Abschnitt: Kitas in Deutschland – Ein Überblick → Entwicklung und aktueller Stand der Kindertagesbetreuung
 

Kitas im Wandel der Zeit

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© Yury Zap / Adobe Stock

Um die Entwicklung der Kindertagesbetreuung in Deutschland angemessen darstellen zu können, braucht es eine Betrachtung in Abhängigkeit vom jeweiligen politischen und gesellschaftlichen System. Vom Begriff einer institutionalisierten Kindertagesbetreuung, der heute selbstverständlich erscheint, war man bis in die Geschichte der Bundesrepublik bzw. der Deutschen Demokratischen Republik in Ostdeutschland weit entfernt. Denn der Begriff der Institution impliziert aus einer organisationssoziologischen Perspektive heraus nicht nur eine geregelte oder staatlich forcierte Einrichtung, sondern unterstreicht auch die Notwendigkeit der Akzeptanz und Habitualisierung durch die Gesellschaft, durch welche Institutionen zum Bestandteil der Lebenswelt der Menschen werden (Parsons, 1967). Über lange Zeit hinweg firmierten Kindertageseinrichtungen unter den Begrifflichkeiten Kleinkinderbewahranstalten oder christliche Kinderschulen und hatten das Ziel, Kinder aus armen Familien, insbesondere aus der sich durch die zunehmende Industrialisierung stetig wachsenden Proletarierschicht, zu betreuen (Erning/Neumann/Reyer, 1987).

Verberuflichung als Antwort auf die Industrialisierung

Mit der Industrialisierung wandelt sich nicht nur das Familienbild von der Großfamilie bäuerlicher Struktur zur Kleinfamilie städtischer Prägung, sondern auch die Rollenstruktur innerhalb der Familien. Vor allem innerhalb des Proletariats standen Väter und Mütter vor der Notwendigkeit, ein doppeltes Erwerbseinkommen zu erzielen, um die Familie ausreichend versorgen zu können (Nagel, 2000). Die Gründung so genannter Kinderaufbewahrungsanstalten kann dementsprechend als Reaktion des Staates auf die damals steigende Zahl sich selbst überlassener Kinder, steigender Unfallzahlen von Kindern sowie einer wachsenden Kriminalitätsrate unter Kinder gesehen werden. Analog zum Terminus Kinderaufbewahrungsanstalten stand zunächst die reine »Aufbewahrung« der Kinder im Vordergrund, dementsprechend gering waren die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verändert sich der Blick auf die Kindertagesbetreuung und damit auch der Bedarf an einer Verberuflichung. Mit Gründung des ersten Kindergartens durch Fröbel 1840 in Blankenburg (Harz) wurde ein Ort geschaffen, an dem Kinder unabhängig von ihrer sozialen Schicht betreut und pädagogisch gefördert werden sollten. Der Begriff Kindergarten wurde dabei von Fröbel nicht zufällig gewählt: entsprechend dem botanischen Vorbild sollten Kinder hier behutsam aufgezogen, mit notwendigen Nährstoffen wie Verständnis, Erziehung, Güte und Bildung hochgepäppelt werden. Ebenso schien es Fröbel wichtig, die Einzigartigkeit des Kindes, individuelle Veranlagungen und Förderbedarfe in das Konzept seines Kindergartens zu integrieren (Berger, 2015).

Mit den Ideen von Friedrich Fröbel gelangte die Diskussion um einen institutionalisierten Bildungs- und Betreuungsort für Kleinkinder aller sozialer Schichten in die Öffentlichkeit. Dennoch sollte es ausgehend von der Gründung des ersten Fröbel-Kindergartens mehr als ein Jahrhundert dauern, bis die Idee einer schichtübergreifenden Kindertagesbetreuung tatsächlich Einzug in ganz Deutschland hielt. Mit dem Fröbelschen Ursprungsgedanken, den Kindern bewusst einen Garten zur Verfügung zu stellen, sie wie Pflanzen zu ziehen, zu hegen und zu pflegen hatten viele dieser Entwicklungen nur wenig gemeinsam. In Preußen wurden Kindergärten ab 1850 verboten, weil man sie als Zellen für die Entfaltung sozialistischer Gesellschaftsstrukturen brandmarkte. Erst im Kaiserreich (1871–1918) rückte die Notwendigkeit einer staatlichen Kinderfürsorge in den Fokus der Bismarckschen Sozialgesetzgebung. Wenngleich die Betreuungseinrichtungen nach wie vor in konfessioneller Trägerschaft belassen wurden, verpflichtete sich der Staat, eine geregelte Ausbildung für Kindergärtnerinnen zu schaffen. Der erste Weltkrieg führte sodann zu einer kontinuierlich steigenden Nachfrage nach außerfamiliärer Kinderbetreuung: während die Väter Militärdienst absolvierten, verdingten sich die Mütter in der Kriegsindustrie. Für gemeinsame Familienzeiten war in diesen Jahren nur wenig Platz.

Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz bildete während der Weimarer Republik einen wichtigen Schritt für die pädagogische Weiterentwicklung der Kindergärten. Mit dem Recht der Kinder auf Erziehung entwickelte sich auch eine erweiterte wissenschaftliche Debatte um die Bedürfnisse von Kindern, frühkindliche Förderung und geeignete Erziehungsstile. Neben den Fröbelschen Einrichtungen kam es zur Etablierung erster Montessori- und Waldorf-Einrichtungen (Berger 1990) und dementsprechend zu ersten Spezialisierungen des Kindergartenpersonals. Allerdings währte dieser Aufwind nur kurz: bereits ab 1938 kam es in Deutschland und Österreich zu einer missbräuchlichen Nutzung der Kindergärten, um Kinder des Deutschen Reiches möglichst früh mit dem Nationalsozialistischen Gedankengut zu infiltrieren.

Kitas im Nationalsozialismus

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erfolgte ein gesellschaftlicher Gleichschaltungsprozess, der auch vor den Kindertageseinrichtungen nicht Halt machte. Konzeptionelle Auflagen erschwerten den freien Trägern eine unabhängige pädagogische Arbeit, alternative Einrichtungen wie Montessori- oder Waldorfkindergärten wurden komplett geschlossen. Die Kirchen demonstrierten dennoch erfolgreich Widerstand, ihre Einrichtungen in die Trägerschaft des nationalsozialistischen Staates abzugeben, fügten sich im Gegenzug aber den konzeptionellen und personellen Vorgaben. Konzeptionell wurden die Kindertageseinrichtungen als Orte der Gesundheitsbildung und Leibeserziehung von Kindern verstanden (Berger, 2005). Der Fokus lag hierbei weniger auf der Förderung der kindlichen Entwicklung, als vielmehr auf der »Produktion« eines möglichst zahlreichen und gesunden arischen Volkes. Das Kind wurde als unvollkommenes Lebewesen erachtet, das erst durch Heranreifen und nationalsozialistische Prägung zum verwertbaren Gesellschaftsmitglied wird. Als notwendige charakterliche Tugenden wurden Tapferkeit, Mut und Fügsamkeit als erheblicher Bestandteile des Erziehungskonzeptes verankert. Insbesondere ab der zweiten Hälfte des Weltkrieges nahm auch die Glorifizierung militärischer Praktiken in den Kindertageseinrichtungen einen hohen Stellenwert ein. Eine weitere wesentliche Grundlage des nationalsozialistischen Ausbildungskonzepts der Kindergärtnerinnen bildete die Erziehung nach klassischen Rollenbildern. So ablag es den Kindergärtnerinnen bereits den Kleinsten geschlechtsspezifische Orientierungen nationalstaatlicher Prägung an die Hand zu geben: für die Mädchen bedeutete dies eine Glorifizierung der Mutterrolle, für die Jungen der Dienst am Volk. Mit dem Zusammenbruch des 3. Reichs standen alle Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in Deutschland vor der Notwendigkeit einer Neuorganisation und erneuerten konzeptionellen Ausrichtung. Die Entnazifizierung des pädagogischen Personals bildete dabei einen ersten Ansatz. Dennoch ist über Erfolge bzw. Misserfolge in Kindergärten wenig wissenschaftlich-fundiertes Material zugänglich. Tatsächlich wurde ein Großteil der Kindergärtnerinnen kontinuierlich weiterbeschäftigt, auch wenn ein Großteil der NSDAP angehört hatte (Deffner, 2001).

