Abschnitt: Kitaplanung und -entwicklung → Organisationstheorien
 

Innere und äußere Faktoren einer Kita, die Sie kennen sollten

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Makrostrukturelle Bedingungen

Kindertagesbetreuung kann in Deutschland auf eine mittlerweile lange wie aufregende Geschichte zurückblicken. Auf der Makroebene stellt das Feld der Kindertagesbetreuung einen Teilbereich der Kinder- und Jugendhilfe laut §§ 22 ff. des Kinder- und Jugendhilfegesetzes dar. Darüber hinaus regeln die Kindertagesstättengesetze der einzelnen Bundesländer alle länderspezifischen Umsetzungsvorgaben. Damit unterscheidet sich Deutschland von anderen Ländern, welche die Kindertagesbetreuung als Teil des Schulwesens betrachten. Die Kindertagesbetreuung umfasst laut § 22 SGB VIII die Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern. Allein diese rechtliche Sortierung weist der Kindertagesbetreuung in Deutschland damit eine sehr spezifische, makrostrukturelle Bedeutung zu. Betreuungseinrichtungen werden damit zunehmend zu familienergänzenden Institutionen, welche als sekundäre Sozialisationsinstanzen gemeinsam mit den Familien wesentlichen Einfluss auf die kindliche Sozialisation ausüben.

Dementsprechend muss es auf makrostruktureller Ebene folgende Zuordnungen geben: für die Betreuung der Kinder müssen flächendeckende Ganztagesplätze in der Kindertagesbetreuung vorhanden sein. Bereits seit 1996 haben alle Kinder ab drei Jahren bis zum Schuleintritt ein Recht auf einen Kindergartenplatz, seit 2013 hat jedes Kind ab Vollendung des ersten Lebensjahres das Recht auf einen Krippenplatz. Jedoch unterscheiden sich die Einrichtungen gerade mit Blick auf die Öffnungszeiten noch erheblich. Oftmals können hier regionale Disparitäten im Sinne eines Stadt-Land-Gegensatzes ausgemacht werden. Für die Bildung und Erziehung der Kinder bedarf es gut ausgebildeter Fachkräfte. Dementsprechend deutlich wird derzeit die Diskussion um eine Professionalisierung der Kindertagesbetreuung geführt. Die Eröffnung neuer Qualifizierungswege unter dem Aspekt der Akademisierung (Autorengruppe Fachkräftebarometer, 2017) aber auch des Quereinstiegs (Weimann-Sandig/Weihmayer/Wirner, 2016) stellt dabei nur zwei ausgewählte Debattenstränge dar. Zeitgleich bedarf es einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit umfassender Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, damit die pädagogischen Fachkräfte den sich verändernden lebensweltlichen Strukturen der zu betreuenden Kinder gerecht werden können. Nicht zuletzt spielen auch Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Sinne der Etablierung horizontaler Fachkarrieren (Weimann-Sandig 2017) eine große Rolle in der Professionalisierungsdiskussion. Nicht zuletzt haben auch die spezifischen Finanzierungslogiken in Deutschland Einfluss auf das System Kindertagesbetreuung.

Die Kindertagesbetreuung gehört in Deutschland zu den öffentlich geförderten Sektoren. Sie wird als gesellschaftlich relevant betrachtet, da sie gemäß § 22 (2) Kinder- und Jugendhilfegesetz als Instrument einer modernen Familien- und Beschäftigungspolitik sowohl eine Betreuungs-, als auch Bildungs- und Erziehungsfunktion hat (Jaich o.Z.)1. Allerdings ist die Kindertagesbetreuung aufgrund des föderalen Systems landesrechtlich geregelt. Die Kosten werden auf vier Säulen verteilt: Eltern, Träger, Kommunen und Länder sind zu unterschiedlichen Teilen für die Finanzierung verantwortlich, wobei sich diese Zusammensetzung zwischen den einzelnen Bundesländern unterscheidet. So wird der Elternbeitrag meist vom Träger festgesetzt und zum Beispiel nach Einkommen oder Anzahl der Geschwisterkinder gestaffelt werden. Eltern mit niedrigen Einkommen sind teilweise beitragsbefreit. In den vergangenen Jahren sind einige Bundesländer dazu übergegangen, die Elterngebühren für das letzte Kindergartenjahr abzuschaffen (Beispiel Bayern). Die Regelung der Förderungen durch Länder und Kommunen erweisen sich als sehr heterogen (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS), 2014). Im bundesdeutschen Durschnitt zeigt sich, dass die Kommunen knapp 60 % der Kosten tragen (vgl. Autorengruppe Fachkräftebarometer, 2014). Der Bund ist hingegen an der Finanzierung der Kindertagesbetreuung nur gering beteiligt, beispielsweise in Form einer anteiligen Unterstützung des Platzausbaus der U3-Betreuung. Diese Finanzierungslogiken sind insofern wichtig, da sie eng an die Bemessung des Personals in den Einrichtungen geknüpft sind.

