Abschnitt: Die Kita als Organisation → Wissensmanagement
 

Das ist Wissen und so entwickelt es sich mit zunehmendem Alter

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Obwohl Wissen für Lernprozesse unabdingbar ist, ist Wissen primär kein pädagogischer, sondern eher ein psychologischer Begriff und im gesellschaftlichen Kontext ein soziologischer Aspekt (Nolda, 2010). Das Verb wissen geht aus dem griechischen ideîn für »erblicken, sehen, Erscheinung und Gestalt« hervor. Dem germanischen Sprachbereich folgend, gehören ferner die Worte »weise, weissagen und verweisen« zu dieser Sprachwurzel (Wermke et al., 2001). Wozu der Begriff »Wissen« sowohl im alltäglichen wie im beruflichen Alltag von Bedeutung ist, soll nachfolgend aus philosophischer, psychologischer und soziologischer Perspektive aufgezeigt werden.

Bedeutung des Begriffs Wissen

Philosophen bzw. Philosophinnen sehen Wissen als Inbegriff der Erkenntnis und die Unterscheidung zwischen praktischem Wissen i.S.v. »Wissen – das« und dem theoretischen Wissen »Wissen – warum«, geht auf Aristoteles zurück. In der Folgezeit konzentrierten sich philosophische Forschungen auf die zweite Art des Wissens (Wissen – warum), die zum Gegenstand der Erkenntnistheorie wurde (Krüger et al., 2002).

Psychologen bzw. Psychologinnen verstehen Wissen als facettenreichen Prozess, der sämtliche Strategien zur Speicherung [Informationen einprägen], der Organisation [Beziehung innerhalb der unterschiedlichen Informationen herstellen] und der Wiedergabe von Wissen [erinnern] umfasst (Nolda, 2010).

Von weiterer Bedeutung ist die Planung und Steuerung von Wissen, die auch als Steuerungs-oder Meta-Wissen bezeichnet wird.

Die Kognitionspsychologie beschäftigt sich mit der Frage wie Wissen erworben wird; welche Wahrnehmungsbilder und Vorstellungen entstehen, wie Wissen abgerufen wird und ob und wie Wissen sich im Laufe der (Lebens-)Zeit verändert. Außerdem wird unterschieden zwischen »trägem« Wissen [erworbenes Wissen, das in Anwendungssituationen nicht genutzt werden kann] und »intelligentem« Wissen [das stark strukturiert, vernetzt und somit vielfältig anwendbar ist] (Nolda, 2010).

Die Wissenssoziologie geht wiederum davon aus, dass Wissen nicht objektiv, sondern eine subjektive Konstruktion von Wirklichkeit sei (Konstruktivismus). Die pädagogische Aufgabe würde darin bestehen, »träges Wissen« zu aktivieren und für alle Lebensbereiche nutzbar zu machen (Nolda, 2010). Angesichts des steigenden Stellenwertes von prozeduralem Wissen wächst die Relevanz an fachübergreifenden Qualifikationen wie Problemlösekompetenz und sozialer Kompetenz (Nolda, 2010).

Definition des Begriffs Wissen

Im Folgenden soll als Definition für Wissen die Verknüpfung der Wortherkunft »Wissen« (weise) in Verbindung mit der philosophischen Bedeutung »Erkenntnis« leitend sein. Die pädagogische Zielsetzung sollte darin bestehen, erworbene Weisheit und Erkenntnisse zu strukturieren und mit weiteren Kenntnissen so zu kombinieren, dass diese vielfältig anwendbar sind. Dabei ist Weisheit keine Frage des Alters, sondern eher die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse und Erfahrungen für sich selbst sinnvoll miteinander zu verknüpfen und entsprechend zu handeln.

Psychologen bzw. Psychologinnen vergleichen Weisheit mit einer Art »Expertenwissen« zu grundlegenden pragmatischen Fragen des Lebens. Die folgenden fünf Wissensarten definieren diese Weisheit, wobei offenkundig jedes Element der Weisheit durch ein nachdenkliches Leben erworben werden kann.

  1. 1.

    Reichhaltiges Faktenwissen [allgemeines und spezifisches Wissen];

  2. 2.

    Reichhaltiges prozedurales Wissen [allgemeines und spezifisches Strategiewissen];

  3. 3.

    Lebenslange Kontextsensibilität [Wissen über Zusammenhänge];

  4. 4.

    Realitätswissen [Wissen um Unterschiedlichkeit];

  5. 5.