Institutionalisierung der Kindertagesbetreuung in der BRD und DDR

In der DDR erfolgte nach Kriegsende relativ zügig der Auf- und Ausbau von Kindertageseinrichtungen, da alle weiblichen wie männlichen Arbeitskräfte zur Trümmerbeseitigung und dem Wiederaufbau von Industrie- und Agrarproduktion verpflichtet wurden. Bereits 1945 wurden die ersten Kindergärten in Berlin und später auch in anderen Regionen eröffnet (Boeckmann, 1993). Interessanterweise konnten sich die kirchlichen Einrichtungen der sozialistischen Gleichschaltung entziehen. So gab es in der DDR 275 evangelische und 142 katholische Kindergärten, die nicht an die staatlichen Erziehungspläne gebunden waren und vom Sowjet-Regime geduldet wurden (Hartmann/Rahner, 1997). Das Parteiprogramm der SED von 1946 bekennt sich zur absoluten Gleichstellung von Mann und Frau und leitet damit auch eine neue Familienpolitik ein: wenn Frauen gleichberechtigte Karriere und Berufsmöglichkeiten haben sollten, so brauchte es eine umfassende Kindertagesbetreuung vom ersten Lebensjahr bis zum Ende des Grundschulalters sowie politisch gesteuerte Bildungspläne, um das sozialistische Leitbild bereits früh in der Kindertagesbetreuung zu etablieren.

Der Kindergarten wurde dementsprechend als Bildungseinrichtungen verstanden, seine Bedeutung gesetzlich fixiert (Krecker, 1992). Die Betreuungszeiten waren eng an die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Familien gekoppelt. Öffnungszeiten von zehn bis zwölf Stunden entsprachen der Normalität. In Westdeutschland wurde mit Verabschiedung der demokratischen Grundordnung der BRD Bildung und Betreuung in den Verantwortungsbereich der einzelnen Bundesländer übertragen. Anknüpfungspunkte boten die pädagogischen Leitlinien der Weimarer Republik. Bis in die 1960er Jahre gab es keine wesentliche Erweiterung des Berufsbildes, insgesamt blieb der Bereich der frühkindlichen Bildung hier bis in die 1970er Jahre hinein untergeordnet (Gebauer, 2010). Entsprechend blieb die Institution Kindergarten weiterhin an die Kinder- und Familienhilfe gebunden. Mit Blick auf die Qualifizierung des pädagogischen Personals erfolgte erst in den späten sechziger Jahren eine qualitative und quantitative Verbreiterung der Ausbildung, an deren Ende der Abschluss als staatlich geprüfte/r Erzieher/in stand.

Der kontinuierliche Ausbau der Kindergärten in der DDR stand in keinem Verhältnis zur zurückhaltenden Kindertagesbetreuung in der Bundesrepublik. So existierten im Jahr 1972 in der DDR 11.226 Kitas, die rund 643.000 Kinder betreuten. Die Betreuungsquote lag damit bei den 3- bis 6-jährigen Kindern bei beachtlichen 69 % (Krecker 1977, S. 480). In der BRD existierten hingegen Betreuungsangebote überwiegend in den Großstädten, wobei die zur Verfügung stehenden Betreuungsplätze extrem divergierten. So gab es 1971 beispielsweise in Würzburg für ¾ der Kinder im Kindergartenalter eine Betreuungsmöglichkeit, in München hingegen für weniger als die Hälfte und in Hamburg für lediglich ein Viertel (Süddeutsche Zeitung vom 17.11.1972). 1989 erreichte die DDR das geplante Ziel einer flächendeckenden Kindertagesbetreuung mit einem Versorgungsgrad von 98 % (Tietze/Rossbach 1983).

