Abschnitt: Die Kita als Organisation → Stressmanagement
 

Das müssen Sie über Stress wissen

fotolia_55117188_haywiremedia.jpg
© HaywireMedia / Fotolia

Fachkräfte in sozialen Berufen werden vor vielfältige Anforderungen gestellt. Neben personenbezogener Dienstleistung erfordert die tägliche Konfrontation mit unterschiedlichen Charakteren und Ansprüchen von Eltern, Großeltern, Trägern, Kolleginnen und Kollegen und Kindern ein hohes Maß an Flexibilität und Professionalität. In vielen Kindheitspädagogischen Bildungseinrichtungen ist die Personalsituation als »angespannt« anzusehen. Veränderte Rahmenbedingungen stellen die Mitarbeiter/-innen vor neue Herausforderungen und mitunter können bisherige Werte und Anspruchsniveaus in Frage gestellt werden und zu Stresssituationen führen (Hurrelmann/Timm, 2011).

Der Begriff »Stress«

Was unter dem Begriff »Stress« zu verstehen ist, soll anhand verschiedener Definitionen dargestellt werden. Die Psychologen Zimbardo und Gerring (1999) sehen im Stress einen »[…] subjektiv unangenehmen Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark aversive, subjektiv zeitlich nahe (oder bereits eingetretene) – und subjektiv lang andauernde Situation sehr wahrscheinlich nicht vollständig kontrollierbar ist, ihre Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint.«

Der Begriff wurde bereits 1936 von dem österreichisch-kanadischen Biochemiker und Mediziner Hans Selye geprägt, der den englischen Begriff für Druck und Anspannung zugrunde. Der Körper reagiert auf verschiedene unspezifische Reize wie Verletzungen, Verbrennungen, Strahleneinwirkung, emotionale Belastung unter anderem mit erhöhter Aktivität des Sympathikus. Der Sympathikus-Nerv ist Teil des vegetativen Nervensystems, das diejenigen Körperfunktionen steuert, die primär nicht dem menschlichen Willen und Bewusstsein unterliegen, sondern automatisch und unbewusst ablaufen. legte (Pschyrembel, 2007)

Die Stresswirkung auf das Herz-Kreislauf-System

Im Stress werden Substanzen ausgeschüttet, die das Herz-Kreislauf-System anregen (Katecholamine) und den Blutdruck ansteigen lassen (Pschyrembel, 2007). Um zu verstehen, warum im Stressgeschehen Herz und Kreislauf in Mitleidenschaft gezogen werden, ist ein Blick in frühere Zeiten erforderlich. Im akuten Stress werden die beiden wichtigen Aktivitätshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Dieser Mechanismus wurde z.B. in der Steinzeit für konkrete Kampf- oder Fluchtreaktionen gebraucht, die heute noch genauso für unsere Arten von Stress wie z.B. Botschaften per E-Mail gelten, die uns in Aufregung versetzen (Nelting, 2010).

Wenige Minuten nach dem aufregenden Ereignis wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Es sorgt dafür, dass die Aktionsbereitschaft im Körper weitergeführt wird und die Reaktionen der Blutgefäße noch besser auf die beiden Aktivitätshormone (Adrenalin und Noradrenalin) eingestellt werden. Dies soll den Körper in Höchstleistung versetzen, um das aufregende Ereignis bestmöglich zu bewältigen. »Das Ganze ist für kurze Zeit ausgelegt und für maximalen körperlichen Krafteinsatz im Kampf oder schnellstmögliche Bewegung bei der Flucht. Dafür pumpt das Herz mit hoher Frequenz, zusammen mit der Wirkung von Cortisol steigt also auch der Blutdruck, das Blut wird in die Muskeln gepresst, und der Zuckerspiegel steigt unter Cortisol an, damit die Muskeln genug Energie zur Verfügung haben. Dies ist der Ablauf der normalen Stressreaktion« (Nelting, 2010).

Stressformen (Eustress und Distress)

Nach Selye werden als Eustress diejenigen Reize bezeichnet, die als angenehm empfunden werden, also positiver Stress. Als bekanntes Beispiel wird hierzu oft eine Hochzeitsvorbereitung für ein Brautpaar genannt: Viel Organisation im Vorfeld, jedoch mit Blick auf den besonderen Tag durchaus ein positiver Stress. Wenn man die Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt, den stressenden Anforderungen gerecht zu werden, und die Möglichkeit hat, die dadurch freiwerdenden körperlichen Energien auch auszuleben, spürt man positiven Stress. Aufgrund dieser positiven Stressempfindung kann sogar das Selbstvertrauen und Wohlbefinden gesteigert werden, was wiederum in Fitness oder Vitalität resultiert (Stangl, 2017).

