheit.

Steuerung von Systemen frühkindlicher Betreuung und Bildung

Für die Steuerung von Betreuungssystemen greift das skizzierte Qualitätsmodell deutlich zu kurz (Kalicki, 2015). Hier spielen beispielsweise Fragen des bedarfsgerechten Angebots, der Erschwinglichkeit dieser Angebote für die Familien, des Zugangs, aber auch der Attraktivität des Praxisfelds Kindertagesbetreuung für die pädagogischen Fachkräfte eine bedeutsame Rolle. Alle diese Aspekte werden in der Qualitätsforschung nicht adressiert. Die Betreuungsstudien oder Panels berücksichtigen, anders als umfassendere Surveys mit Planungs- und Steuerungsfunktion (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), 2017), nur jene Kinder bzw. Familien, die das System tatsächlich nutzen. Grundlage jeder rationalen Steuerung von Betreuungssystemen sind fachlich begründete Standards einer guten Betreuung und Bildung (Viernickel et al., 2015), darüber hinaus aber auch eine verlässliche und aktuelle Datenlage. Dies erfordert eine indikatorengestützte Berichterstattung in Form der Dauerbeobachtung (Monitoring). Hinzu kommt die Anforderung, dass diese Daten auf der für die jeweilige Verwaltungs- bzw. Steuerungsebene entsprechenden Aggregationsebene verfügbar und aufbereitet sind (Jugendamt als Träger der öffentlichen Jugendhilfe, Land, Bund).

Auf der Ebene des Einrichtungsträgers und seiner Einrichtungen finden Planung, Steuerung und Qualitätssicherung durch eigene Datenerhebungen (z.B. Statistik zur Stadtentwicklung, Elternbefragungen), seltener im Rahmen einer kommunalen Bildungsberichterstattung statt. Konzepte und Instrumente der Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen liegen aus bundesweiten Projekten, insbesondere aber auf der Ebene der Wohlfahrtsverbände vor (Kalicki, 2015).

Der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für ein- und zweijährige Kinder, der durch die Einführung eines Rechtsanspruchs im August 2013 forciert wurde, gelang mit Unterstützung eines qualifizierten Monitorings in einem konzertierten Prozess. Ähnliches ist für den notwendigen weiteren Ausbau, die Qualitätsentwicklung und die nachhaltige Finanzierung des Betreuungssystems notwendig (BMFSFJ/JFMK, 2016) und gilt entsprechend für den anstehenden Ausbau der Schulkindbetreuung.

Als unterstützender Motor für die Weiterentwicklung der frühen Bildung in Deutschland liefern international vergleichende Daten zum Bildungssystem neue Urteilsmaßstäbe (OECD 2016), vergleichende Analysen zur Steuerung können Innovationen inspirieren und stimulieren (z.B. Klinkhammer et al., 2017).

Literatur

BMFSFJ/JFMK (2016): Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern. Zwischenbericht 2016 von Bund und Ländern und Erklärung der Bund-Länder-Konferenz. Berlin: BMFSFK/JFMK.

BMFSFJ (Hrsg.) (2017): Kindertagesbetreuung Kompakt. Ausbaustand und Bedarf 2016. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Bruns, A. (2011): Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Die pädagogischen Konzepte von Célestin Freinet und Paulo Freire im Vergleich. Oldenburg: Paulo Freire.

Fey, D. et al. (2012): Das Nationale Bildungspanel (NEPS) unter besonderer Berücksichtigung von Bildungsprozessen und -institutionen im vorschulischen Alter. In S. Viernickel et al. (Hrsg.): Krippenforschung: Methoden, Konzepte, Beispiele (S. 35–46). München: Reinhardt.

Fthenakis, W.E./Textor, M.R. (Hrsg.) (2000): Pädagogische Ansätze im Kindergarten. Weinheim: Beltz.

Griebel, W. (2004): Erweitere Altersmischung in Kita und Schule. Grundlagen und Praxishilfen für Erzieherinnen, Lehrkräfte und Eltern. München: Don Bosco.

Gruber, R./Siegel, B. (Hrsg.) (2008): Offene Arbeit in Kindergärten. Das Praxisbuch. Berlin: das netz.

Kalicki, B. (2015): Pädagogische Qualität und Qualitätssteuerung: Konzepte und Strategien. In Kalicki, B./Wolff-Marting, C. (Hrsg.): Qualität in aller Munde. Themen, Positionen, Perspektiven in der kindheitspädagogischen Debatte (S. 12–22). Freiburg: Herder.

Klinkhammer, N./Schäfer, B./Harring, D./Gwinner, A. (Hrsg.) (2017): Qualitätsmonitoring in der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Ansätze und Erfahrungen aus ausgewählten Ländern. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut.

Kluczniok, K./Roßbach, H.-G. (2014): Conceptions of educational quality for kindergartens. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17, Suppl. 6, 145–158.

Laewen, H.-J./Neumann, K./Zimmer, J. (Hrsg.) (1997): Der Situationsansatz – Vergangenheit und Zukunft. Seelze-Velber: Kallmeyer.

NICHD ECCRN (2002b). Child-care structure-process-outcome: Direct and indirect effects of child care quality on young children’s development. Psychological Science, 13, 199–206

Strehmel, P. (2008): Frühe Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen. In: Petermann, F./Schneider, W. (Hrsg.): Angewandte Entwicklungspsychologie (S. 205–236). Göttingen: Hogrefe.

Tietze, W./Becker-Stoll, F./Bensel, J./Eckhardt, A.G.et al. (Hrsg.) (2013): Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK). Berlin: das netz.

Viernickel et al. (2015): Qualität für alle. Wissenschaftlich begründete Standards für die Kindertagesbetreuung. Freiburg: Herder.

Ergänzende Arbeitshilfen

Gesprächsleitfaden Aufnahmegespräch

Beim Aufnahmegespräch sind Eltern oftmals nervös. Sorgen Sie mit einer strukturierten Gesprächsführung für eine entspannte Atmosphäre und bereiten Sie das Aufnahmegespräch mit dem vorliegenden Gesprächsleitfaden optimal vor. Dokument herunterladen

Nach oben

Anmelden