Wegweisend für die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte war das von Margot Honecker herausgegebene »blaue Buch« (1985). Dieses beschrieb ausführlich und detailliert die Ziele einer pädagogischen Fachkraft im sozialistischen System. Es differenzierte zwischen der Arbeit mit jüngeren, mittleren und älteren Kindern im Kindergarten und differenzierte zwischen unterschiedlichen thematischen Kapiteln. Die Beschäftigung mit der Natur nahm dabei einen ebenso großen Stellenwert ein wie die musische oder ästhetische Erziehung. Darüber hinaus stand jedoch auch die sozialistische Propaganda im Mittelpunkt jeden Kapitels (Sültmann, 1990). Nach der Wende veränderte sich die Situation schlagartig: viele Betriebe schlossen ihre Betriebskindergärten, da diese nun nicht mehr staatlich finanziert wurden. Ebenso wurden die Kindergartengebühren durch die Anpassung an das westdeutsche Vorbild drastisch erhöht – was für viele Familien, die durch die Wende mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten, nicht mehr finanzierbar war. Die spürbare Folge: die Geburtenrate in Ostdeutschland ging innerhalb von zwei Jahren um rund 50 % zurück (Aden-Grossmann, 2002). Damit einher ging auch ein erheblicher Personalabbau in Ostdeutschland. Waren im Jahr 1991 noch 162.000 Arbeitsplätze in der Kindertagesbetreuung erfasst worden, so fanden sich 2002 nur noch 92.000 Arbeitsplätze (Gebauer 2010).

Zusammenfassend lassen sich folglich in der Entwicklung von Kindertageseinrichtungen zwei wesentliche Motive ausmachen (Franke-Meyer, 2016): die Phasen der Kindertagesbetreuung bis zur Zeit des Nationalsozialismus waren vor allem durch das Motiv der Sozialfürsorge gekennzeichnet. Die Verstädterung führte zu einem Wegfall großfamiliärer Strukturen, das steigende Bevölkerungswachstum gerade innerhalb der unteren Schichten zu einer zunehmenden Verelendung der Familien. Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in der Deutschen Demokratischen Republik, rückt die Beschäftigung mit pädagogischen Leitlinien und frühkindlicher Förderung in den Vordergrund der Ausbaubemühungen, allerdings mit unterschiedlichen Zielen: während in der DDR die Vermittlung der sozialistischen Einheitsideologie das Handeln der pädagogischen Fachkräfte maßgeblich beeinflussen sollte, war die konzeptionelle Vielfalt der Reformpädagogik in Westdeutschland handlungsleitend.

Literatur

Aden-Grossmann, W. (2002): Kindergarten. Eine Einführung in seine Entwicklung und Pädagogik. Weinheim.

Berger, M. (2005): »Heil Hitler Dir! Du bist und bleibst der beste Freund von mir«. Zur Kindergartenpädagogik im Nazi-Deutschland (1933–1945) – unter besonderer Berücksichtigung der Fachzeitschrift Kindergarten (1933–1942). Manuskript eines Vortrages, der am 31.01.2005 anlässlich einer Ausstellung (vom 31.01. bis 31.03.2005) des Ida Seele-Archis zur »Erziehung in Familie und Kindergarten während der Nazi-Diktatur« gehalten wurde. URL: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1258.html)

Boeckmann, B. (1993): Das Früherziehungssystem in der ehemaligen DDR. In: Tietze, W./Rossbach, H.-G. (Hrsg.): Erfahrungsfelder in der frühen Kindheit. Freiburg.

Deffner, S. (2001): Die Nachkriegswirren im bayerischen Volksschulwesen 1945–1954 unter besonderer Berücksichtigung der amerikanischen Reeducationsbemühungen. Dargestellt anhand konkreter Verhältnisse und Geschehnisse bevorzugt im bayerischen Franken. Inaugural-Dissertation. Erlangen.

Erning, G./Neumann, K./Reyer, I. (Hrsg.) (1987): Geschichte des Kindergartens. Freiburg.

Franke-Meyer, D. (2016): Geschichte der frühkindlichen Bildung in Deutschland. In: Bundeszentrale für politische Bildung. (Online abrufbar unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/239356/fruehkindliche-bildung)

Hartmann, U./Rahner, Chr. M. (1997): Zur Situation der konfessionellen Kindergärten in der DDR. In: Müller-Rieger, M. (Hrsg.): Wenn Mutti früh zur Arbeit geht …« Zur Geschichte des Kindergartens in der DDR. Dresden.

Krecker, M. (1992): Die Aufgabe der Kindergärten in der Etappe der antifaschistischen –demokratischen Umgestaltung 1949. In: Grossmann, W. (Hrsg.): Kindergarten und Pädagogik. Weinheim.

Sültmann, B. (1990): Dazu muss unbedingt etwas gesagt werden! In: Neue Erziehung im Kindergarten und Heim, Heft 4/1990.

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