In Abweichung zu Selye, der noch zwischen dem positivem Eustress und dem negativem Distress unterschied, wird Stress heute überwiegend negativ und als unangenehm empfundener Spannungszustand betrachtet. Dessen Folgen können allerdings kurzfristig auch positiver Art sein, etwa die Erhöhung der Handlungskompetenz bei Bewältigung der Stresssituation oder Erweiterung der Frustrationstoleranz eines Individuums (Stangl, 2017).

Langfristige Folgen von negativem Stress

Negativer Stress (Disstress oder Distress) entsteht durch unzureichende Anpassung des Körpers an Belastungen oder infolge eines Missverhältnisses zwischen den Anforderungen und dem subjektiven Bewältigungsverhalten. Andauernder Distress bewirkt eine Verringerung der Abwehrkräfte und kann die Entstehung chronischer Erkrankungen begünstigen (Pschyrembel, 2007).

Früher ging man davon aus, dass psychische Belastungen lediglich das Immunsystem durch Glukokortikoide (Umgangssprachlich: Kortison) schwächen und es unter anderem zu Begleiterkrankungen wie Depressionen, Panikattacken, Rücken- und Kopfschmerzen, gehäuften Infekten und Entzündungen kommt (Nelting, 2010). Inzwischen belegen Forschungen, dass bei chronischem Stress zudem die Aktivität der Lymphozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen und Teil des Immunsystems, durch das umgangssprachlich bekannte Kortison gehemmt werden.

Psychoneuroimmunologen/-innen erkennen darin nicht nur die Begünstigung von Entzündungen durch psychische Faktoren, sondern dass rückwirkend auch das Erleben und Verhalten der Zellen verändert wird, die für die Immunabwehr verantwortlich sind. Dieses Phänomen wird in der Psychoimmunologie als »Sickness Behavior« bezeichnet und steht für die psychischen Symptome von körperlichen Erkrankungen wie Erschöpfung, Appetitverlust, Schlafstörungen, Traurigkeit, Interesselosigkeit, kognitive Störungen (Schubert, 2011).

Literatur

Hurrelmann, K./Timm, A. (2011): Kinder-Bildung-Zukunft. Drei Wege aus der Krise. Klett, Stuttgart.

Nelting, M. (2010): BURN OUT. Wenn die Maske zerbricht. Wie man Überbelastung erkennt und neue Wege geht. Mosaik, München.

Pschyrembel, W. (Hrsg.) (2007): Klinisches Wörterbuch Psychrembel. Walter de Gruyter, Berlin; New York. 261., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Artikel: »Katecholamine«, »Stress«, »Nervensystem, vegetatives«, »Psych«.

Schubert, Chr. (2011): Von der Psyche zum Immunsystem und zurück. Wechselseitige Abhängigkeiten von Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Neu-Isenburg: Springer Medizin, Ärzte Woche 4/2011.

Stangl, W. (2017): Distress. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. © Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, Wien. URL: http://lexikon.stangl.eu/4138/distress/; http://lexikon.stangl.eu/4136/eustress/

Zimbardo, P.G./Gerring, R. J. (1999): Psychologie. Springer, Berlin; Heidelberg New York.

Ergänzende Arbeitshilfen

Merkblatt: Entstehung und Unterscheidung von Stress

Dieses Merkblatt zeigt auf, inwiefern Stress sich positiv auswirken kann, wo der Unterschied zu schädlichem Dis-Stress liegt und unter welchen Umständen er überhaupt entsteht. Dokument herunterladen

Übersicht: Der Unterschied zwischen Eu-Stress und Dis-Stress

Der Unterscheid zwischen dem positiven Eu-Stress und dem belastenden Dis-Stress wird in diesem Überblick dargestellt. Nutzen Sie die Informationen, um zukünftig schädlichen Stress zu vermeiden. Dokument herunterladen

Merkblatt: Auswirkungen von Stress auf Gesundheit, Denken und Handeln

Dauerhafter Stress schadet auf vielen Ebenen. Welche Bereiche betroffen sein können und inwieweit Handlungs- und Entlastungsbedarf besteht, können Sie dieser Arbeitshilfe entnehmen. Dokument herunterladen

Nach oben

Anmelden