    Wissen um Unsicherheit [Wissen über Unterschiedlichkeit und Unvorhersagbarkeit]. (Baltes/Lindenberger, 1988, eigene Übersetzung)

Damit diese einzelnen Wissensmerkmale im Laufe des Lebens erreicht werden können, sind die unterschiedlichen Stufen der Entwicklung bedeutsam. Erikson (Zimbardo/Gerring, 1999) bezeichnete die Übergänge der einzelnen Entwicklungsstufen als Krise, die den jeweiligen »Wendepunkt« in der Entwicklung anzeigen. In der Gegenüberstellung der Entwicklungsstufen nach Erikson und dem Konzept der Altersweisheit zeigt sich einmal mehr die elementarpädagogische Relevanz frühkindlicher Bildung auf dem Weg zu einem gelingenden Wissensmanagement:

Entwicklungsstufen – Erikson

Konzept Altersweisheit – Baltes/Lindenberger

Ungefähres Alter

Krise

Wissensart

Merkmale v. Weisheit

Stufe 1: 0–1 ½ Jahre

Vertrauen versus Misstrauen

 

 

Stufe 2: 1½–3 Jahre

Autonomie versus Selbstzweifel

 

 

Stufe 3: 3–6 Jahre

Initiative versus Schuld

 

 

Stufe 4:

6 Jahre–Pubertät

Kompetenz versus Minderwertigkeit

Reichhaltiges

Faktenwissen

Allg. und spezifisches Wissen über Umstände u. vielfältige Ausprägungen des Lebens von Menschen

Stufe 5: Jugend

(Adoleszenz)

Identität versus

Rollendiffusion

Reichhaltiges

prozedurales

Wissen

Allg. und spezifisches Strategiewissen, um bei vielfältigen Lebensfragen kompetent urteilen u. beraten zu können

Stufe 6: Junges Erwachsenenalter

Intimität versus Isolation

Lebenslange

Kontextsensibilität

Wissen über Lebens-Umstände und ihre (temporären) Zusammenhänge

Stufe 7: Mittleres Erwachsenenalter

Generativität versus Stagnation

Relativitätswissen

Wissen um Unterschiedlichkeit zu individuellen Wertvorstellungen; Überzeugungen und Lebenszielen

Stufe 8: Höheres Erwachsenenalter

Ich-Integrität versus Verzweiflung

Wissen um

Unsicherheit

Wissen über relative Unbestimmtheit und Unvorhersagbarkeit des Lebens und Kenntnis zu Strategien im Umgang mit Unbestimmtheit und Unvorhersagbarkeit

Tabelle 1: »Gegenüberstellung der Stufen psychosozialer Entwicklung (Erikson) und Wissensarten/Merkmale von Weisheit (Baltes/Lindenberger)«, (abgeleitet aus Zimbardo/Gerring, 1999), eigene Darstellung

Obwohl die von Erikson (1973) gekennzeichneten Altersangaben nicht deckungsgleich auf die einzelnen Elemente der Wissensarten übertragen werden können, zeigen sich insbesondere inhaltliche Übereinstimmung bei den letzten Stufen. Die Psychologen Zimbardo und Gerring (1999) führen zu Stufe 8 der psychosozialen Entwicklungsstufe zum Wendepunkt »Ich-Integrität versus Verzweiflung« aus: »Das Wissen um die eigene Sterblichkeit und um die Veränderungen im Hinblick auf den Körper, das Verhalten und die sozialen Rollen sind die Grundlage für Eriksons letzte Stufe: das höhere Lebensalter. Auf dieser Stufe ist die Krise der Konflikt zwischen Ich-Integrität und Verzweiflung. Wurden die Krisen auf allen vorhergehenden Stufen gelöst, bereitet sich der ältere Erwachsene darauf vor, ohne Reue zurückzublicken und sich seines Gefühls der Ganzheit zu erfreuen. […]«.

Literatur

Baltes, P. B., /Lindenberger, U. (1988): On the range of cognitive plasticity in old age as a function of experience: 15 years of intervention research. Behavior Therapy, 19, 283–300, In: Zimbardo, P.G.; Gerring, R. J. (1999): Psychologie. Springer, Berlin; Heidelberg New York, 7. überarbeitete Auflage.

Erikson, E.H. (1973): 10.2 Ein theoretischer Rahmen zum Verständnis der lebenslangen Entwicklung: Die psychosozialen Entwicklungsstufen nach Erikson, In: Zimbardo, Ph.G./Gerring, R.J. (1999): Psychologie. Springer, Berlin; Heidelberg; New York, 7. überarbeitete Auflage.

Krüger, W./Müller, Vhr./Oetjens, C./Oetjens, H. (2002): Schülerduden Philosophie. Dudenverlag, Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich.

Nolda, S. (2010): Wissen. In: Arnold, R. Nolda, S./Nuissl E. (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenbildung. Klinkhardt UTB, Bad Heilbrunn.

Wermke, M./Kunkel-Razum, K./Scholze-Stubenrecht, W. (2001): Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Dudenverlag, Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich.

Zimbardo, Ph.G.; Gerring, R. J. (1999): Psychologie. Springer, Berlin; Heidelberg; New York.

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