Mikrostrukturelle Bedingungen

Auf mikrostruktureller Ebene treten die einzelnen Akteure des Systems Kindertagesbetreuung hervor. In erster Linie sind dies die pädagogischen Fachkräfte und andere Beschäftigte der Kitas, die zu betreuenden Kinder sowie deren Eltern. Die einzelnen Personengruppen verfügen über heterogene Interessenslagen und Bedürfnisstrukturen. Im Mittelpunkt des kindlichen Interesses steht das Spielen und Lernen in den Betreuungseinrichtungen, das Knüpfen sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen sowie das Aufbauen stabiler Beziehungen zu den Betreuungspersonen. Die Interessenslagen der Eltern richten sich an einer Kontinuität und Belastbarkeit der der Betreuungssituation aus. Diese fokussiert auf Betreuungsumfängen, die den eigenen Arbeitszeiten entsprechen sowie flexible Aufstockungsmöglichkeiten, im Sinne einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Die Förderung der kindlichen Entwicklung durch ein qualitativ hochwertiges Betreuungsszenario stellt für die Eltern einen ebenso großen Anspruch dar, wie das Heranführen der Kinder an Alltagssituationen wie eigenständiges Essen und Trinken, Schlafen im Kindergarten oder die Teilnahme an Ausflügen. Für die pädagogischen Fachkräfte sowie anderes Personal stellt die Kita in erster Linie einen Arbeitsplatz dar. Die Tätigkeit in der Kita bedeutet die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts, damit eigene familiäre Belange finanziell abgesichert werden können. Gleichzeitig verursachen die oben beschriebenen Interessenslagen der Eltern oftmals einen Interessenskonflikt der Beschäftigten: da viele Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen selbst Familie und Arbeit in Einklang bringen müssen, führen die Anforderungen der Eltern an flexible Betreuungszeiten oftmals zu Problemen des eigenen Familienmanagements der Beschäftigten. Als Konsequenz führt dies im Feld der Kindertagesbetreuung bisher zu einer hohen Quote an Teilzeitbeschäftigten (Autorengruppe Fachkräftebarometer, 2017).

Am Feld der Kindertagesbetreuung zeigt sich besonders deutlich der enge Zusammenhang zwischen Makro- und Mikrostrukturen. Die politischen Umsetzungsmodi beeinflussen wesentlich die Ausgestaltungsmöglichkeiten familiärer Lebensführung (sowohl der betreuten Familien als auch der Beschäftigten), gleichzeitig wirken gesellschaftliche Veränderungsprozesse auf der Mikroebene der Familien auf die Initiierung politischer Modelle und Gesetzesvorschläge ein.

Literatur

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2017): Fachkräftebarometer frühkindliche Bildung. München.

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2014): Fachkräftebarometer frühkindliche Bildung. München.

Weimann-Sandig, N./Weihmeyer, L./Wirner, L. (2016): Quereinstieg in Kindertagesbetreuung und Altenpflege. Ein Bundesländervergleich. Düsseldorf.

Ergänzende Arbeitshilfen

Übersicht: Aspekte der pädagogischen Qualität in einer Tageseinrichtung für Kinder

Die Übersicht zeigt Aspekte der pädagogischen Qualität im Hinblick auf deren Struktur-, Prozess- und Konzeptqualität. Orientieren Sie sich in Ihrem Qualitätsmanagement an dieser Einteilung, um das QM zu strukturieren. Dokument herunterladen

Regeln und Beispiele von Kernprozessen

Jede Kindertagesstätte sollte die Kernprozesse des Hauses identifizieren und mindestens für alle intern Beteiligten verbindlich darlegen. In dieser Arbeitshilfe finden Sie die Regeln zur Konzeption von Kernprozessen und Beispiele. Dokument herunterladen

Jaich, Roman: Finanzierung der Kindertagesbetreuung in Deutschland. Gutachten im Rahmen des Projekts familienunterstützende Maßnahmen des DJI.


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